Nocturnes

12.8.2020. Nocturnes sind Nachtlieder. Räumlich und gedanklich war das in der Romantik ein großes Thema. Frederic Chopin (1810 – 1849) hat das in der damaligen Epoche reduziert auf die klingende Tastatur eine guten Klaviers. Die beste Umsetzung dieser nachtdunklen Welt ist von Artur Rubinstein. Allein die feinen, delikaten Abstufungen in der Lautstärke sind ein Ausnahmeerlebnis. Er trifft genau die harten, schroffen Töne, steigt tief ein in die verträumten, melancholischen, innigen Passagen. So entsteht eine Vielfalt des Ausdrucks in einem weiten Klang-Panorama. Eine Welt aus Erinnerungen. Träumen. Nächtliche Seen im Mondlicht. Verwunschene Schlösser, verfallende Ritterburgen am Rhein. Eine bereits versunkene Welt wird lebendig, die zu Chopins Lebzeiten bereits abgelöst wurde von der nüchtern rechnenden Technik, den genormten Arbeitsabläufen in Fabriken und dem mechanischen Fließband, das den Zorn von Karl Marx erregte, weil es die kühle Ausbeutung der hart schuftenden Arbeiter beschleunigte und rücksichtslos verfeinerte. Für eine angehmere Gegenwelt gab es tagsüber keine Zeit.

„Durchwachte Nacht“ ist eines der besten Gedichte der Annette von Droste-Hülshoff. Zitat: „Jetzt möcht‘ ich schlafen, schlafen gleich. Die Uhr schlägt Zwei… Da flammt’s im Osten auf – o Morgenglut! Sie steigt, sie steigt, und mit dem ersten Strahle: Das Leben quillt aus schäumendem Pokale. Im nahen Wald schmettern Jagdsignale, und wie ein Gletscher sinkt der Träume Land, zerrinnend in des Horizontes Brand.“

Die Dichterin beschreibt ausführlich eine Überfülle von anderen, zusätzlichen Bildern, die in ihr aufsteigen. Vergangenheit und Gegenwart vermischen sich. Phantasie und Realität. Beide sind das Vorspiel für den neuen Tag. Auch für das eigene Leben von „Annette“. Sie zog mit 44 Jahren endgültig fort aus dem ländlichen Westfalen in das Schloss Meersburg am Bodensee, in eine Wohnung direkt über der weiten Wasserfläche. Eine anregende Umgebung. Nahrung und Geist, Wasser und Luft waren die Urelemente, aus denen sich ganz langsam der Planet Erde entwickelte. Das „Inferno“, also die Hölle, ist bei Dante Aleghieri die Unwissenheit.

1965 gelang Artur Rubinstein die folgende Aufnahme von Chopins „Nocturnes“ :

https://www.youtube.com/watch?v=Oy4bfn0tYEU

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