Octavians zweitausendjähriger Schlaf

2.8.2020. Der Monat August hat seinen Namen vom römischen Kaiser Augustus (63 v.Chr. – 14 n. Chr. ). Vorher trug er den Namen Octavian. Sein Vorgänger war Cäsar, der im Jahr 44 v. Chr. ermordet wurde. Im Streit um die Nachfolge besiegte Octavian auch seinen schärfsten Konkurrenten, Marc Anton, den er gemeinsam mit dessen Freundin, der ägyptischen Königin Cleopatra, entmachtete.

Octavian wurde schon als 32jähriger Alleinherrscher, 45 Jahre lang. Damals eine erstaunlich lange Zeit, denn wachsame Feinde gab es überall. Der berüchtigte Kaiser Nero schaffte das Regieren nur vierzehn Jahre lang. Dann hatte er mit seinen schweren Fehlern und seiner gewalttätigkeiten Unberechenbarkeit das Volk und den regierenden Senat gegen sich und beging auf der Flucht Selbstmord.

Beide Imperatoren waren allmächtig. Nur ihr Wille war entscheidend. Aber ihre Methoden waren völlig unterschiedlich. Der neue Kaiser Augustus hatte als junger Mann lange genug erlebt, was Streitereien und Machtkämpfe zerstören konnten. Kriege vermied er, vor allem die Raubzüge zur Besitzergreifung fremder Beute, die rücksichtslosen Eroberungsfeldzüge, mit denen sein Vorgänger Cäsar noch steinreich geworden war, auch mit dem gnadenlosen Spruch „Vae Victis“. (Wehe den Besiegten).

Augustus herrschte, als Christus geboren wurde. Damit begann auch unsere heutige Zeitrechnung, die auf allen Kontinenten als Maßstab anerkannt wird.

Alleinherrscher machen Fehler, über die sie selbst entscheiden. Sie sind Gesetzgeber, oberste Polizisten und Richter, deren Urteil einfach gilt. Kritiker sind nur einzelne Randerscheinungen.

Für einen solchen Erfolg braucht man militärische Unterstützung. Die Römer drangen mit ihren Legionen, Pferden und Belagerungsmaschinen bis nach Nordeuropa vor. Die einzige Waffe ddes einfachen Soldaten war ein kurzes Schwert (Lateinisch: „Gladio“). Gladiatoren, Schwertkämpfer, traten zwar auch bei den Veranstaltungen im Colosseum auf. Aber das diente nur der groben Freizeit-Unterhaltung des Stadtvolkes, das man mit „Panem et Circenses“ (Brot und Spektakel) bei guter Laune hielt. In den ernsthaften, siegrichen Schlachten des römischen Weltreichs war das Schwert die einzige Waffe der Fußsoldaten, die nach tagelangen Märschen oft auf vorgewarnte und kampfbereite Feinde trafen.

Trotzdem zogen sie von einem Erfolg zum nächsten. Denn ihre Generäle hatten die Kunst der Strategie studiert, der erfolgreichen Planung und Ausführung von Kriegen. Dazu gehörte nicht nur der Schutz der beweglichen Legionen durch eine lückenlose, stabile Wand aus großen Metallschildern ringsum, oder auch der Aufbau von getarnten Verstecken, Hinterhalten und befestigten Sammelplätze, die zur weiteren Vorbereitung von Angriffen ausgebaut wurden.

Die Strategie entscheidet über den Erfolg, nicht allein die teuren Materialmassen. Darüber gibt es ein berühmtes Buch. Vor zweitausend Jahren schrieb der chinesische General Sun Tsu „Die Kunst des Krieges“. Der Text ist ziemlich kurz, geprägt durch einfache Worten und gehört heute noch auf US-amerikanischen Militärakademien zum Lehrstoff. Die Denkweise des klugen asiatischen Generals ist ein einsames Vorbild. Allein sein Satz: „Das Ziel des Kriegs ist nicht der Sieg, sondern der Frieden.“ Das lässt sich auch bei den Konkurrenzkämpfen großer Wirtschaftskonzerne anwenden. Und nicht nur dort.

Eigentlich müssten wir längst im Paradies leben, bei so viel Weisheit und Erkenntnis in frühesten Zeiten.

Aber die Realität sieht ganz anders aus. Das beweisen unwiderleglich, seit vielen Jahren, die wirtschaftlichen Kennzahlen. Für jeden Staat lassen sich konkrete Werte vergleichen. Nicht alle, denn dann wird aus dem Daten-Dschungel ein unübersichtlicher, verworrener Urwald. Aber zum Beispiel das Durchschnittseinkommen der Berufstätigen, getrennt nach den Regionen mit hohen Industrielöhnen oder den anderen mit übermäßigen Personalkosten in der Landwirtschaft, wo selbst schwere körperliche Arbeit nicht viel bringt und ausgetüftelte Maschinen nicht vor der preiswerten Konkurrenz aus Billiglohnländern schützen.

„Octavians zweitausendjähriger Schlaf“ als Titel bedeutet hier, dass sein Erfolg schon lange nicht mehr aktuell ist, sondern auf eine Neuentdeckung wartet. Die Welt hat sich zwar mächtig verändert, aber die vorhin beschriebenen Regeln und Prinzipien gelten immer noch.

Kürzlich unterhielt ich mich mit einem Italiener, den seine Kollegen „Dottore“ nennen, obohl er gar nicht studiert hat. Thema war ein Dokumentarfilm über die sehenswertestes alten Städte seiner Heimat, die auch noch Sonne, Meer als kostenlose Zugabe bieten. Ich fragte, warum trotzdem so viele seiner Landsleute schon seit Jahrzehnten in Deutschland leben. Er meinte nur, „Das wird sich auch nicht ändern.“

Vielleicht doch. „Octavians Traum“ kann jederzeit Wirklichkeit werden, auch zweitausend Jahre später. Die Gründe dafür stehen nicht nur in diesem Artikel, sondern auch in jedem anderen Beitrag hier, der sich mit den Ursachen der Dauerkrise in Europa und auf der ganzen Welt beschäftigt.

„Core ’ngrato“ (Undankbares Herz), Wer ist damit gemeint? Das Lied aus Neapel singt der unvergessene Carlo Bergonzi:

.https://www.youtube.com/watch?v=oTpZ1ednTmc

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