Rote und blaue Macht

17.9.2020. Das englische Wort „Blue“ bedeutet nicht nur „Blau“, sondern auch einsam. Das ist nicht das Alleinsein, wenn man seine Ruhe haben will, sondern die Abwesenheit von gedanklich Gleichgesinnten oder einer vertrauten Liebschaft. Das hat viele Künstler zu Meisterwerken angeregt. Aber Erich Kästner notierte auch, „Am schlimmsten ist die Einsamkeit zu Zweit.“ Verstanden wird er immer weniger, weil die Freizeitkultur aus überfüllten Gemeinschaftsreisen, Fußballspielen und Badeplätzen besteht, die vorher auch noch gut bezahlt werden müssen.

Das Ergebnis muss nicht gesteigerte Lebensfreude sein, sondern Langeweile. Und die befristeten „Lebenspartnerschaften“ gehen schief, weil die Teilnehmer sich nicht anpassen können, sondern im täglichen Kleinkrieg sich durchsetzen wollen.

„Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ war der Liebingsfilm von Elizabeth Taylor, die 1966 persönlich mit ihrem Ehemann Richard Burton die Hauptrolle spielte. Über zwei Stunden lang streitet sie, als Hausfrau Martha, mit ihrem Geschichtsprofessor George. Es wird immer heftiger, als am frühen Sonntagmorgen auch noch zwei ahnungslose Gäste dazu kommen. Jetzt hört der Krieg gar nicht mehr auf. George schreit einmal, „Das halte ich nicht mehr aus!“ Martha: „Du hältst es aus. Denn dafür hast du mich geheiratet!“Peinliche Geheimnisse werden gegenseitig lautstark herumposaunt. Zum Beispiel, dass der Vater der Überraschungsbesucherin ein Sektenführer war, der das ganze Geld seiner Gemeinde geklaut hat und damit geflüchtet ist. George zu Martha: „Hör auf! Hör auf!“ Martha: „Ich fange jetzt erst an!“

Trotz seiner brutalen Dialoge hat der Film insgesamt ein beruhigende Wirkung. Am frühen Morgen sitzen George und Martha wieder allein vor dem Wohnzimmerfenster. Draußen wird das Licht der Morgendämmerung immer heller. Martha: „Heute ist Sonntag.“ Martha: „Ja, den ganzen Tag.“ Es geht also weiter wie immer, aber der über zweistündige Film endet genau mit dieser Szene.

Die „Urschrei-Therapie“ war damals ein beliebte Methode der Modepsychologie. Wenn man sich seine Spannungen vom Hals schreit, hilft das. Aber das Gegenteil ist richtig. Die Hitze kühlt erst ab, wenn man den heißen Kessel von der Herdplatte nimmt. Dazu reicht eine Handbewegug.

Die vielen Variationen der Psychologie, auch die ernsthaften, haben deshalb einen schlechten Ruf bekommen, weil sie zu oft von Nichtskönnern oder geldgierigen Scharlatanen missbraucht wurden. Die Berufsbezeichnung ist nicht geschützt. Jeder kann sch so nennen, aber keine Krankekasse erstattet die Behandlungskosten. Spätestens, wenn die Rezepte und Diagnosen bei der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) landen, ist Schluss. Dannbekommt der Therapeut einen Brief, dass er alle bereits erstatteten und abgerechneten Gelder zurückzahlen muss. Innerhalb kurzer Zeit. Das halten Schwindler nicht lange durch

Auch wenn ihre Patienten immer jammervoller und wehleidiger werden, dann liegt es an ganz anderen Störungen: Neid, Geldmangel,Unerträglichkeit für Freunde und Verwandte, Jähzorn, Charakterfehler. Die kann man eigentlich gar nicht heilen, weil sie angeboren sind. Ein Lügner bleibt immer ein Lügner. Man kann das nur dämpfen. Oder auf Distanz gehen.

Die Farbe Blau steht für Einsamkeit. Rot bedeutet Aktivität, Energie, Alarm. Feuer. Alles kann zerstörerisch wirken, aber ein Ring aus Feuer strahlt Macht aus. Die Form ist vollkommen, hat keine Ecken und Kanten. Bei der Macht sollte auch so sein. Mit einem goldenen Ring konnte man zaubern, in den ganz alten Geschichten.

Unvergesslich bleibt Johnny Cash und sein „Ring of Fire“ (Ring aus Feuer) :

https://www.youtube.com/watch?v=b-zNQA5Xi4Q