Salvador Dali, Die zerrinnende Zeit

8.8.2020. Licht und Farben sind eigentlich gar nicht das, was wir sehen. Vom Ergebnis her schon, aber die Ursache ist ganz anders. Licht braucht eine Quelle aus einem anderen Material, die Sonne oder eine Lampe. Farben entstehen durch einen Filter, das kann ein durchsichtiges Glasprisma sein oder ein bunter Schleier.

Dass Licht keine unveränderbare Konstante ist, sondern abhängig von Raum und Zeit, ist schon seit hundert Jahren bekannt. Wenn es sich mit Strom verbindet, steigert sich die Energie. Kommen andere Elemente dazu, entstehen Kraftzentren, die sich noch feiner kombinieren lassen.

Die Zeit spielt dabei eine wichtige Rolle. Salvador Dali starb 1989. Er hinterließ auch das Gemälde „Die weichen Uhren“. Man sieht in fotorealistischer Genauigkeit drei Taschenuhren, die in einer trockenen Wüstenlandschaft schmelzen. Er meinte damit die zerrinnende Zeit, die verblassende Erinnerung. Drei Jahre vor seinem Tod stand ich vor dem Garten seiner spanischen Villa in Figueres, direkt am Meer. In dem Ort hat er ein großes Museum für seine eigenen Werke bauen lassen. Als Surrealist hat er die äußere Wirklichkeit immer glasklar festgehalten. Geheimnisvolle Schleier gibt es nicht. Seine Gegenstände sind oft in der gleißenden Gluthitze einer leeren, staubtrockenen Wüste zu sehen. Sie passen eigentlich gar nicht zusammen, aber gerade ihre unerwartete Zusammenstellung macht hellwach, weil dabei verdeckte Zusammenhänge erkennbar werden. Die schmelzenden Uhren sind zum Beispiel aus Metall und nicht weich wie Wachs. Aber sie zeigen ihr körperloses Innenleben genauer an als eine lange philosophische Grübelei über Vergänglichkeiten, die es in zahllosen Varianten bereits längst gibt.

Im „Rosenkavalier“ heißt es: „Die Zeit ist ein sonderbares Ding. Wenn man so hinlebt, ist sie rein gar nichts. Aber dann auf einmal, da spürt man nichts als sie. Sie ist um uns herum, sie ist auch in uns drinnen. Lautlos, wie eine Sanduhr. Manchmal hör ich sie fließen, unaufhaltsam. Manchmal stehe ich auf, mitten in der Nacht, und lass die Uhren alle stehen. Allein man muss sich auch vor ihr nicht fürchten. Auch sie ist ein Geschöpf des Vaters, der uns alle geschaffen hat.“

Als Jugendlicher empfindet man Menschen, die zehn Jahre älter sind, schon als uralt. Doch die Zeit ist geduldig. Manchmal sogar wie ein guter Freund, der eigene Wege geht. Doch die Erinnerung zeigt: „Die Wahrheit liegt nicht in einem einzigen Traum. Die Wahrheit liegt in vielen Träumen.“ (1001 Nacht)

Träume können Spinnereien sein. Zeitraubende Hindernisse. Teure Irrwege. Ariadne aus Kreta schenkte dem Helden Theseus einen langen Wollfaden. Damit betrat er ein schwieriges Felsenlabyrinth, ließ am Eingang den Faden fallen und erkannte damit, wenn er drinnen einen Weg schon zum zweiten Mal betrat. Also ein Irrweg. Die Spur des vertrauten Ariadnefadens führte Theseus auf dem schnellsten Weg zum Versteck des wilden Ungeheuers Minotaurus, das er tötete. Mit der gleichen Methode fand er anschließend wieder den kürzesten Weg nach draußen. Das funktioniert auf jedem unbekannten, undurchschaubaren fremden Gelände. Und gilt auch als Stichwort für ungelöste Rätsel und Aufgaben.

In einer alten Sage aus Britannien stößt der Zauberer Merlin das mächtige Schwert Excalibur in einen harten Felsen. Niemand kann es herausziehen, nur der erwartete zukünftige Landesherrscher, König Artus. Auf seinem Schloss Camelot verfügt auch er über Zauberkräfte Seine Regierungszeit ist voller Wunder. Mit seinen Rittern sitzt er in der gemeinsamen Tafelrunde an einem kreisförmigen Tisch. Zentrum in ihrer Mitte ist der Heilige Gral, Ein kostbares Gefäß mit magischen Kräften, das ein Licht ausstrahlt, das die Menschen verwandelt. Ihre Lebenserfahrungen und Erkenntnisse steigern sich bis zur höchsten Stufe, der Erleuchtung. Das ist die Vereinigung mit den Zeichen Gottes, die der Mensch erkennen kann (Unio Mystica) .

Viele Glaubensgemeinschaften, auch politische und militärische Organisationen, nehmen solche Maßstäbe ernst. Die alten Zeichen, Kreuze, Schwerter, Erzählungen werden dabei nicht als echte fotografische Fakten falsch bewertet, sondern sind Teil der Bildersprache der Symbolik, die lange vor der Erfindung von Schrift und Text mächtige Zeichen entwickelte, die Jeder verstand.

Die Verbindung zu diesen Quellen ist einer immer größer werdenden Mehrheit nur noch schwer zu vermitteln. ausgerechnet in der heutigen, entfesselten Überflutung mit Daten und belanglosen Informationen sogar schwächer geworden. Aber die alten Zeichen sind unzerstörbar. Sie warten auf ihre Entdeckung und darauf, die Gegenwart aus ihrem unruhigen Dämmerschlaf zu wecken, auf dem Weg zu halb vergessenen Orten, die bereits vorhanden und erreichbar sind. Dazu gehört auch ein Platz, an dem zur Zeit nur sehr wenige Besucher zu finden sind. Er liegt mitten in Deutschland, auf halber Autobahnstrecke zwischen München und Berlin. Seit 1989 habe ich dort die wichtigsten Lebenszeiten verbracht. Auch das ist längst vorbei. Aber nicht das Wissen um die Kräfte, das sich zwar mit Orten verbindet, aber ganz unabhängig davon ist.

„Shanondoah“ ist ein irisches Wor. Liam Clancy singt das Lied:

https://www.youtube.com/watch?v=VbuWbve6gto

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