Krallenhände in der Geisterbahn

28.8.2019. Geisterbahnen gibt es nicht nur auf dem Oktoberfest. Die Besucher werden im schummerigen Halbdunkel herumgefahren und zwischendurch kreischen Vampire oder rot beleuchtete Totenköpfe lachen. Schon als Kind war das ein Spass. Man wusste vorher, was einen erwartet, amüsierte sich zehn Minuten lang und dann war es vorbei. Im Lauf der Zeit wiederholten sich die gruseligen Einfälle. Manchmal sah man dann draußen Schilder mit dem Text: „Neue Gespenster eingetroffen.“ Das sind verkleidete Studenten, die plötzlich ins Abteil schreien oder kreischen. Im Wiener Prater war man manchmal bereits kurz vor dem Ausgang, aber dann sprang ein Fledermaus-Dracula aus der Nische und fuchtelte herum.

Vor einem Jahre beklagte sich ein junger Bavaria-Produzent bei mir, dass die Firma zwar die bestmögliche technische Ausstattung hat, „aber uns fällt nichts mehr ein.“ Die leeren Kinosäle bestätigen das. Er kam dann auf die Idee mit nackten Tatsachen. Ich habe ihm geraten, dabei mitzuspielen und passend zum Beginn der Weihnachts- und Geschenkezeit kam der Film dann tatsächlich für eine Woche in Münchner Kinos. Weil das Werk weder ernstzunehmende Dialoge hatte, keine sehenswerte Handlung und nur in preiswerten Studentenbuden spielte, hat mir selbst die kurze Vorschau schon gereicht, und auch andere Zuschauer blieben lieber zu Hause.

In dem unterhaltsamen Gespräch damals kamen wir auch auf Horrorfilme. Er meinte, dass die Angst im Leben eines jeden Menschen eine große Rolle spielte. „Aber nicht bei euren elektronischen Tricks, dämlicher Musik und ständig quatschendem Partyvolk“.

Wie funktioniert das überhaupt noch? Die Hollywood-Regisseure Roland Emmerich („Joey“) und Wolfgang Petersen („Das Millionenspiel“) haben in ihren Münchner Anfangsjahren die ersten Erfolge gehabt. Bei Petersen sah man, wie aufgehetzte Fernsehzuschauer ausdauernd einen Unschuldigen jagten, der ständig von Kameras beobachtet wurde. Emmerich zeigte einen kleinen Jungen, der oft unheimliche Geräusche im Haus hörte. Das wurde dann immer auswegloser und trostloser, aber viele Leute schauten damals gern zu. Beide Kintopp-Meister haben schon seit einiger Zeit keine großen Erfolge mehr. Sie sollten gemeinsam eine Neu-Auflage der alten Klamotten planen. Zu befürchten ist, dass trotzdem sich Niemand das ansehen will.

Ein Großmeister der ausgefeilten Spannung war Alfred Hitchcock. Seine besten Filme kreisen um das Thema Angst, aber er versucht es aufzulösen und die Ursachen zu zeigen. Ohne groß darüber zu reden, verwendete er die Methoden der Psychoanalyse, die bei allen Störungen vorsichtig nach den Ursachen forscht und bei richtiger Anwendung eine starke Wirkung hat.

Kürzlich rutschte ein Bekannter betrunken auf einer Treppe aus und hatte glücklicherweise nur eine leichte Prellung. Doch die behandelnden Mediziner rieten ihm dringend, auch eine Psychotherapie mitzumachen. Wenn jeder Betrunkene auf dem Oktoberfest hinfällt und dann zum Kopfdoktor soll, kann man das Volksfest gleich schließen.

Die zgerade erwähnte Therapie habe ich selbst übernommen. Wir haben bei alltäglichen Treffen schon seit längerer Zeit darüber gesprochen, dass er als Fünfzigjähriger zu viel Geld ausgibt und lieber für seine Altersjahre sparen soll. Das hat er selbst eingesehen und ist jetzt auf dem besten Weg zur Selbsthilfe. Vorher hat er allerdings auftragsgemäß ein paar Berufs-Therapeuten aufgesucht und danach echte Horrorgeschichten erzählt, die man im Kino bisher noch nicht zu sehen bekam.

Ein angeblicher Herzdoktor erklärte mir einmal, dass er den Eid des Hippokrates nicht kenne. Er lautet: „Handle als Arzt nur so, dass es gut für deine Patienten ist.“ Nach dieser Information bliebt er trotzdem ungerührt dabei, dass er einen solchen Eid nie unterschrieben hätte. Das muss er auch nicht, denn schon im antiken Griechenland war das ein zentrales Lebensmotto für alle ernstzunehmenden Ärzte, eine selbstverständliche Berufspflicht. Der Bruder des angeblichen Herzdoktors erzählte mir später, dass er in Wirklich als Dachdecker arbeitet. So vornehm mit Goldrandbrille und seidenen Hemden, wie er auftritt, kann man allerdings kein einfacher Handwerker sein, sondern der Dachdecker war ein Kopfdoktor. Ein Psychiater.

Der gesamte medizinische Berufsstand hat verdientermaßen ein hohes Ansehen, aufgrund seiner unverzichtbaren Leistungen. Aber wie in jedem anderen Beruf gibt es auch dort nicht nur ein paar Schwarze Schafe, sondern ganze dunkle Hammelherden, mit geldgierigen Krallenhänden wie in den Geisterbahnen.

Die Zeitungen sind voll von solchen Skandalen. Einer meiner langejährigen Freunde brauchte dringend eine Lebertransplatation. In einem bekannten Klinikum wurde er jedoch ein Jahr lang auf eine Warteliste gesetzt und mit teuren Medikamenten behandelt (Packungspreis 2.000 Euro), die nichts bewirkten. Bei meinem letzten Krankenbesuch war er so geschwächt, dass er kaum noch die Augen aufbekam und mit Mühe flüsterte „Hilf mir!“ Daraufhin bestätigte mir ein Krankenpfleger seines Vertrauens, dass er immer noch auf der Warteliste war. Da habe ich mich zum ersten Mal eingemischt: „Das ist längst ein Notfall. Er muss sofort von der Warteliste herunter. In der Süddeutschen Zeitung stand kürzlich, dass auch an diesem Krankenhaus Organhandel betrieben wird. Gut zahlende Millionäre kommen sofort dran. Das ist unterlassene Hilfeleistung für die normalen Kassenpatienten und verboten.“ Drei Tage späte wollte ich mich zu einem neuen Besuch anmelden. Die Stationsschwester sagte, „Er liegt im Operationssaal.“ Der Eingriff verlief erfolgreich und ein paar Wochen später konnt er schon wieder nach Hause.

Ein Einzelfall ist das nicht. Die Medizintechnik wird immer besser und forscht sogar im winzigen Nanobereich, den vor allem Physiker nutzen. Aber was für Figuren werden da auf die Menschheit losgelassen? Fehler werden vertuscht, Raubzüge und Bereicherung bei den Krankenkassen werden verheimlicht. Außenstehende vertrauen immer noch blind allen Gutachtern im weißen oder grünen Kittel. Sogar Gerichte fällen folgenschwere Urteile, weil sie keine Fachkenntnisse haben.

Im personell genauso leidenden, schlecht bezahlten Pflegdienst für die häusliche Betreuung sind Figuren unterwegs, deren Gesichter und Kleidung die Vermutng nahelegen, dass sie in einem ganz anderen Gewerbe arbeiten, aber aus Altersgründen dort keine Aufträge mehr bekommen. Dass einige Pflegedienste betrügerisch mit den Krankenkassen abrechnen, ändert natürlich nichts daran, dass die Mehrzahl der Mitarbeiter seriös sind und harte Arbeit leisten.

Wegen der gesetzlichen Schweigepflicht kann man Ärzte auch nicht lückenlos mit Videokameras überwachen. Aber ein gewaltiger Fortschritt wäre es schon, wenn alle Patienten beim Verlassen einer Praxis einen Aparat benutzen, der sie zur Beantwortung von ein paar kurzen Fragen auffordert. Mit Schulzensuren von 1- 6 ( sehr gut bis ungenügend) kann auf einer Tastatur durch Ziffern dokumentiert werden, ob die Behandlung zufriedenstellend war, Medikamente verschrieben wurden, die Länge der Wartezeiten und der persönliche Eindruck vom Doktor.“ Das Ganz muss natürlich anonym gespeichert werden und gesichert sein gegen Manipulationen. Die Auswertung ist Sache der zuständigen Ärztekammern, die bei schlechten Ergebnissen genauere Prüfungen durchführen oder Testpatienten vorbeischicken könnnen. Allein eine Analyse individueller Krankenakten kann da zu überraschen Erkenntnissen führen, zum Entzug der Appobation (ärztlichen Zulassung) und die Opfern vor weiteren Falschbewertungen schützen.

Außerdem hat jeder Arzt eine Haftpflichtversicherung, die an Opfer Entschädigungen zahlt. Bei Absicht (Vorsatz) oder grober Fahrlässigkeit haftet jeder Falschbwerter allerdings mit dem eigenen Privatvermögen.

Was würde ein unfähiger oder bösartiger psychiatrischer Quacksalber sagen, wenn er ein Lied hört, das fast nur aus den Worten „Blabla und“ „Dadada“ bestehen? Die fachärztliche Diagnose würde natürlich einen verrückten Autor zusammenphantasieren. Aber es handelt sich nur um einen Scherz, der als Eintagsfliege auch zu Recht erfolgreich war. Stephan Remmler singt das hier:

https://www.youtube.com/watch?v=lNYcviXK4rg