Ludwig Erhards Zauberformeln

8.10.2019. Ein eigenes Thema ist längst fällig für die halb vergessenen Wegmarken, die Ludwig Erhard ( 1897 – 1977 ) erfand. Die wichtigen Wirtschaftswissenschaften gibt es schon seit den ersten menschlichen Staaten. Vieles ist längst überholt, aber ein paar Sätze bleiben immer hängen. Zum Beispiel: Sparsamkeit ist überhaupt nichts Neues, aber wenn ein vermeintlicher Überfluss täuscht, werden plötzlich Kredite aufgenommen. Das neue Luxusauto steht dann schnell vor der Tür, aber das geliehene Geld muss zurückgezahlt werden, und dazu die Zinsen, die das Privateinkommen zusätzlich belasten. Mancher Sportwagen steht schon für die Müllpresse auf dem Schrottplatz, aber der Kaufpreis muss noch jahrelang eisern zurückbezahlt werden, sonst droht noch Schlimmeres.

Erhard hat das weltweit bestaunte deutsche „Wirtschaftswunder“ geschaffen. Er verwendete natürlich das Wissen seiner Vorfahren, baute daraus aber ein eigenes Regelwerk, über das er nicht nur im weltfernen akademischen Elfenbeinturm schrieb, sondern es als erster Wirtschaftsminister auch realisierte und der ganzen Bevölkerung finanzielle Spielräume öffnete.

Mehr als seine Hauptgedanken sind hier aus Platzgründen nicht möglich, aber das Internet bietet für Jeden die Möglichkeit, sich selbst ein gründlicheres Wissen anzueignen.

Sein Hauptgedanke war der freie Markt. Im Unterschied zur zentral gelenkten Planwirtschaft, die veränderbare oder flasche Prognosen der Regierung eisern durchsetzte und erzwang, lebt der freie Markt von der Konkurrenz und dem Sachzwang, nicht nur die beste Qualität zu liefern, sondern auch zum günstigsten Preis für die Kunden. Heimliche Absprachen der Produzenten wurden verboten und in einem eigenen Kartellgesetz unter Strafe gestellt.

Wer wirklich etwas leistete, bekam dafür zu Recht Gewinne, und der weit verbreitete Neid, gegenüber Millionären auf dieser Basis, schadet nur. Den Betrieben. Den Mitarbeitern. Und den Familien, die vom Gehalt ihr gemeinsames Leben finanzieren. Dazu kam die „soziale“ Komponente, mit der dir Gutverdiener etwas abgeben mussten für die Ärmeren, durch Steuern, Stiftungen, Projektfinanzierungen und abzugsfähige Spenden.

„Maß halten!“ forderte Erhard immer wieder. Als Jugendliche lachten wir über den „Dicken mit der Zigarre“. Aber wenn jemand gern isst und genießt, ist das ganz normal. Erhard meinte die Übertreibung. Die um sich greifende Geldverschwendung. Das Leben auf Pump mit geliehenem Geld. Betrügereien und alle Verstöße gegen das Handelsgesetzbuch (HGB), das vom „ehrlichen Kaufmann“ und seiner jährlichen Geschäftsbilanz fordert: „Klarheit und Wahrheit“. Wenn allerdings solche Bilanzen gefälscht werden, Computer für schwer durchschaubare und zunächst kaum nachweisbare Abgasmessungen von teuren Autos systematisch, über lange Zeiträume manipuliert werden, dann ist das Wirtschaftswunder bald nur noch ein falsches „Sommermärchen“ wie die bekannten heimlichen Zahlungen an den Weltfußballverband FIFA. Die Prominenz der wohlhabenden und zum Teil beliebten Beteiligten schützt sie dabei nicht. Die ersten konkreten Anklagen der ermittelnden Staatsanwaltschaft wurden vor ein paar Tagen bekannt.

In der letzten Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung wurde über einen neuen KInofilm berichtet: Steven Soderberghs „The Laundromat – die Geldwäscherei“ mit Meryl Streep. Es geht darin um die realen „Panama-Papiere“, die ein Scheingeflecht großer Firmen enthüllten. Ausnutzung von Steueroasen. Briefkastenformen, die nur aus Namen und Unterschriften bestanden, ohne tatsächliche eigene Aktivitäten. Damit sollte die Abgabe großer Steuersummen vermieden werden. Auch Schwarzgeld wurde versteckt, das aus verbrecherischen Geschäften kam.

Eigentlich war das Ganze völlig unsichtbar konstruiert und weit weg, in Südamerika. Doch die „Süddeutsche Zeitung“ bekam die wichtigsten Informationen von einem anonymen „Whistleblower“. Das sind Insider, die Einblick in Geschäftgeheimnisse haben und sie an Behörden zur Strafverfolgung oder an Zeitungen weitergeben.

Die Sicherheit dieser Informanten hängt davon ab, dass sie nicht erkannt und enttarnt werden. Das ist ihnen oft genug gelungen, aber keine Garantie. Denn gerade der elektronische Datenaustausch hinterlässt Spuren, die auch noch nach vielen Jahren rekonstruiert werden können, auch wenn die benutzten Speicher gelöscht werden, die außerdem noch Querverbindungen zu anderen Computer-Netzwerken haben.

Außerdem wird die wissenschaftliche Spurenauswertung (Forensik ) noch ganz andere Bereiche erobern. Zum Beispiel das Lesen vermeintlich unwichtiger Informationen. Was Jemand sagt oder schreibt, verrät mehr als die Worte allein. Sprachfehler, Tippfehler können – natürlich nur in wichtigen Fällen – auch ganz rasch Türen öffnen zu Gedächtnislücken, die Auffälligkeiten verbergen sollen. Zum Beispiel logische Fehler in Sachzusammenhängen, die eigentlich perfekt aufgebaut sind. Für solche Erkenntnisse bietet zum Beispiel die Psychoanalyse zahlreiche Möglichkeiten, die bisher kaum beachtet wurden.

Aber das Lesen und Auswendiglernen führt zu Nichts, wenn es nicht verinnerlicht und mit anderen Erfahrungen verknüpft wird. Auch dann bleibt ein hohes Risiko an Fehleinschätzungen und falschen Bewertungen, die viel Geld verschlingen und völlig falsche Irrwege öffnen. Fingerspitzengefühl und Bescheidenheit gehören auch zum Werkzeugkoffer.

Warum braucht man das überhaupt? Wenn alle die eingangs kurz zuammengefassten Regeln Ludwig Erhards beachten, überhaupt nicht. Dann kann man Verträge wie in fernen Frühzeiten auch wieder mit einem gemeinsamen Handschlag abschließen, wenn das Vertrauen in die gegenseitige Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit vorhanden ist und sich bewährt hat. Doch nicht alle europäischen Staaten handeln danach, und vergleicht man die wichtigsten ökonomischen Kennzahlen, findet man auch die Ursachen. Das allerdings sind keine trockenen Berechnungen, sondern hängt ab vom Umgang miteinander. Im Lauf vieler Jahre habe ich gelernt, was man mit guten Gesprächspartnern erreichen kann. Kürzlich war es zum Beispiel eine spontane Zufallsdiskussion über die neue Bühnenshow der amerikanischen Sängerin Cher in der Münchner Olympiahalle, die alle Register der optischen Faszination bot, aber auch die Grenzen solcher Ideen zeigte. Wenn zum Beispiel demnächst dreidimensionale, beliebig veränderbare Hologramme in Konzerten für höchste Realitätsnähe sorgen, dann ist es auch Zeit für die Grenze, wo ein Übermaß an Übertreibungen in das Gegenteil umschlägt. „Maß halten!“ hätte Ludwig Erhard gesagt. Er war nicht von vorgestern, sondern hat in kürzester Frist die Realität so stark verändert, dass man seine Methoden immer noch als Wunder bestaunen kann, wenn man sich icht nur flüchtig oder oberflächlich damit bechäftigt.