Mandolina Fiorentina

23.9.2019. Die Mandoline ist ein typisches Saiteninstrument für Neapel und die ländlichen Regionen südlich davon. Verwendet wurde es oft zur Begleitung beliebter Schlager, und Giacomo Puccini sagte einmal beim Blättern in einer Wagner-Partitur: „Gegen den sind wir nur ein Mandolinenorchester.“ Der wellenartige Gesamtklang eines solchen Musikstücks erinnert an das Meer, das im Süden immer eine besondere Rolle spielte, auch als Ausgangspunkt für europäische Kreuzfahrer und weltweite militärische Eroberungen.

„Fiorentina“ jedoch ist ein Eigenschaftswort für Florenz, das viel weiter nördlich von der antiken Weltmacht Rom in der nördlichen, ganz anders anzuschauenden Region Toskana, bis heute ein Inbegriff für die zeitlose, weltberühmte Hochkultur der Renaissance. In der Überfülle von Palästen, exklusiven Villen und Gemäldesammlungen der Fürsten Medici. Allerdings wagte in der blühenden Hochkultur dort ein einzelner fanatischer Bussprediger, Girolamo Savonarola, einen heftigen Streit mit dem Borgia-Papst in Rom und landetes als Ketzer auf dem Scheiterhaufen, weil er sich selbst überschätzt hatte.

Und die „Mandolina Fiorentina“ ist nur der frei erfundene Spitzname für eine Person und zu langweilig für genauere Erklärungen. Allerdings können zwei einzelne Wörter Bezug nehmen auf die beiden größten Probleme Italiens: Die Unterschiede zwischen Norden und Süden. Die ungelöste ökonomische Einheit zwischen den reichen industriellen Regionen im Norden und den weniger ertragreichen, von der starken Mittagshitze ausgetrockneten Ländereien im Süden (Mezzogiorno).

Vor ein paar Monaten schickte mir ein Bekannter die Kopie eines faszinierenden Ölbilds, das er rahmen lassen wollte. Das Motiv bestand aus einer ganzen Serie von Einzelpersprektiven. Man sah aber immer ein einziges, weit geöffnetes Fenster, mit dem Blick in eine menschenleere Toskana-Landschaft. Also keine wimmelnde Großstadt wie Florenz, sondern da war eine kurvenreiche Straße durch eine prächtige weite Landschaft, im wechselnden Lauf der unterschiedlichen Jahreszeiten. Am fernen Horizont ragte eine Gebirgskette im veränderlichen Tageslicht, bis zur rötlichen Abenddämmerung. Es war also ein Gleichnis auf das menschliche Leben, bis zur altersbedingten Dämmerung. Kürzlich erfuhr ich, dass dieses Bild in München nicht nur in einer Wohnung hängt, sondern auch eine Pizzeria schmückt. Kein Wunder. Das ist der gemeinsame Ausdruck einer starken Sehnsucht nach der ursprünglichen Heimat, die ihre Bewohner schon lange verlassen haben, um sich nördlich der Alpen eine völlig neue Existenz aufzubauen.

Das hat Gründe, die vielen Betroffenen gar nicht mehr so recht bewusst sind. Vor allem ökonomische Gründe, und darum haben die meisten Einwanderer schon vor sechzig Jahren die armen Länder des Südens verlassen, sind hier hergezogen und haben sich zwangsläufig daran gewöhnt. Kürzlich sprach ich mit einem selbsternannten deutschen Superhirn aus der Oberpfalz darüber. Seinen Ruhestand will er in Italien verbringen. „Aber das Geld dort ist knapp.“ „Von Geld redet man nur, wenn man Keines hat.“ So einfach sehen Lösungen aus, wenn man schon mit einem Lächeln erwartungsvolle Dankbarkeit erntet, weil Jeder weiß, dass dahinter der klügste Kopf der Welt steckt. Allerdings habe ich diesen klugen Menschen schon vor dreissig Jahren gesehen, als er mich von einem der vielen freien Plätze seines Stammstischs in der Altstadt fortscheuchte. Damals sah er äusserlich genauso alt aus wie heute. Vielleicht kam er mit seinen gegerbten Altersfalten auch schon auf die Welt. Oder auf unseren Planeten. Was das heisst, sieht man in Steven Spielbergs berühmtem Kinoklassiker „E.T. – Der Außerirdische“. Wenn die Außerirdischen wirklich unter uns leben, dann wollen sie uns genau kennenlernen, um ihr eigenes riesiges Wissen noch mehr zu vergrößern. Allerdings wissen sie längst genau Bescheid über Weinsorten wie den „Primitivo“, dessen Rebsorten, den Anbau und den Parmaschinken, dessen einmaliger Geschmack ohne die besondere Luft in Venetien gar nicht möglich ist. Wer so etwas weiß, ist wertvoller und seltener als jeder Durchschnittsmensch.

Darin liegt ein Gedankenfehler. Selbst extraterrestrische Wesen aus fernen Galaxien können nur das verwerten, was auch innerhalb ihres Wahrnehmungsvermögens liegt. Wie soll Jemand, der alle Dimensionen des Kosmos gespeichert hat, die mächtige Wirkung der Musik verstehen, wenn sie ihm völlig gleichgültig ist? Er hat also keine Antenne dafür, kann die Signale nicht epfangen und verarbeiten, selbst wenn sein Datenspeicher größer ist als der von allen anderen Besuchern aus demWeltraum.

Und das ist spannend. Wie zeigt man ihm das, wie füllt man seine Wissenslücken, die es nach seiner Meinung gar nicht gibt?

Durch einen Gedankenaustausch. Manchmal höre ich mir Sätze an wie „Wer bist du denn schon? Du weißt gar nichts.“ Kommt darauf an, wer so etwas sagt. Man kann ja mit gleicher Lautstärke antworten. Oder der harte Eisenkopf wird auf einmal bescheiden. Das kann lange dauern. Aber manchmal lohnt es sich.

Allein durch ihre Exklusivität imponieren viele Mitmenschen, weil sie voller Verdienste, Urkunden und Auszeichnungen sind. Aber es ist eine Minderheit, denn sonst würde die ganze Welt nur noch aus Traumpalästen bestehen. Niemand brauchte mehr zu arbeiten, sondern nur noch Geld ausgeben. Unzählige Angebote gibt es dafür im Internet. Eigentlich der kürzeste Weg zum Paradies auf Erden. Aber nur eine Illusion.

Denn die Gesetze der Ökonomie sind unerbittlich. Zwar gibt es sie in schriftlicher Form, aber nur damit werden keine erkennbaren Wirkungen erzielt, die ganze Staaten verändern können. Deutschlands Städte waren nach dem Zweiten Weltkrieg völlig zerstört. Aber dann tauchte Ludwig Erhard auf, begründete und realisierte als Wirtschaftsminister die „Soziale Marktwirtschaft“. Deren Gesetz sind vernünftig und eigentlich leicht zu beachten. Aber man muss sich gründlich damit beschäftigen.

Der Begriff „Soziale Marktwirtschaft“ ist allgemein bekannt, weltweit gültig, sehr realistisch, aber viele Staaten leben ganz anders. Da es sich um Universalgesetze handelt, führt die Nichtbeachtung zwangsläufig zu Armut, Katastrophen und Kriegsgefahr in den bekannten Spannungsgebieten, die wie schlafende Vulkane jederzeit aktiv werden können.

Drei wichtige Stichworte sind Marktwirtschaft, also die Dominanz der hart erarbeiteten Konkurrenzfähigkeit an den Weltmärkten. Zweitens als Ergebnis die beste Qualität im freien Wettbewerb, ohne diskrete Beziehungen und Mauscheleien in Hinterzimmern. Das dritte Wort heißt „sozial“. In unserer Verfassung steht „Eigentum verpflichtet.“ Es darf also nicht nur für die eigene Tasche zusammengerafft und aufgetürmt werden. Sondern es muss bei einer, zu Recht verdienten Million auch ein erkennbarer Anteil für die Gemeinschaft übrig sein. Das geschieht über Steuern oder freiwillige Spenden. Oder Investitionen in saubere Projekte.

Wer dabei nicht mitmacht, verstößt gegen Strafgesetze. Und vor Allem gegen die universalen Gesetze der Ökonomie, deren Missachtung auch nach vielen Jahren öffentlich bekannt werden kann. Nicht einmal durch plaudernde Insider, sondern durch die Forensik, die wissenschaftliche Spurenauswertung, die gerade im Internet-Zeitalter immer genauer und schneller wird. Gelöschte Datenspuren wieder sichtbar zu machen, gehört heute zum Basiswissen jedes Sudenten, der auch mal in die Tageszeitung schaut.

Man muss das Thema nicht jahrelang studiert haben. Es zeigt sich von selbst in allen Bereichen. Aber wenn ses nicht realisiert wird, ist auch das nur wertloses Geschwätz. Allerdings sind die Probleme so dominant und wichtig, dass jede Annäherung Folgen haben kann, die wertvoller sind als das dickste Bankkonto der Welt. Auch wenn man dafür viele Kreditkarten hat. Damit kann man richtig Geld ausgeben, aber wenn man trotzdem nicht einmal Mandoline spielen kann, ist es nutzlos für alle Bereiche, die größer sind als die materielle Dimension.

Der unaufhaltsame Wechsel der Epochen und Denkweisen ist Thema eines grandiosen Kinofilms. Der Klassiker „Conan, der Barbar“ beginnt mit minutenlanger Monumentalmusik und der Mahnung „Trau keinem Menschen.“ Danach wird ein verschneites Dorf aus der fernen Steinzeit überfallen und zerstört von einem Stamm, der mehr gelernt hat: Das Schmieden des Stahl und seine Verwendung als Waffe.

Hier sieht man die erste Szenen des Films:

https://www.youtube.com/watch?v=cQzcVGq4wZ0