Schokoladenhasen

24.2.2016. Einfache Arbeiterlokale sind gar nicht so einfach, sondern haben es in sich. Die Stammgäste kommen aus der Nachbarschaft, kennen sich in- und auswendig, streicheln sich freundlich oder posaunen ihre Privatprobleme herum. Oft gehe ich da nicht hin, aber wenn man den richtigen Ton trifft, gehört man dazu. Gestern trampelte dort ein angeheiterter Herr im Vorbeigehen auf meiner Einkaufstüte herum. „Jetzt sind die Osterhasen tot.“ Sofort widersprach ein ganzer Chor von links und rechts. Und dann stand plötzlich ein Schokoladenhase in Goldpapier vor dem Wirt auf der Theke. „Wo kommt der denn her?“ „Der war auf einmal da.“ Da hat er ihn genommen und für alle sichtbar in die Mitte seines Wandregals gestellt. Als ich kurz danach ging, hat der Chor mir „Alles Gute“ hinterhergerufen.

Das klingt übertrieben, aber die Teilnehmer hatten bereits einige Bierchen und Schnäpse  gezischt und meinten es ehrlich. Solche Wirkungen kann man nicht kalkulieren. Wie bei den mächtigen Symbolen der Urzeit ist da eine wortlose Stärke, die alle spüren, aber nicht erklären oder zerreden wollen. Das Phänomen lässt sich auch nicht vollständig erkennen oder messen.

Komplexe Vorgänge kann man einfach darstellen, ohne Fachchinesisch. Doch selbst wertvoller Reformwillen ist nutzlos, wenn es keine Reformwilligen gibt. Dann bleiben die alten korrupten Seilschaften einfach auf ihren ergaunerten golden Thronsessesseln sitzen und versuchen, ihre Kritiker zum Schweigen zu bringen.

Doch berechtigte starke Gegenkräfte erzeugen einen heftigen inneren Implosionsdruck, eine innere Spannung, die anschwillt und Lügen, schilllernde Uunwahrheiten wie Seifenblasen zerplatzen lässt.

Nur solche Schritte führen bergaufwärts, zu den Gipfeln der Erkenntnis. Alles Andere fällt in einen lichtlosen Abgrund, über kurz oder lang. Dafür sorgt das Internet. Die Schändung und Misshandlung wertvoller Dinge gehört zum Alltag. Wenn man das einfach nur hin nimmt, bricht Chaos aus. So wie bei einem Autounfall, wenn man die Schäden nicht repariert und den Verletzten nicht hilft. Krokodilstränen sind kalt. Auch wenn man sich eine aufgeschnittene Zwiebel vor die Augen hält, fängt man an zu weinen. Mit echten Emotionen hat das nichts zu tun. Und auch nicht mit logischem Denken. Lassen sich Spannungen nicht auflösen, gibt es Krisen und Krieg. So wie bei der kraftlosen Ursachenforschung zu den heranströmenden Flüchtlingsmassen, die gern in ihrer Heimat bleiben würden, wenn sie dort sicher leben könnten. Die vielen öffentlichen Betroffenheits-Diskussionen mit leerem Phrasen-Gedröhn erzeugen nur einen hektischen Aktionismus, der die Probleme weiter anheizt und die Staatskassen leert. Das alles kostet jeden Tag Milliarden, löst Proteste aus, aber nichts Wirksames geschieht.

Neue Ideen bringt immer die Musik. In Gustav Mahlers (1860 – 1911) Vierter Sinfonie träumt der Dritte Satz vom Paradies, das schließlich mit dem  gewaltigen Einsatz sämtlicher Instrumente seine Tore öffnet. Nur ein Traum. Aber ein Motiv, ein Wegweiser für die richtigen Entscheidungen.

Leonard Bernstein dirigiert die Wiener Philharmoniker:

https://www.youtube.com/watch?v=BrD4SAIJrg8

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