Nach Rom gelangte ich so

10.10.2019. Wie man in die Großstädte auf allen Kontinenten kommt, steht in jedem Reiseführer. Für historische Themen oder andere Wissensgebiete findet man nicht nur in Bibliotheken eine Überfülle an Informationen. Im unterirdischen Rom haben die Archäologen erst vor ein paar Jahren den Palast des Kaisers Nero entdeckt, das „Goldene Haus“.

Aber da ist noch mehr Der Fluss Tiber durchzog vor zweitausend Jahre das wichtigste Weltreich, das bis Nordafrika reichte und im germanischen Norden erst von dem Kriegsherrn Arminius an seiner weiteren Ausbreitung endgültig gehindert wurde, weil er ein waffentechnisch hoch überlegenes Angreifer-Heer mit dessen eigener schlauer Strategie besiegte, die er vorher selbst südlich der Alpen am Kaiserhof gelernt hatte.

Heute sieht das Bild ganz anders aus. Rom ist kein Vorbild mehr. Weltmarken wie Fiat, Ferrari, Ferrero, die Luxusmodehäuser sind erfolgreich aus eigener Kraft. Die exklusive Delikatessenregion Piemont liegt weit weg am Alpenrand.

In der Hauptstadt sind allerdings die fein gewebten Fäden, die auch jedes andere Netz zusammenhalten. Damit ist nicht die Regierung gemeint. Früher hat man sich die Namen gemerkt. Der jetzige Ministerpräsident Giuseppe Conte ist ein anständigen Mann. Von seinen Reden erinnere ich mich aber nur daran, dass er immer gut sitzende, maßgeschneiderte Nadelstreifenanzüge trägt.

Die Macht in Europa ist längst, aber nur formal zur Europäischen Zentralregierung nach Brüssel gewandert. Die Ergebnisse sind allerdings einschläfernd und kraftlos. Der Chef der Europäischen Zentralbank in Frankfurt trägt den plastischen Namen Mario Draghi. Seine Landsleute haben die doppelte Buchführung erfunden, die eine sehr wichtige Rolle bei der Leitung großer Unternehmen spielt. Draghi hat jedoch die Null-Zins-Politik eingeführt. Sogar kleine Sparer bekommen keine Zinsen mehr. Einige Banken denken sogar über Strafzinsen für kleine Guthaben nach. Das soll die großen Geldflüsse beleben und anheizen, die sowieso mit starken Gewinnen arbeiten. Aber für den Rest, also die Mehrheit, hat sich das Betriebsklima dramatisch verschlechtert. Kredite gibt es für Schlechtverdiener nur noch nach genauer Durchleuchtung ihrer Finanzen. Auf Dauer kann das nicht gutgehen, weil es diese kopfstarke Kundschaft in ihren Handlungsmöglichkeiten lähmt. Italien selbst hat schlechte wirtschaftliche Kennzahlen. Auch in Deutschland wird es immer ungemütlicher. Wenn die Marktwirtschaft nicht mehr „sozial“ ist, verliert sie eine ihrer wichtigsten Säulen, und das wertvolle Erbe des „Wundermanns“ Ludwig Erhard bricht in Trümmern zusammen. Dann werden die Gastarbeiter und vele Deutsche wieder emigrieren müssen. Vielleicht nach Amerika, das noch viel Platz hat für Einwanderer.

Rom ist auf jeden Fall das Zentrum der gesamten Maschinerie des Landes, in allen Bereichen. Und dann tauchen Ideen auf, wie man das Alles viel wirkungsvoller machen kann. Aber eben nicht mit den alten Trauergesichtern. Schon vor vierzig Jahren sorgte die italienische Freimaurer-Loge „Propaganda Due“ ( P 2 ) für weltweite Schlagzeilen. Die Polizei hatte ihre vertrauliche Mitgliederliste gefunden, mit den exakten Namen und Daten von Persönlichkeiten der obersten gesellschaftlichen Ebene aus Politik, Wirtschaft und Militar. Nach einem lauten Blätterrauschen in den Medien hört man schon lange nichts mehr davon. Denn wirksame Veränderungen erreicht man nicht damit, dass man ständig auf dem Marktplatz herumschreit und sich damit wichtig macht, obwohl man gar nicht wichtig ist.

Mit der notwendigen Zurückhaltung erinnere ich mich an ein Zufallstreffen im November 2015. Das Gespräch dauerte etwa eine Stunde, da kann man sich keine Gesichter merken, und vier vergangene Jahre sind eine lange Zeit für das Gedächtnis, das so groß wie ein Wolkenkratzer sein müsste, um jedes ungeplante Treffen zu speichern. Wichtig waren auch nicht die konkreten Personen, sondern der Ablauf. In einer Bücherschau des Kulturzentrums Gasteig sprach ich mit einem Mitarbeiter der Münchner Tatort-Redaktion, der auch für das Training von verkleideten Statisten zuständig war (Coach). Als er sich verabschiedete, bemerkte ich direkt am Nebentisch ein elegantes Ehepaar, das mit gedämpfter Stimme italienisch miteinander sprach. Sie hatten nichts dagegen, dass wir über Kunst und Musik ihres Landes miteinander sprachen. Aus der Mascagni-Oper „Cavelleria Rusticana“ kannte ich das Eröffnungslied auswendig: Ein Liebesgedicht des Nationalhelden Giuseppe Garibaldi im sizilianischen Dialekt. Die beiden Unbekannten waren teuer gekleidet, aber nicht mit angeberischem Protzschmuck, sondern Alles in diskreten, gedämpften Farben, dominiert von einem Farbton, der nicht „königsblau“ war wie der Titel dieser Webseite, sondern ein dunkles Schwarzblau, die Farbe des Minerals Lapislazuli, das schon im Alten Orient ein Kennzeichen für zauberkundige, mächtige Magier war.

Während wir redeten, bemerkte ich an einem anderen Nachbartisch zwei sportliche junge Männer mit Kurzhaarschnitt, die ordentlich gekleidet waren, aber nicht zum restlichen Kulturpblikum passten. Sie trugen eng anliegende Jacken und Hosen. Also Security. Leibwächter. Daraufhin sagte ich zu dem Herrn, „Jetzt weiß ich, wo Sie arbeiten.“ Höflich meinte er,“So ?“ „Ja, Sie sind beim Osservatore Romano di Carabinieri.“ Er fragte nach, “ ‚Osservatore Romano‘ verstehe ich, aber was bedeutet das Andere?“ „Der Osservatore Romano ist die zentrale Zeitung des Vatikan. Und Sie sind aus der oberen Ebene der römischen Carabinieri.“ Er lachte mich nicht aus und sagte einfach kein Wort. Aber seine Begleiterin war temperamentvoll. Sie rief, „Das ist ja ganz erstaunlich, was Sie da sagen.“

Die Zeit war schon vorangeschritten, und ich habe mich verabschiedet. Beide sagten, „Ciao.“ Das heisst „Servus“ oder „Tschüss“. Ich habe geantwortet, „Arrivederci“. Das heißt: Wie sehen uns wieder. Aber das ist bis heute nicht geschehen.

Eine Romerzählung ganz anderer Art findet man im Finale des Musikdramas „Tannhäuser“. Der Held ist innerlich zerrissen. Denn seine fromme Verlobte, die thüringische Fürstin Elisabeth, kann ihn nicht daran hindern, eine Zeit lang zum nahen Hörselberg zu verschwinden und sich dort mit der Liebesgöttin Venus zu vergnügen. Alls das herauskommt, zwingen ihn seine frommen Mitbürger, eine Pilgerfahrt nach Rom zu machen und dort den Papst persönlich um Vergebung zu bitten. Der jedoch verflucht ihn. Doch das Ende ist nicht hoffnungslos. Es folgt ein Zeichen „von ganz oben“, und Tannhäuser wird gerettet.

Bayreuths Superstar Wolfgang Windgassen sang von 1951 bis 1972 die schwierigsten Rollen seines Fachs. Hier erlebt man ihn mit Tannhäusers Bericht: „Nach Rom gelangte ich so“:

https://www.youtube.com/watch?v=rNv2axsRZQU