Neuschwanstein an kurzen Tagen

17.9.2019. Im Sommer war es den Leuten zu heiß. Im September jammern sie über die dunklen Abende. An einem der kürzesten Jahrestage machte ich vor Jahren einen Ausflug nach Neuschwanstein, zur Erüllung eines Geburtstagswunsches. Tagsüber leuchtete das Herbstlaub. Das Märchenschloss lag in seiner natürlichen Umgebung mit weißen Mauern und Türmen und man konnte frei in die Gebirgslandschaft schauen. Natürlich waren massenweise Touristen da. Aber das Gebäude war stark genug, sie alle zu Zwergen zu machen. Das Innere betraten wir diesmal nicht, weil es draußen schon dunkel wurde.

Die Rückfahrt dauerte eine Stunde. Es war noch Zeit genug, am Ziel ganz ruhig beim Abendessen die Eindrücke auszutauschen und sie mit anderen, längeren Reisen zu verbinden. Die damalige Freundschaft ist dann nach dreißig Jahren zerbrochen. Die Gründe dafür sind hier nicht wichtig. Aber selbst, wenn etwas unzerbrechlich erscheint, reicht manchmal eine Einmischung von außen, Versprechen zur Erfüllung größerer Wünsche und dann ist die Wahl für ganz andere Erlebnisse überhaupt nicht mehr schwer, vor allem, wenn solche Chancen nie wieder kommen.

Zu manchen alten Bekannten sage ich gern zu später Stunde, „Ob der heutige Tag schön war, weiß ich erst, wenn Du nachher weg bist.“ Und das ist gar nicht so selten. Die Menschen haben ein freundliches Sonntatgsgesicht, vor allem bei Fremden oder bei Geschäftskunden. Aber das ist nicht die ganze Wahrheit. Die findet man gelegentlich erst nach vielen Enttäuschungen, ähnlichen Erfahrungen, der Lektüre alter Liebes- und Abenteuerromane und dem Nachdenken darüber. Da ergeben sich mitten in unterschiedlichen Themen verblüffende Gemeinsamkeiten. Oft sogar Regeln, hinter denen ein unsichtbares Räderwerk aktiv ist.

Doch wirklich unsichtbar ist gar nichts mehr. Nicht unbedingt eine erfreuliche Erkenntnis, aber unvermeidlich. Wer die Augen davor verschließt, wandert von einer Pleite zur nächsten. Sogar dann, wenn er sich ganz sicher fühlt.

Nach dem unzerstörbaren Doppelprinzip der Dualität ist das auch ein Erfolgsgeheimnis. Ein sehr kluger Kopf sagte vor Jahren zu mir, „Ich bin der Beste“. In seinem persönlichen Umfeld stimmte das auch. Keiner konnte ihm da etwas vormachen. Aber eine passende Antwort hatte ich auch, „Wenn du mir vertraust, löse ich deine Probleme.“

Seine Probleme kannte ich gar nicht. Aber bei vielen Menschen ist es so, dass sie äußere oder innere Signale senden, zum Beispiele in der Sprache, die harmlose Lücken enthalten. Das kann nebensächlich sein, aber auch ein Hinweis auf Schwachstellen oder ungelöste Aufgaben. Mit einer Reaktion darauf kann man sogar fremde Leute erschrecken, aber dafür gibt es auch ein Heilmittel. Damals hörte ich noch, „Keinem Menschen auf der Welt vertraue ich.“ Das hat sicher Gründe, aber so pauschal ist es falsch. Die Offenheit, die man bei alten Freunden gewöhnt ist, wäre ohne Vertrauen gar nicht möglich. Wenn aber der bekannte Enthüllungsjournalist Günter Wallraff mal wieder seine alten Glatzenperücken aus der Mottenkiste holt, will er wieder eine neues Buch schreiben, voller Peinlichkeiten für seine Zielpersonen. Noch peinlicher ist es, wenn er sich incognito fühlt und vor einem Bewunderer ein Wirtshaus verlässt. Dann sieht man hinten an der Kopfhaut eine feine Naht zwischen Kunststoffhaut und dünnem Hals, außerdem schimmert das verbliebene Resthaar durch die alte Plastikhülle. Vor einem halben Jahr habe ich ihn so erlebt. Er war sehr freundlich und glaubte tatsächlich, dass Keiner ihn erkennt. Aber dafür ist er längst viel zu bekannt und auf die Hilfe unbekannter Nachwuchskollegen angewiesen.

Er darf ruhig einmal Danke sagen, wenn man ihn darauf anspricht. Denn für seine zukünftigen Bücher braucht er absolute Professionalität. Ich würde ihm gern erklären, was das in diesem Fall heißt. Denn er hat sich in seinen Anfangsjahren große Verdienst erworben, in seinem mutigen Kampf gegen das Böse, und als Jugendlicher habe ich seine klaren Schilderungen sehr geschätzt. Aber das Leben geht weiter, und man muss ihm ja nicht Alles nachmachen. Es gibt da ganz andere Möglichkeiten, um der Wahrheit ein wenig näher zu kommen. Er hat unter dem Tarnnamen „Hans Esser“ auch bei der Berliner Bildzeitung gearbeitet und danach Breitseiten gegen den Springer-Verlag geschossen. Damals war man über ihn im feindlichen Ostberlin hoch erfreut, aber er hatte es nicht nötig, mit der dortigen „Staatssicherheit“ (Stasi) zusammenzuarbeiten, die eine verschärfte Variante unsere heutigen Verfasungsschutzes war. Wallraff hatte niemals einen Ausweis mit dem Pseudonym „IM Markus“, denn den Stasi-General Markus Wolf kannt er nur aus der Zeitung.

Wallraff ist mittlerweile ganz natürlich gealtert. Jahrgang 1942. Am ersten Oktober darf man ihm zu seinem 79. Geburtstag gratulieren. Im Spätherbst seines Lebens sollte er auch einmal an den endgültigen Ruhestand denken. Dann hat er viel Zeit, auch einmal mit Leuten zu reden, die genauso von der Wahrheit besessen sind wie er.

Um es noch einmal deutlich zu bekräftigen: Wallraff und die Stasi hatten niemals etwas miteinander zu tun. Auch wenn er öfter in München für das Fernsehen arbeitet, habe ich ihn noch niemals in den Münchner Stasi-Kneipen getroffen. Dort hängen auch keine gerahmten Fotos von Erich Honecker. Sogar die Bierkrüge tragen nur die Namen örtlicher Brauereien, und man bekommt dort keinen Rotkäppchen-Sekt, der übrigens nicht schlecht schmeckt. Die Stammgäste sprechen überwiegend Sächsisch oder Thüringisch. Es sind nette Leute, die genau wissen, dass in der DDR gar nicht Alles so schlecht war wie es die Lügenpropaganda des westdeutschen Staatsfeindes meinte.

Sie lieben Bayern und natürlich auch die Schlösser wie Neuschwanstein. Ein Jahr vor seinem Tod 1988 hat Ministerpräsident Franz Josef Strauß persönlich den Staatsratsvorsitzenden Honecker durch München geführt und ihm eine kleine Spende überreicht, die natürlich auch bei der Bevölkerung von Magdeburg bis Frankfurt an der Oder gut angekommen ist. Am kommenden Samstag beginnt das Oktoberfest, und Viele werden ihre Verwandten dazu einladen, gemeinsam auf den Bierbänken zu stehen und zu singen. Dreißig Jahre Wiedervereinigung, darauf kann man jetzt auch in Magdeburg und Potsdam anstoßen. Vielleicht wird auch Bundeskanzlerin Angela Merkel im Osten und Westen dabei sein, um ihre früheren Kollegen zu wieder zu sehen.

Hier gibt es dazu die passende Musik:

https://www.youtube.com/watch?v=oy0fzDI87nc