Lotus

14.3.2016. Ein altes Café, renoviert, aber sonst unverändert erhalten, wie vor fünfzig Jahren. Mattgoldene Tapeten, helle Stoffsitze, Kronleuchter, Spiegel mit Jugendstil-Ornamenten. Trotzdem kein Oma-Café, sondern voll junger Leute. Studenten der nahen Universität.  In den angrenzenden Straßen gibt es genug moderne Bistros, Stehimbisse mit austauschbarer Einrichtung, langweilig, verwechselbar. Doch gerade deshalb wirkt das Originelle, auch weil es immer mehr auf dem Rückzug ist, auf der Flucht vor genormten Schuhschachtel-Gebäuden mit monotonen Fassaden aus grauem Sichtbeton.

Der junge Mann am Nebentisch greift nach seinen Büchern und versenkt  sich in die Gedanken von Autoren längst versunkener Zeiten, ist jetzt unterwegs  in anderen Welten.

Im Fernen Osten nennt man die Körperhaltung beim Meditieren den Lotussitz, weil er der Form einer Blüte nachempfunden ist. Durch Konzentration wird ihre Schönheit sichtbar, bis in den Gedanken ein neues Bild entsteht, aus vorher bekannten Einzelteilen, deren Zusammenhang bis dahin nicht erkennbar war.

Im Alten Ägypten war der Lotus ein wichtiges Symbol. Zitat aus der Wikipedia:

„Der Lotos war neben dem Skarabäus das wichtigste Symbol für Regeneration und Auferstehung. Diese Bedeutung des Lotos geht auf die Eigenschaft der Pflanze zurück, ihre Blüten bei Sonnenuntergang zu schließen, unter Wasser zu tauchen und bei Sonnenaufgang wieder aus dem Wasser emporzusteigen. Somit symbolisiert der Lotos, ebenso wie der Skarabäus, außerdem die Sonne. Die blaue Lotosblüte galt im Alten Ägypten als heilig.

https://de.wikipedia.org/wiki/Lotos_%28Altes_%C3%84gypten%29

Die Naturwissenschaften haben die Grenze zum Unsichtbaren immer wieder überschritten. Albert Einstein entdeckte in Regelabweichungen eine ganze, nicht direkt wahrnehmbare Welt mit eigenen Abläufen. Sigmund Freud erforschte die mächtigen Kräfte des  Unterbewusstseins, dessen Gedächtnisspuren das Handeln des Menschen steuern.

Doch ist das Alles? Dahinter ist noch etwas, das nicht angerührt werden will und nicht beeinflusst werden kann. Diese Kräfte bewegen die ganze Welt. Sie bündeln Licht, das auch die stärksten Schatten durchdringt. Sie  kommen aus der Zentrale, die Alles steuert. Signale, wie ein unterirdischer Vulkan, der nicht ausbricht, aber glüht und atmet.

Die ersten christlichen Kirchen waren nicht sehr kunstvoll gestaltet. Aber das änderte sich. Im Hochmittelalter vor 1000 Jahren erreichte dese Bauform ihren Höhepunkt mit den Kathedralen. In einer unendlichen Vielfalt von Säulen, Gewölben, Fenstern, Erkern und Statuen sollten sie ein Abbild des Paradieses sein. Gebaut wurden sie – unter der Anleitung und nach den Ideen genialer Baumeister – von Maurern, die nicht fest angestellt waren und frei  von Arbeitsstätte zu Arbeitsstätte durch die Welt  zogen. Daraus entstand die Idee der Freimaurer, die nicht an sichtbaren Gebäuden arbeiten, sondern eine geistige Welt schaffen, die dem „Allmächtigen Baumeister  aller Welten“ (ABAW) dient und sie nach seinem Willen formt.

Claude Debussy zeichnete in einem Klavierstück das Klangbild einer im Meer versunkenen Kathedale. Leopold Stokowski hat daraus eine geheimnisvolle Fassung für großes Orchester geschaffen, mit Posaunen, Orgel, Chor und Glocken. Hier kann man das hören:

„Die versunkene Kathedrale“

https://www.youtube.com/watch?v=mEFuhWLenTA

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