Reitersoldaten und Steigbügel

24,8,2020. Der italienische Staat hat auf einer Karte die genauen Umrisse eines Reiterstiefels. Das ist nur ein geographischer Zufall, wird aber oft erwähnt. Der Stiefel ist sogar sehr fein gearbeitet, besteht aus einem einzigen Stück und passt zeitlich in die stolze Hochblüte der Renaissance, als die mächtigen Fürsten, Medici von Florenz aus, das ganze Land stark beeinflussten, Kunstschätze in aller Welt sammelten und die Palastgebäude der damaligen vornehmen Altstadt von Meistern wie Michelangiolo und Giotto gestalten ließen. Kein Krieg hat das zerstört, aber die Stadt ist längst zum Leben so teuer geworden, dass selbst junge Einheimische nach Deutschland auswandern.

Preiswert war 1980 allerdings der bewachte Campingplatz hoch über der Stadt, auf dem Piazzale Michelangiolo, wo man das gesamte Altstadtpanorama, den Fluss Arno und die Goldschmiedebrücke Ponte Vecchio mit einem einzigen weiten Panorama-Blick bewundern konnte. Unter der unbeleuchteten kleinen Brücke gab es nachts eine große Auswahl von Zufallstreffen, die auch kostenlos waren. Der gewissenlose, kluge Denker Niccolo Macchiavelli erklärte seinen alten Renaissancefürsten in dem Buch „Il Principe“ zum Beispiel, dass „der Zweck jede Methode rechtfertigt“. Deshalb waren sie ja auch so reich. Wenn man etwas besitzen will, muss man es sich einfach nehmen, auch wenn der Besitzer ganz anders heißt.

Die Natur allein hat das ganze Land wie diesen langen Reiterstiefel gebaut. Dazu gehörte beim vornehmen Rittersoldaten auch ein weicher Ledersattel auf dem Pferderücken, mit zwei Steigbügeln links und rechts. Die musste ein wachsamer Diener oder Sklave so hoch halten, dass sein Herr bequem in die trittfesten Steigbügel hineinschlüpfen konnte und während seines Rittes nicht herunterfiel. Ritter, Reitersoldaten hießen damals „Cavaliere“ (Cavallo = Pferd). Daher kommt auch das gleiche moderne Wort für einen gut erzogenen, reichen Edelmann, denn arme Leute konnten sich solche teuren Tiere nicht leisten. Steigbügelhalter nennt man heute noch unauffällige, diskrete Freunde im Schatten, die kostbare Beziehungen haben und damit berufliche Erfolge anderer Leute steuern.

Ganz oben am breiten Stiefelschacht des großen Schuhs gab es für die Ritter oft eine goldverzierte Schmuckleiste. Dort findet man im Staat heute immer noch die reichen Regionen vom Piemont bis Venetien. Direkt unter dem nur leicht gebeugten Knie liegt die Kraft von Neapel, einst die Hauptstadt des gesamten südlichen Königreichs und jetzt des heißen Mezzogiorno (Mittag), wo meistens eine bescheidene Landwirtschaft die Familien ernährt. Bei jedem belastbaren Stiefel ist das Kniegelenk der mittlere Bereich, wo die schwersten Lasten den ganzen oberen Körper aushalten. Auf den robusten, mühsam abgeernteten Weidefeldern für Kühe und Schafe, den Obstplantagen für Zitronen und Orangen. Denn Lebensmittel brauchte Jeder, wollte dabei aber auch sparsam sein. Denn Steigbügel zum Aufsteigen braucht man nur, damit man anschließend sicher im Sattel sitzt.

Zu jedem belastungsfähigen Schuh gehört eine wetterfeste Sohle, deren mittlere Brücke zwischen Zehenspitzen und Absatzende gleichzeitig der einzige Aufsetzpunkt für harte Steigbügel ist, etwas nach oben gewölbt, damit es für den Reitersoldaten (Ritter) noch bequemer ist. So hat er die massgeschneiderten Außenaufbauten, damit er in alle Himmelsrichtungen galoppieren, kämpfen und Beute einsammeln kann.

Schaut man auf die Landkarte, befindet sich diese Sohle genau in der Region Basilicata, früher: Lukanien. Dort liegt, genau auf der Grenze zwischen Kalabrien und Apulien, die Gemeinde Pomarico. Einwohnerzahl 4.000, Ende Dezember 2019. Das ist der geographische Scheitelpunkt für das Besteigen des gesamten italienischen Stiefels. Hier kann man im Kleinen das Große studieren, die Eigenarten des Landes, ihre Unterschiede und die Ursachen dafür. Wenn man von dort den langen Weg über die Alpen beginnt, landet man in Deutschland, wo vor Allem Auswanderer-Familien aus den südlichen Landesteilen des großen, meerumschlungenen Urlaubslandes leben, in dessen unberührten, archaischen heißen Landschaften aber Touristen nicht in Massen auftreten.

Jedes Land hat stillere, halb vergessene Regionen. Entscheidend ist, was man daraus macht. Als die letzten Kohlenbergwerke im Ruhrgebiet ihre alten Türen für immer schlossen, hat man die örtlichen Strukturen untersucht und erneuert, wenn es möglich war. Rund um Duisburg und Düsseldorf sind die Italiener stark vertreten. In Westfalen habe ich einmal einen Freund aus Kalabrien unterstützt, der für seinen zugereisten Schulkameraden eine Arbeitsstelle suchte. Sogar hinter der holländischen Grenze war nichts zu erreichen. Dann sind wir mit dem Auto abends, im dichten Schneetreiben, nach Duisburg gefahren. Die dortige Altstadt hat, direkt am Rheinufer, ein bekanntes Stadtvierlel mit vielen Ausgehmöglichkeiten, wo die beiden sofort wie alte Freunde behandelt wurden. Ein Arbeitsangebot gab es problemlos als Zugabe. Das war vor vierzig Jahren. Die Beteiligten habe ich längst aus den Augen verloren. Sie gehen ihre eigenen Wege. Aber sie bekamen, ohne lange Sucherei, Hilfe und Unterstützung.

Genau das ist ein Universalmittel, um große Probleme zu lösen: Wo es den Leuten schlecht geht, das steht im Wirtschaftsteil jeder Zeitung: Durchschnittseinkommen. Arbeitslosenquote. Ansiedlung neuer Firmen.

Dann müssen Finanzinvestoren sich verbünden mit guten, realistischen Ideen, deren Erfolgaussichten frühzeitig prüfen und durchrechnen.

Wenn genug enttäuschte Köpfe dabei wieder auftauchen und mitmachen, läuft das Alles fast von selbst. Nicht durch Abwarten, sondern durch Schwung und Beifall. Nur zuschauen darf der Staat dabei nicht. Und Andere mit gut gefüllten Taschen auch nicht.

Hector Berlioz hat eine hochdramatische, fünfstündige Oper geschrieben: „Die Trojaner“, über den Untergang Trojas und die Gründung von Rom. Mitten in den ganzen Aufregungen der Handlung erklingt, wie ein tiefes Aufatmen, eine idyllische Orchestermusik: „Königliche Jagd und Gewitter“. Hier kann man das hören:

https://www.youtube.com/watch?v=vFj1m2yeiMM

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