Luzifers Reich

19.8.2019. Luzifer gilt als Fürst der Hölle, als Satan persönlich. Doch das Wort setzt sich zusammen aus „Lux“ (Licht) und „Sphäre“ (Bereich. Das bedeutet die Herkunft aus dem Reich des Lichts. Weil er sich gegen Gott auflehnte, wurde Luzifer aus dem Kreis der Engel verstoßen und in den Abgrund gestürzt. Das bedeutet: Er hat nicht nur eine starke negative Energie in sich, sondern wollte etwas am Reich Gottes verändern und wurde dafür bestraft.

Dieses Phänomen trifft man häufig, auch im Alltag. Wer im Beruf schwere Fehler entdeckt, trifft auf harte Widerstände und wird von den Freunden des Chefs gemobbt, das heißt schikaniert. 1990, ein Jahr nach der Ostberliner Wende, lernte ich einen Sachsen aus Zwickau kennen. In der DDR hatte er sich geweigert, Russisch zu lernen, weil sein Vater amerikanischer General war. Aber er selbst kam aus den geschlossenen Grenzzäunen im Osten nicht mehr heraus. Zur Strafe für seine Weigerung, sich der herrschenden Ordnung zu fügen, bekam er überhaupt keine berufliche Unterstützung mehr, keine Weiterbildung und musste als Bauarbeiter körperliche Schwerstarbeit mit Betonplatten verrichten. Es war ein angenehmer Mensch, der einen auffälliogen sächsischen Dialekt sprach, der außerhalb seiner Heimat unbeliebt war. Fünfzehn Jahre vorher habe ich mit dem Auto Westberlin besucht. In Helmstedt bei Magdeburg war der kontrollierende Grenzsoldat sehr freundlich. „Gänsefleisch de Goffaramm äffnen?“ (Können Sie vielleicht den Kofferraum öffnen? ) Das hat er zwar nicht gesagt, aber der allseits bekannte Sachsen-Witz klang bei ihm so ähnlich. Hinter ihm ragten hohe Wachttürme mit schussbereiten Maschinengewehren. Die Transit-Autobahn war wegen fehlender Finanzen zur Reparatur durch Schlaglöcher kaputt und durfte nur mit maximal achtzig Stundenkilometer befahren werden. Aber die DDR bekam Millionen für die Genehmigung, ihr scharf abgeriegeltes Territorium überhaupt zu durchqueren. Das Verlassen der genehmigten Fahrstrecke war streng verboten.

Da ist Alles seit dreißig Jahren Wiedervereinigung vorbei. Oder ? Staatsdichter Bertolt Brecht schrieb Anfang der Fünfziger Jahre, „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem Das kroch.“ Er meinte die untergegangene Hitlerdiktatur. Aber sein Satz gilt noch heute. Als die staatslenkenden Eheleute Honecker im Flugzeug endlich in das südamerikanische Chile ausreisten, gaben sie ein Fernsehinterview. Margot sagte zum Schießbefehl an der DDR-Grenze: „Die Leute wussten doch, dass eine Ausreise verboten war und auch, dass wir uns das nicht gefallen ließen.“ „Werden Sie jemals wieder nach Deutschland zurück kehren?“ „Nur wenn die Bundesrepublik ein demokratischer Rechtsstaat geworden ist.“ Sie meinte: Ein deutscher demokratischer Rechtsstaat, also DDR.

Bekanntlich war zu dem Zeitpunkt Margots langjährige Heimat längst ein wirtschaftlicher und politischer Trümmerhaufen, der nur deshalb nicht zusammenbrach, weil die „Staatssicherheit“ (Stasi) mit allen Mitteln jeden Regimekritiker total überwachte und mit ausdauerndem Psychoterror fertig machte. Unterstützug leistete dabei die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung, teils aus Angst, mehr noch aus Geldgier oder aus niederträchtiger Lust an der Denunziation. In den Stasi-Akten der Berliner Zentralstelle kann jedes Opfer heute noch die konkreten Namen und Aussagen von Freunden, Bekannten und Verwandten nachlesen, die dabei mitgemacht haben.

Wo sind sie geblieben? Beim Fall der Mauer vor dreißig Jahren waren Viele zwanzig Jahre alt, eifrige Aktivisten, in der Hoffnug auf große Karrieren. Heute sind sie Fünfzig, also noch lange nicht in Rente. Sie sind in allen möglichen Berufen gelandet. Aber auch beim Verfassungsschutz, in den Landeskriminalämtern und den privaten Sicherheitsfirmen, Dort haben sie ihr Wissen weiter gegeben, und es wird als kostbarer Erfahrungsschatz auch heute noch genutzt. Geredet wird darüber kaum, weil zu Viele damals mitgemacht haben. Doch das hellsichtige Wort von Brecht gilt: „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“

„Die DDR war ein Unrechtsstaat“. So sanft und pflegeleicht lächelnd wie immer formulierte diese beschönigende Kurzfassung vor Jahren die immer noch nicht zurückgetretene Bundeskanzlerin Angela Merkel, die vor dreißig Jahren ehrgeizige FDJ-Abteilungsleiterin für Agitation und Propaganda war. Sie war keine Widerständlerin, sondern auch damals auf dem Weg nach ganz oben.

„Luzifers Reich“ war die DDR, aber ohne jede Spur von Hoffnung und Licht.

Dagegen war Alistair Crowley (1875 – 1947 ) schon ein ganz anderes, spannenderes Kaliber. Er natte sich selbst „Das Tier 666“. In der biblischen Apokalypse ist damit Satan selbst gemeint. Aber Crowley hat keinem Menschen etwas getan. Er formulierte die Idee des Lichts im Bösen. Er war Führungsmitglied im Orden „Golden Dawn“. Das ist die Goldene Morgendämmerung. Sie entsteht aus der Nacht und der Finsternis, wie jeder neue Tag. Diese Denkweise leugnet nicht die Herrschaft des Bösen, entwickelt sie aber weiter. Crowleys exzentrische Schriften sind zum Teil nur schwer zu verstehen, aber im Titel seiner Gemeinschaft ist bereits Alles enthalten. Denn Gold ist das kostbarste Metall, die Farbe der Herrscher. Und die Morgendämmerung gilt in vielen Kulturkreisen als Zeit des Erwachens, neuer Ideen und der Ablösung einer verbrauchten, verdorbenen Epoche durch eine neue.

Am letzten Wochenende sah ich, wie die Bedeutung der Farbe „Silber“ mit einer starken Bedeutung aufgeladen werden kann. Bei einer Tasse Kaffee setzte sich ein junger Mann in meine Nähe und sprach kein Wort. Am linken Handgelenk trug er ein einfaches schwarzes Stoff-Armband mit zwei festen Knoten. Verbunden wurde damit in der Mitte ein Silberschmuck, der elegant und unauffällig war: Zwei parallele, silberne Metallstreifen von gleicher Größe, die nebeneinander lagen und Gemeinsamkeit symbolisierten. Der Träger fühlte sich also nicht allein und einsam, sondern setzte auf die Kraft der Gemeinsamkeit mit einem anderen Denker von gleicher Art, der auch eine Verdoppelung seiner eigenen Energie bringen konnte.

Die zwei schmalen länglichen Metallstreifen verbreiterten sich an ihrem Ende. Wenn man das in Kreuzform übereinander legt, erkennt man das uralte Zeichen des Keltischen Kreuzes, das schon im vierten Jahrhundert vor Christus die keltischen Völker auf ihren Zügen durch Westeuropa begleitete. Wegen der Verdickung an seinen vier Enden wird das Zeichen auch als „Tatzenkreuz“ (wie bei einer Löwenpfote) bezeichnet. Berühmt wurde es als Erkennungszeichen des Templerordens (1118 -1312), Auf ihrem schneeweißen Gewand trugen die mittelalterlichen Ritter ein großes rotes Tatzenkreuz. Doch wegen der unbeherrschten Geldgier des französischen Königs „Philipp der Schöne“ wurden sie am 13. Oktober 1307 europaweit verhaftet, aufgrund falscher Zeugnisse zum Tode verurteilt und vernichtet.

Doch das Denken der Templer war damit nicht beendet, sondern strahlt aus bis in unsere heutige Zeit.

Am Ufer der Themse in London gibt es eine U-Bahnstation mit dem Namen „Temple“. Dort steht heute noch eine alte Kirche der Templer. Bei ihrer Vertreibung wurde das Gelände von Rechtsanwälten übernommen und in Anwaltskanzleien umgewandelt. Als ich dort vor sechzehn Jahren zum ersten Mal durchging, grüßte ein entgegenkommender Rechtsbeschützer mich freundlich, ganz unbekannterweise. Aber die starke Atmosphäre des Orts regte die Phantasie an, und es war wie die kurze Begegnung mit einem Gleichgesinnten. Hinter dieser Fläche beginnt direkt das Gebäude des „Royal Courts of Justice“. Die Engländer nennen es „Old Bailey“, und dort fanden die berühmtesten Kriminalprozesse der letzten Jahrhunderte statt, die in vielen Büchern ausführlich beschrieben wurden. Die irdische Gerechtigkeit kann sehr stark sein, aber sie ist manchmal in falschen Händen, durch Unfähigkeit oder absichtliche Rechtsbrüche.

Solcher böser Geist herrschte lange in der DDR. In München hört man immer wieder den thüringischen oder sächsischen Dialekt der früheren „Ossis“. Sie sind sehr gesprächig und lieben auch das bayerische Bier. Wenn man sie nach ihren Erinnerungen an ihre wie ein Gefängnis und total überwachte Heimat fragt, sind Viele gar nicht unglücklich. „Uns ging es damals gut.“ Aber das war nur möglich für Mitläufer. Eine Überfülle von Details dazu findet man dazu jetzt in allen Zeitungen, wegen des „dreißigjährigen Jubiläums“ der ersten Ost-Flüchtlinge, die damal in Ungarn Schutz fanden und sogar seine Grenzen öffnete, bis die anschwellende Sintflut (Sündenflut) wie Noah in seiner Arche die ganze verdorbene, fluchbelastete Vergangenheit überschwemmte und als Staat untergehen ließ. Es fiel glücklicherweise kein Schuss. Und deshalb sind die Überlebenden jetzt auch bei uns. Die Einen genauso wie die Anderen.

Die großartige Musik der DDR-Nationalhymne von Hanns Eisler ist sehr innig und voll tiefer Gefühle. Auch der Text ist ergreifend: „Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt…“ Im folgenden Video singt das ein großer Chor. Die Filmbilder zeigen als Kontrast die andere DDR. Die harte Wirklichkeit. Verbindet man diese beiden Sichtweisen miteinander, ist es wie eine hoffnungsvolle Utopie, die sich aber von Anfang an nicht erfüllte. Hier kann man das anschauen:

https://www.youtube.com/watch?v=bWe6k1F5WKQ