Menetekel

6.8.2020. Schlechte Vorzeichen zeigen sich oft in einer Krise. Wenn an einem Tag sowieso Alles schief geht, erkennen Viele dahinter das unaufhaltsame Schicksal. Einen Plan. Oder die Nachbarn hinter der Fenstergardine, die sowieso nur Böses im Schilde führen.

Kann sein. Ist aber meistens falsch. Allein beim Wetter sind Voraussagen gar nicht möglich. Denn es besteht aus Variablen wie Luftdruck, Windgeschwindigkeit, Temperatur, Landesklima, Regen oder Schnee, die sich ständig ändern, völlig unabhängig voneinander wechseln und deshalb von außen nicht beeinflussbar sind. Versucht hat man es schon. Wenn in dicke Regenwolken ein paar Ballons mit Sliziumkörnern geschossen werden, lösen sie eine chemische Reaktion aus, und an der Stelle beginnt es zu regnen. Das wäre auch wertvoll für die Landwirtschaft, ist aber als Dauerzustand zu aufwändig.

Trotzdem wimmeln die ältesten Geschichten von düsteren Prophezeiungen, Unglücksbotschaften und vorausberechneten Katastrophen, die gar nicht eintreffen. Die Vorzeichen nennt man Menetekel.

Besonders schaurig ist Heinrich Heines wildes Gedicht von Belsazar. Ein kurzer Auszug reicht: „Die Mitternacht zog näher schon. In stummer Ruh lag Babylon. Nur oben in des Königs Schloss, da hielt Belsazar sein Königsmahl. Es klirrten die Becher, es jauchzten die Knechte. Des Königs Wangen leuchten Glut, und blindlings reißt ihn fort der Mut . Und er lästert die Gottheit mit sündigem Wort. Der Knechtenschar ihm Beifall brüllt. Und der König ergriff mit frevelnder Hand einen heiligen Becher, gefüllt bis zum Rand. Und ruft laut mit schäumendem Mund: „Jehovah! dir künd ich auf ewig Hohn – Ich bin der König von Babylon!“

„Doch kaum als das grause Wort verklang, dem König ward’s heimlich im Herzen bang. Das gellende Lachen verstummte zumal. Es wurde leichenstill im Saal. Und siehe! Sieh! An weißer Wand, da kam’s hervor wie Menschenhand; Und schrieb, und schrieb an weißer Wand: Buchstaben von Feuer, und schrieb und verschwand. Die Magier kamen, doch keiner verstand zu deuten die Flammenschrift an der Wand. Belsazar ward aber in der gleichen Nacht von seinen Knechten umgebracht.“

Solche schwarzen Geschichten waren damals alltäglich. Verstehen kann man sie auch heute sofort. In abstrakten Worten bedeutet es, dass die Verletzung eines wichtigen Gesetzes bestraft wird, damals von einem altbiblischen Rachefluch, dessen Prophezeiung unerbittlich in Erfüllung geht. Oder die Strafen klettern aus den Riesenmassen aktueller Gesetzbücher, die bis ins Kleinste ausgetüftelt sind. Aber trotzdem nicht beachtet werden. Oder von Polizisten wegen Überlastung nicht bearbeitet werden. Oder weil Niemand etwas gemerkt hat. Für simple Computerprogramme ist das ein Kinderspiel. Wenn sie richtig aufgebaut sind, die wichtigsten Auffälligkeiten erkennen und auswerten können. Leider sind das nicht nur einfache Fahrraddiebstähle. Sondern Vorfälle, für die ein langjähriges Wissen aus unterschiedlichen Fachgebieten notwendig ist, aus ganz ausgefallenen Bereichen.

Es wäre dumm, sich superschlau zurückzulehnen und sich über Wissenslücken lustig zu machen. Tatsächlich habe ich vor Jahren mal eine komplizierte Anzeige bei einem Bürovorsteher amtlich protokollieren lassen, der sonst nur Fahrraddiebstähle bearbeitete. In Erinnerung blieb sein erstauntes Gesicht und dass er immer wieder rief, „So etwas habe ich ja noch nie gehört!“ Auf die Idee, einen erfahrenen Kollegen zu rufen, kam er gar nicht. Ich habe ihm dann einen höflichen Brief geschrieben. Aber der wird wohl bis zum Jüngsten Gericht in einer verstaubten Schublade herumliegen.

Die gnadenlose Rachejustiz des Alten Testaments hat in ganz alten biblischen Epochen ihre Verdienste gehabt. Heute ist das völlig sinnlos.

Die unerbittlichen Gesetze sind offen erkennbar in den Arbeitsabläufen, der reibungslosen Organisation großer Firmen und Gemeinschaften, die von ihren Mitarbeitern und Kunden geschätzt werden, das auch offen begründen können und dafür keinen lückenlosen Gehorsams-Druck erleben. Die schamlose Ausbeutung einer widerspruchslosen Sklaven-Mentalität ist zwar noch nicht ausgestorben, läst sich aber nicht endlos verschleiern und fortsetzen. Die verrottenden Ruinen kann Jeder selbst finden. Dazu gehören auch Ungerechtigkeiten, die Ausnutzung politischer Spitzenpositionen und eine Geldgier, die ganze Staaten ruinieren kann. Ein afrikanischer Diktator hat vor fünfzig Jahren die laufenden Milliarden an deutscher Entwicklungshilfe für sein hungerndes Volk selbst eingesteckt und sich dafür – auch – einen gewaltigen Thron aus reinem Gold bauen lassen, auf dem er auch deutsche Staatsgäste zur Audienz im Palast empfing. Eingemischt hat sich Niemand. Und darum gibt es solche Märchenschlösser immer noch. In Bayern hat man Ludwig II. seine Sehnsüchte übelgenommen, ihn davongejagt. Heute sind seine Traumgebäude eine weltweite Sehenswürdigkeit, und der Staat verdient damit Riesensummen.

In späteren Lebensjahren wird man nicht unbedingt vergesslicher, aber die Luftschlösser werden kleiner. Der Drang nach langen Reisen wird unwichtiger. Der Verzicht auf wertlose Menschen wird zum Gewinn. Streitereien lassen sich nie vermeiden, aber Charakterlosigkeiten schneller einordnen. Wer ein Betrüger ist, bleibt immer ein Betrüger. Gerade weil sich das nie ändert, lässt es sich auch voraussagen.

Der Idealzustand innerer Ausgeglichkeit ist als Dauerzustand nicht erreichbar. Vorübergehend findet man ihn auch dort, wo man es gar nicht erwartet .Luke Kelly erzählt in einem mitsingenden irischen Bierlokal vom „Black Velvet Band“:

https://www.youtube.com/watch?v=6jFcnMaXAuo

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