Reitersoldaten in London

5.12.2019. Man kennt sie aus Filmen: Wenn die britische Königin mit ihrer Pferdekutsche durch London fährt, gehören zur Begleitung die Reitersoldaten mit ihren roten Jacken und den Federbüschen auf dem Helm. Sie sind der offizielle Begleitschutz, aber mittlerweile nur eine edle Dekoration. Den tatsächlichen Schutz übernimmt der britische Geheimdienst, bekannt aus den James-Bond-Filmen, die mit technischen Überraschungen und exotischen Schauplätze schon seit siebzig Jahren für spannende Unterhaltung sorgen. Die echten Experten von heute treten sehr diskret auf und so unauffällig, dass man sie nur an ihren kleinen Auffälligkeiten erkennen kann. Jede Bewegung auf unserem Planeten hinterlässt Spuren und sorgt für Spannung, wenn man sie entdeckt. Ansonsten ist Diskretion sehr wichtig, und der bekannte Autor John le Carré schrieb einmal, „Ich wusste immer, wo die Grenzen dessen lagen, was man in meinen Büchern lesen kann.“ Seine Romane sind offen, klar und wohl auch nicht zensiert. Genauso wie die seiner Berufskollegen Edgar Wallace, Ian Fleming und Graham Greene, alle aus dem englischen Königreich gebürtig.

Vor ein paar Tagen stand plötzlich einer dieser Reitersoldaten vor mir. In einer Seitenstraße, vor einem Laden für gebrauchte Luxusmode zu erschwinglichen Preisen. Er trug kein Kostüm, denn das wäre aus der Nähe sofort aufgefallen. Ein Deutscher, der aber über seine Kleidung genau Bescheid wusste. Das rote Wams mit den Silberknöpfen war aus feinstem Material, und da er keinen Wintermantel trug, gab er bereitwillig darüber Auskunft, dass der Stoff kälteabweisend war. Ich fragte noch,“Wo ist denn die Bärenfellmütze?“ „Die kostet noch siebenhundert Euro extra, und hier braucht man sie nicht. Aber vorhin kam ein junger Mann vorbei, der sich über meine Kostümieruntg lustig machte. Ich sagte zu ihm, ‚Hau ab und verschwinde‘.“ Da konnte ich dem Soldaten nur zustimmen, „Du trägst kein Kostüm, sondern ein gebrauchtes und sehr gut erhaltenes Original. Wenn einer darüber lacht, dann sollte man ruhig ein paar deutliche Worte gebrauchen, sonst gibt es auch noch eine nutzlose Diskussion.“

Wo beginnt die Verkleidung? Wenn man falsche Stoffe benutzt und billige Details. Im Theater ist das manchmal üblich, und wenn man ganz vorn sitzt, sieht es schrecklich aus. Selbst ein düsteres Trauerspiel wird dann zur unfreiwilligen Komödie. Nach der Uraufführung seines vierteiligen „Nibelungenrings“ im Jahr 1876 meinte Richard Wagner entsetzt, „Nachdem ich das unsichtbare Orchester erfunden habe, möchte ich jetzt auch noch die unsichtbare Bühne erfinden.“ Und Ehefrau Cosima notierte, „Es sah aus, als hätten wir wie die Kinder Indianer gespielt.“

Der Nauralismus in der Kunst scheitert oft daran, dass man schnell erkennt, wenn Pappe, Farben und Kleister die Natur nur vortäuschen.

Im Jahr 1951 eröffnete der Enkel Wieland Wagner sein „Neues Bayreuth“ mit einem Paukenschlag. Mangels Geld konnte man sich sowieso keine teure Ausstattung leisten. Und im „Parsifal“ wurden der Gralswald und andere Naturerscheinungen oft nur aus aktivem Licht gestaltet, das im Gleichtakt mit Text und Musik immer wieder neue Farben und abstrakte, manchmal sogar realistische, gegenständliche Projektionen zeigte. Was so einfach klingt, hatte als Voraussetzung eine genaue Kenntnis der Partitur und wochenlange Tüfteleien mit dem Gestalten eines Gesamtbildes, das glücklicherweise auf vielen Fotos erhalten ist. Die damalige erste Sängerin der Kundry, Martha Mödl, sagte mir einmal, „Wieland hat mit dem Regietheater angefangen.“ Das ist falsch, denn er hat sich selbst nicht maßlos wichtig genommen, auch wenn er selbstbewusst und jähzornig war und gelegentlich vor versammelter Mannschaft seinen Bruder Wolfgang zusammenbrüllte. Wielands Lösungen waren genial wie die Werke seines Großvaters, und 1970 habe ich an der Hamburger Staatsoper seine vielen Ideen zum „Holländer“ und zum „Tristan“ persönlich auf der Bühne gesehen.

Illusion und Wirklichkeit – das zu trennen und trotzdem miteinander zu verbinden,war immer Sache der großen Kunst. Auf anderen Gebieten gilt das genau so. Aber in der Politik und in der Betriebswirtschaft werden Idealvorstellungen und die nachprüfbare Wirklichkeit oft zu einem katastrophalen Chaos. Darunter leiden ganze Nationen. Die Armut wird nie von der Weltoberfläche verschwinden, aber man kann sie bekämpfen und wirksame Fortschritte dafür relativ schnell, also innerhalb von Jahren, schaffen.

Die Gründe für das allzu häufige Scheitern oder überflüssige Verzögerungen kann man zusammenfassen, damit es nicht zu unübersichtlich wird.

Die Welt ist immer in Bewegung, also müssen Veränderungen sein, weil sich politische und wirtschaftliche Situationen ständig verändern und anpassen müssen, ohne dass daraus eine Hektik im Leerlauf wird, die nur für Unruhe sorgt. Andererseits sind die sogenannten Traditionen zwar wertvoll im kulturellen Bereich, und gerade in Europa wäre es gut, wenn die unterschiedlichn Eigenarten der einzelnen Regionen noch stärker erkennbar sind. Furchtbar jedoch ist der Spruch, „So haben wir es immer gemacht“. Vor allem im Berufsleben ist das eine zerstörerische Bremse, wenn Führungskräfte damit ihre versteinerte Macht zementieren wollen. Vor dreißig Jahren habe ich einige überfällige Reformen durchsetzen können und mit zwei Mitarbeitern das erste Computerprogamm für die betrieblichen Fahrdienst in ganz München entwckelt. Danach kamen zwei Abteilungen, in denen Stillstand herrschte und diejenigen belohnt wurden, die dem Chef nach dem Munde redeten, mit Beförderungen, guten Noten und Beurteilungen. Das ganze System wurde dann immer teurer aund aufwändiger, aber an der Struktur wurde überhaupt nichts geändert.

Das ist längst Vergangenheit. In Zukunft werden offene Kontrollsysteme Alarm schlagen, wenn Auffälligkeiten passieren. Das muss gar nicht bedrohlich sein, denn wenn Organisationen verbessert werden, ergeben sich daraus auch andere neue Perspektiven.

Großbritannien will aus der Europäischen Gemeinschaft aussteigen. Wie das funktioniert, wird nicht einfach zu bewältigen sein und noch sehr spannend werden, also auch ein Vorbild für ganz andere Länder, deren wirtschaftliche Schwierigkeiten schon lange bekannt sind.

Die zweite, inoffizielle britische Nationalhymne ist „Land of Hope and Glory“. In der Royal Albert Hall in London singen das auch die Besucher mit: