Mamma mia

12.5.2019. Da der italienische Süden jahrzehntelang von der Politik vernachlässigt wurde, ist es besonders erfreulich, dass der recht neue Innenminister Matteo Salvini bei diesem Thema öfter mal auf die Pauke haut und die Misstände anprangert, im Fernsehen mit eindrucksvoller Körpersprache und der gebotenen Klarheit. Als Garibaldi im Jahr 1860 den Norden und den Süden zu einem eigenen Staat vereinigte, blieb es trotzdem bei gewaltigen politischen und wirtschaftlichen Unterschieden. Nördlich von Rom herrschte die Industrie mit ihren Riesengewinnen. Südlich von Neapel blieb die Agrarwirtschaft fast unverändert. Dort wanderten die reichen Großgrundbesitzer ins Ausland ab. Sie hinterließen ihren Pächtern gegen gutes Geld die Landwirtschaft. Die neuen Herren schlossen sich zusammen, um die arme Bevölkerung noch fleißiger zu machen und daran gut zu verdienen. Das System funktioniert bis heute. Aber es gefällt dem Minister Salvini nicht, und er hat mittlerweile viele Anhänger in der Region. Der kraftgeladene Süden erwartet ungeduldig reale Verbesserungen, die trotz reichlicher Subventionen aus Rom und Brüssel jahrzehntelang im Nirwana verschwanden und in unsichtbaren Taschen landeten. Licht ins Dunkle brachten mutige Einheimische. Das kann man im Detail nachlesen.

Hier ist ein Crosslink, der direkt zu einer umfangreich dokumentierten Webseite eines Betroffenen führt:

http://www.uricchio.de/

Noch deutlicher geht es nicht. Allerdings reichen Ansprachen und Doumentationen allein nicht aus. Der Süden hat ganz eigene Qualitäten zu bieten. Orangen und Zitronen ergeben zwar schöne Bilder, aber wegen der weltweiten Konkurrenz wenig finanziellen Gewinn. Unschlagbar ist die Region bei den Landschaften, der Kultur, den historischen Orten wie dwem geheimnisvollen Castel del Monte von Kaiser Friedrich II. und den anderen alten Sehnsuchtsorten.

Lange, ursprüngliche Badestrände, noch nicht verwüstet vom Billigtourismus sind reizvoller als ein Fremdenverkehr, der nur auf die Einnahmen aus frischer Meeresluft schielt, steile Betonburgen zur Abfertigung von Menschenmassen baut und damit das Beste zerstört. Auch für die wissenschaftliche Forschung gibt es hier eine Zukunft. Vor Allem für Investoren, die nicht abhängig sind von der Hitze, zum Beispiel die Internetfirmen.

Eine Sache des Innenministers war es kürzlich, einen Ministerpräsidenten der Gegend zunächst unter Hausarrest zu stellen. Die Justiz hat Zeit genug, um Skandale und viele ähnliche Fälle genau zu überprüfen.

Gestern lief im Fernsehen eine kurze Dokumentation. Minister Matteo Salvini wurde nur auf Fotos gezeigt, aber die Bevölkerung im sizilianischen Catania nach ihrer Meinung befragt. In der Gegend von Catania spielt auch die Oper „Cavalleria Rusticana“, für die ich einen eigenen Artikel geschrieben habe. Hier ist der Crosslink:

http://luft.mind-panorama.de/die-sizilianische-nationaloper-cavalleria-rusticana/

Das in dieser Musik thematisierte Leben im ganz kleinen Bauerndorf ist auch ein Spiegelbild der großen Welt mit ihren Streitereien und Spannungen. Im Text der antiken Tabula Smaragdina heißt es: „Das Kleine ist wie das Große.“

In der kurzen Dokumentation über Catania sah man gestern die unzufriedene Bevölkerung, die zu Recht über die bisherige Passivität der römischen Zentralregierung klagte. Junge Männer mit ernsten Gesichtern haben sich zu einer neuen politischen Bewegung zusammengeschlossen, die nicht mehr Alles tatenlos hinnimmt, sondern auch selbst aktiv wird. Es sind Anhänger des Ministers Salvini. Der deutsche Kommentar hatte davon nicht viel verstanden. Eine beschwörende Stimme fragte: „Steht Italien vor einem Rechtsruck?“ So sieht Angstmacherei aus.

Die Süditaliener sind Menschen wie alle anderen. Aber sie haben eine extreme Jugendarbeitslosigkeit. Ein Einheimischer erzählte mir folgenden Witz: „Warum sind die Italiener so klein?“ Und seine Mamma antwortete: „Wenn ihr groß seid, müsst ihr arbeiten.“ Mamma mia!

Sie wollen ja arbeiten, aber man lässt sie nicht. Ohne Arbeit gibt es kein Geld und keine Zukunft. Deshalb gegen so Viele ins Ausland. München hat den Spitznamen „nördlichste Stadt von Italien“. Man trifft sie überall, meistens in der Gastronomie, wo auch nur niedrige Löhne gezahlt werden, wenn die Pizza für den Gast nur acht Euro kostet.

Wer wenig Geld hat, ist empfänglich für politische Radikalität. Die Deutschen wissen das. Wegen der hohen Arbeitslosikeit und anderen Themen griff Adolf Hitler im Jahr 1933 erfolgreich nach der Macht. Beim Kriegsende 1945 lag ganz Europa in Trümmern. Radikalität fördert Illegalität, immer mehr auch in elektronischen Netzwerken.

Viele Staaten versuchen mit Totalüberwachung und moderner Schnüffeltechnik ihre Bevölkerung einzuschüchtern. Die schamlosen Stasi-Methoden in der bankrotten DDR sollten jede kritische Stimme zum Schweigen bringen. Die DDR ist weg – und die Methoden des Psychoterrors? Sind nicht weg.

Wer aus Gedankenfaulheit Matteo Salvini in die rechte Ecke drängen will, versteht sein Engagement für die ärmsten Regionen nicht. Als Salv ator, als Retter, kann er das machen, was Andreotti und Berlusconi nicht anpackten: Aktive, spürbare Hilfe zu organisieren, Die hier anfangs genannten Vorschläge sind bisher nur Ideen, die sich aber durchsetzen lassen. Mittlerweile wird im Staat sogar überlegt, die ärmste Region, Basilicata, völlig aufzulösen und den Nachbarn Kalabrien und Apulien zuzuschlagen. Das bringt schon mal Geld für die Leute (Synergie-Effekte, kräftige Einsparungen bei den überbesetzten Behörden) . Die Konzentration der Energie auf gemeinsame Aktivitäten wirkt wie ein Brennglas, das Hitze und Lebendigkeit entwickelt, wenn Sonnenlicht darauf fällt. Die Nutzung von Sonnenergie hat eine Zukunft auch im Süden.

Und die Musik ist auch ein Magnet. Die ersten Opern schrieb Claudio Monteverdi (1567 – 1643). Die neapolitanischen Lieder sind jünger und auf der ganzen Welt bekannt. zum Beispiel die Rückkehr in die Heimat, nach Sorrent. Hier kann man das anhören:

„Torna Surriento“

https://www.youtube.com/watch?v=Ug_6mu0NcXE