Rummel am Herzogstand

15.8.2016. Ein Tagesausflug in die Alpen, am Wochenende, in den Sommerferien, ist eine Schnapsidee. Macht man es trotzdem, gibt es etwas Anderes zu sehen. Erst einmal die Autobahn, in sonnenflirrender Hitze, mit Blick auf Hunderte von genormten Fahrmobilen, die sich immer ähnlicher werden.

Dann zum Beispiel Kochel am See. Am Ufer ein Terrassenrestaurant neben dem anderen, voll besetzt, Hier wird gut verdient. Und,  vielleicht deshalb, erwähnt bei der Durchfahrt kein Straßenschild das geplante Ziel, den nahen, weit und breit bekannten Herzogstand. Man fährt einfach weiter, in zweispurigen Serpentinen  den Kesselberg hinauf, bis zum Walchensee, dessen dunkle Wasserfläche geheimnisvoll den Sommerhimmel mit den großen weißen  Haufenwolken spiegelt.

Dort ist auch der Herzogstand. Die Seilbahn  fährt 880 Meter steil bis zum Gipfel hinauf.  Es ist 16.00 Uhr. Schon in zwei Stunden gibt es die letzte Rückfahrt in das Tal. Warum so früh, mitten  in der Hochsaison, ist nicht verständlich. Der einheimische Seilbahnführer sagt, „Sonst wird unsere Schicht zu lang. Wir sind schon seit heute Vormittag da.“ Die Gemeinde stellt also im Hochsommer keine zusätzlichen Mitarbeiter hier ein. Dabei würde deren Lohn nur einen kleinen Bruchteil der zusätzlichen Einnahmen ausmachen.

Stattdessen steht oben an der Bergstation in der brütenden Hitze bereits eine etwa 150 Meter lange Warteschlange, die nach Hause will und  angesichts der zwei kleinen eingesetzten Fahrgondeln nur ganz langsam vorwärts kommt. Nicht sehr einladend, für einen weiteren Besuch. Mittlerweile sind auch ferne Kontinente hier vertreten. Eine asiatische Gruppe mit indischen  Frauen in farbenprächtigen  Gewändern und Goldschmuck. Flüchtlinge sind das nicht, sondern Urlauber, die sich die Welt anschauen.

Die schmalen Wanderwege sind überfüllt. Am Berggasthof ist eine lebensgroße Metallbüste  des Märchenkönigs Ludwig II. (1845 – 1886), der hier oft gern verweilte. Die Aussichtsterrasse ist voll besetzt. Die Bedienungen mit ihren bunten, knielangen Trachten-Dirndl-Kleidern eilen geschäftig hin und her. Trotzdem gibt es Wartezeiten, die sich mit zusätzlichen Mitarbeitern verkürzen ließen.

Der Massentourismus hat schon seit Jahrzehnten breite Schneisen und Schleifspuren in das Hochgebirge geschlagen. Das alte Volkslied gilt nicht mehr: „Auf der Alm gibt es keine Sünd‘, weil da keine Menschen sind.“

Als die Abenddämmerung die Felsmassive langsam verdunkelt und die  von oben winzig kleinen weißen Segelboote verschwinden, scheinen alle gleichzeitig aufzubrechen. Bis zur Autobahn schiebt sich die Blechlawine im Schneckentempo vorwärts. Ausweichstraßen gibt es nicht. Die offenen Sportcabriolets mit den eingebauten Höchstgeschwindigkeiten passen sich an.

In der Heckscheibe des vorausfahrenden Autos spiegeln sich noch einmal eindrucksvoll die Felsmassive des Hochgebirges und der verdämmernde Abendhimmel.

Diese Stimmung erlebt man auch in Anton Bruckners Vierter Sinfonie, der „Romantischen“:

https://www.youtube.com/watch?v=gljRZ-3BlcM

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