Monaco – die Hauptstadt des Mezzogiorno

8.9.20. München heißt auf italienisch „Monaco“. Genauso wie der winzige Zwergstaat in Südfrankreich. Monaco (München) – ist aber die Hauptstadt des Mezzogiorno, der armen landwirtschaftlichen Regionen südlich von Neapel. Ein Großteil der Einwohner von Sizilien, Kalabrien, Apulien und der besonders hilfebedürftigen Basilicata lebt nämlich bereits seit Jahrzehnten in der bayerischen Hauptstadt. Mitgebracht haben sie Spaghetti, Rotwein, preiswerte aber gute Mode, feine Pralinen von Ferrero und Luxusautos von Ferrari, allerdings nicht viele. Aus Sparsamkeit sind die Frauen und Kinder manchmal zu Hause geblieben. Aber die Männer bilden trotzdem eine „Famiglia“, eine Familie, die fest zusammenhält. Es gibt nicht nur kleine Läden, sondern auch Berufe für dicke Geldtaschen. Anwälte, Manager, Finanzinvestoren. Ein weites, geräuschloses Netzwerk, das nach außen nicht sichtbar ist, aber gut funktioniert. Erkennbar durch Kleidung, Körpersprache und Lieblingsthemen. Sie sind nicht „rumoroso“, also laut, sondern zurückhaltend und mögen keine geschwätzigen Belästiger. Die reiche Lebenserfahrung reicht zweitausend Jahre zurück, in die Blüte des römischen Weltreichs, das militärisch jahrhundertelang unbesiegbar war. Die italienische Bundespolizei, die Carabinieri, sind militärisch organisiert. Es gibt sogar eine „Guardia Finanza“, eine eigene Finanzpolizei, die verstecktes oder geklautes Geld sucht. Und sehr viele Beamte für alle Fälle. Manche Einheimische sagen: Fünf Mal zu viele. Da verdient man gut, kann auch bei Faulheit nicht gekündigt werden und passt auf, dass die anderen Leute sich ganz genau an die Gesetze halten. Beim Fahren kann eine rücksichtslose Geschwindigkeit unterwegs sogar zur sofortigen Beschlagnahmung des Fiat oder der kleinen Vespa führen, und Ausländer erleben dabei eine gerechte Gleichbehandlung.

Der wichtige Fremdenverkehr ist zur Zeit in Europa stark geschrumpft. Geld wird dringend gebraucht, aber woher soll es kommen?

Von einer verbesserten Organisation. Man muss keine Leute entlassen, damit eine Großfirma bessere Bilanzen schreibt. Das gilt in allen Ländern.

Arbeitsabläufe sind oft zu umständlich und noch aus dem vorletzetn Jahrhundert. Zwar hat die kraftsparende Technik sich verbessert, aber das alte hierarchische Denken, die Hühnerleiter vom einfachen Mitarbeiter bis zum allmächtigen Dottore, dem Chef, hat zu viele Treppenstufen, ist oft überbesetzt. Mao Ze Dong hat 1949 in China alte Zöpfe abgeschnitten, oft zu radikal, aber eine ganz hohe Etage verschwand einfach: Die Großgrundbesitzer wurden durch Arbeiter ersetzt. Nach der russischen Oktoberrevolution 1917 wurde der letzte Alleinherrscher, Zar Nikolaus, verhaftet. Die reichen Großbauern mussten immer mehr Steuern bezahlen, bis sie in Gemeinschaftsfirmen flüchteten und dort keine Sonderrechte mehr hatten.

Beim ersten Besuch in Italien, im Herbst 1980, wurde das Land von ständigen Streiks erschüttert. In Florenz gab es ein Festival di Canto Popolare (Fest der Volksmusik). Erstaunlicherweise liefen dort nur Lautsprecher. An einfachen Verkaufsbuden lag schriftliche politische Propaganda. Im Herbst 1983 gab es in Neapel einen Maxi-Prozess, und die Angeklagten drängten sich hinter Stahlgittern. Aber eine heile Welt ist immer noch in weiter Ferne.

Die wichtigste Voraussetzung für jede Entspannung ist eine gerechte, nachprüfbare Verteilung der gesamten Staatsfinanzen. Bargeldtransporte stehen schon seit vielen Jahren unter dem Generalverdacht der vermuteten Steuerhinterziehung oder der Geldwäsche, bei der Einkommen aus kriminellen Quellen in saubere Projekte gesteckt wird und danach keine auffälligen Flecken mehr hat. Doch die Spuren sind immer schwerer zu beseitigen oder zu verstecken. Alle Finanzströme werden längst elektronisch dokumentiert und gespeichert. Sobald eine Lücke entsteht, schlagen die Computerprogramme Alarm. Oder flüsternde „Whistleblower“, Insider mit geheimem Spezialkenntnissen, schicken Silberscheiben oder USB-Stifte an die Ermittlungsbehörden. Oft merkt das gar kein Anderer, und die Steuerfahnder bereiten schon stillschweigend den Lärm lauter Aktionen vor. Pech ist dann nur, wenn Mitwisser den Termin von Razzien verraten. Dann ist gar nichts zu finden. Auch ein Irrtum. Es gibt komplizierte Daten-Profile für abgeschlossene Fälle. Suchmaschinen melden bei jedem neuen Vorfall sofort die Beteiligten und ihre Methoden.

Das Alles kann sich zwar auch gegen Unschuldige richten, aber die gespeicherten Daten müssen so vielfältig sein, dass jeder Fehler rasch auffällt. Spätestens, wenn neutrale Überprüfungen durch Dritte stattfinden, sollte der Nebel verschwinden. Auch die Löschung von Daten vernichtet sie nicht, sondern sie lassen sich wieder öffnen und durch andere Quellen (Zeugen, Dokumente) ergänzen. Außerdem müssen, bis zu einem rechtskräftigen Gerichtsurteil ohne Einsprüche, alle Beteiligten wie Unschuldige behandelt werden. Ermittlungsfehler können einen langwierigen Prozess wie eine Seifenblase platzen lassen und jede Verwendung verbotener Beweismittel verbieten.

Was hat das mit der Hauptstadt „Monaco“ zu tun? Genauso viel oder wenig wie jede andere Stadt auf der Welt. Einzelfälle machen eine Sache klarer und schneller verständlich. Aber als Pauschalurteile mit der Gießkanne sind sie wertlos.

Meine persönlichen Erfahrungen mit Einwanderern aus dem Mezzogiorno sind genau so wie die Eindrücke aus ganz anderen Staaten: Die Ehrlichen und Fleißigen sind eine stabile, schützenswerte Mehrheit. Die Bösen tarnen sich, lügen und betrügen. Aber man entdeckt sie immer schneller.

Wenn der italienische Staat seine anderen großen Probleme tatkräftiger beseitigt hätte, könnte es im Süden viel besser aussehen. Vergleiche mit München (Monaco) würden dann ganz klar den Süden in ein strahlendes Licht rücken. Aber vorher müsste man für Ordnung, für Reformen sorgen, vor Allem im ökonomischen Bereich. Wer nicht übertrieben sparen muss, hat auch den Spielraum für „Dolce Vita, senza Paura“ (ein gutes Leben ohne Angst). Genau das habe ich einmal zu einer Gruppe von braungebrannten höheren Beamten aus Rom gesagt, die mir zufällig durch den juristischen Inhalt ihrer Gespräche aufgefallen waren. Frühmorgens setzte sich an einer Außenterrasse noch ein einzelner, verirrter Herr „aus Mailand“ an den leeren, gemütlichen Wirtshaustisch. Sein Foto war schnell im Internet zu finden: Ein leitender Journalist von einer römischen Tageszeitung. Mit ihm konnte man kluge Gespräche bis zum Morgengrauen führen. Vom Winde verweht !

Handlungsbedarf besteht bei allen offenen Fragen der Gerechtigkeit. Aber das Sprichwort sagt, „Es gibt nichts Gutes außer – man tut es.“

Dann könnten auch viele Auswanderer wieder an ihre Wurzeln, in ihre Heimatorte zurückkehren.

Vittorio Grigolo singt „Il Canto degli Italiani“ ::

https://www.youtube.com/watch?v=dGR6YWpN_Hs

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