Phoenix – Amarcord

7.10.2019. Der Phönix ist ein Sagentier aus dem griechisch-arabischen Sprachraum. Ein Vogel, der verbrennt, sich aber aus seiner eigenen Asche selbst wieder erneuert. Das Wort ist auch ein Stichwort für einen völligen Neuanfang.

Als Deutschlands eigene Luftwaffe 1945 bereits total zerstört war, kamen auch noch die Städte dran. Nicht nur die großen wurden von Militärflugzeugen zerbombt. Überall hinterließen schwere Verwüstungen ihre Spuren. Als dann die bedingungslose Kapitualtion kam, gab es sogar Pläne, das ganze Land zu bestrafen und im Status einer Agrarfläche zu belassen, ohne Industrie. Doch das geschah nicht. Die Siegermächte spendeten Milliarden für den Wiederaufbau, und weil Alle mit anpacken mussten, wurden zuerst die Trümmer beseitigt. Danach bauten sich die Bewohner ihre ersten eigenen Häuser. Wer kein eigenes Vermögen hatte, bekam billige Kredite vom Staat, von den extra dafür eingerichteten Landesbausparkassen (LBS). Die alte Währung, total wertlos geworden, wurde durch eine völlig neue ersetzt: Die Deutsche Mark (DM). Davon bekam zunächst jeder Einwohner den gleichen Festbetrag, mehr nicht. Wer aber bereits Vermögen hatte, zum Beispiel Schmuck und andere Sachwerte, konnte das verkaufen und damit sein eigenes Vermögen ganz schnell vermehren oder auch verleihen, gegen gewinnbringende Zinsen. Aus dem illegalen Schwarzmarkt wurde ein freier Handel, dessen Vorschriften und Grenzen noch heute im Handelsgesetzbuch (HGB) geregelt sind.

Die nächste Glückswelle war die Fresswelle. Nach den elenden Hungerjahren konnten die Meisten theoretisch mehr verspeisen als sie brauchten. Dann tauchten die ersten großen Spielzeuge auf. Fernsehen wurde zu einem Renner, das ganze Familien abends vor die Bildschirme lockte und dafür die traditioellen Nachbarschaftstreffen allmählich verringerte. Auch Autos wurden immer erschwinglicher. Der preiswerte Volkswagen war für ernsthafte Sparer ein greifbares Ziel.

Und dann brach die Reisewelle los. Zunächst in die Nachbarländer. Vor allem nach Italien, das ringsum vom Ozean umgeben ist. Der kleine Fischerort Rimini lag auf einmal am „Mare Teutonicum“, am deutschen Meer, weil er zur Urlauszeit völlig überrollt wurde. Heute noch sieht man am Strand kilometerlange, exakt nebeneinander ausgerichtete Reihen von Strandkörben. Der Massentourismus war da. Vor allem billig und mit vielen passenden Angeboten für die Gäste, die man gar nicht persönlich eingeladen hatte, die aber durch Filme und Fotos gepannt waren auf ein Land, das ganz anders aussah als das eigene.

Meisterregissur Federico Fellini ist in Rimini aufgewachsen, lange bevor der große Ansturm einsetzte. Eines seiner besten Stücke ist das Spätwerk „Amarcord“ (Ich erinnere mich). Es geht um die Mussolini-Zeit, aber die Politik ist dabei nur eine Randerscheinung. Es geht wie immer bei Fellini um Romantik, eine verwunschene, märhenhafte Stimmung in einem kleinen Ort ohne Touristen. Weil dieses Rimini längst nicht mehr existiert, ließ Fellini den gesamten Ort in den römischen Filmstudios von Cinecitta nachbauen. Herausgekommen ist dabei nicht zusammengeklebter Plastikmüll, sondern die Architekten haben eine Stadt geschaffen, die an keiner Stelle künstlich wirkt, also nicht im austauschbaren Hauruckverfahren aus Computern zusammen montiert werden konnte. Auch die Darsteller wirken nicht kostümiert und vekleidet, obwohl sie in die Mode der Dreißiger Jahre gekleidet sind. Und über Allem schwebt die Kraft der Phantasie und eine Wirklichkeit, wie sie nur in der Phantasie möglich ist und von daher überwältigende Wirkungen erzielt.

Hier kann man den Film in voller Länge anschauen ( 2.04 Std. ) :

https://www.youtube.com/watch?v=IeUtbDLFHWE

Alle bis jetzt genannten Massenphänomene haben sich längst immer mehr gesteigert. Die übermächtige Konkurrenz hat nicht nur zu immer günstigeren Preise geführt, sondern ein Überangebot geschaffen. Vieles wird weg geschmissen oder gar nicht verkauft.

Das Betriebsklima ist dabei wichtig. Wenn Menschen lange Arbeitstage miteinander verbringen müssen, die sich nicht leiden können, kommt es zu Reibereien. Dabei geht das auch anders.

Nur ein Beispiel dafür, das aber grenzenlos erweitert werden kann: Die Kunst der Oper wurde von Claudio Monteverdi in Italien erfunden, und daraus ist eine große Erfolgsgeschichte geworden, vor allem im 19. Jahrhundert, als die kalte Industrialisierung wieder die Sehnsucht nach Romantik weckte. In Nordeuropa haben Beethoven, Mozart, Debussy und andere dafür eine eigene Sprache gefunden. Das beißt sich natürlich nicht als nutzlose Konkurrenz und kommt gut miteinander aus. Durch die gemeinsame Zuneigung zur Sache und das aktive Interesse an einem größeren Thema. Das ist auch die Voraussetzung für ein gutes berufliches Klima in der Industrie, der Landwirtschaft, der Mode und so weiter.

Zwei Giganten der Musik waren zwar Zeitgenossen, haben sich aber niemals getroffen. Richard Wagner reiste oft durch Italien. In Vendeig ist er gestorben. Über ein Treffen mit Giacchino Rossini („Barbier von Sevilla“) hat er einen witzigen und wohlwollenden Bericht geschrieben (sinngemäß abgekürzt: „Rossini kann nur komponieren, wenn er vorher ein gebratenes Hähnchen gegessen hat.“ ) Zu dem seinerzeit bereits früh verstorbenen Vincenzo Bellini merkte Wagner an: „Bei dem habe ich gelernt, wie man eine Melodie schreibt.“

Aber den größten Musikdramatiker des Gastlandes, Giuseppe Verdi, hat Wagner niemals treffen wollen. Seine Ehefrau Cosima merkte in ihrem Tagebuch an. „Bei einem Spaziergang sprachen wir über Verdi. Und das soll Musik sein?“ Der Heruntergeputzte hat das vermutlich nie erfahren, schrieb aber beim Tod seines Kollegen in Venedig: „Wagner ist tot. Traurig. Traurig. Traurig.“

Wenn Menschen sich nicht leiden können, sollten sie sich aus dem Weg gehen, aber keine Kriege gegeneinander führen. Die Deutschen überrollten mit ihren ersten Autos vor sechzig Jahren die Badestrände am Mittelmeer, aber sie blieben Fremde, die wieder abreisten. Die italienische Gastarbeiter leben jedoch immer noch hier, in großer Zahl. Auch sie führen ihr eigenes Leben, wenn nicht kulturelle Veranstaltungen oder private Freundschaften mehr ergeben. In Zukunft kommt das jedoch von selbst, wenn die Macht der Einzelstaaten immer geringer wird.

Das bekannteste Werk des von Wagner bewunderten Vincenzo Bellini ist das Musikdrama „Norma“ und daraus der Monolog „Casta Diva“. Wie keine andere hat Maria Callas das gesungen:

https://www.youtube.com/watch?v=B-9IvuEkreI