Schrumpfende Grenzgebiete

22.8.2020. Kleinstädte sind für junge Leute auch Grenzgebiete, wenn finanzieller Spielraum fehlt. Rucksacktouristen haben auf langen Strecken oft nur das nötigste Gepäck dabei, sind als kostenlose Beifahrer mit der hoch gehaltenen Hand unterwegs, schlafen auf Parkplätzen und drehen jede Geldmünze drei Mal um. Der Mehrheit ist das zu ungemütlich. Der Lohn für kurze Ferienjobs ist schnell weg. Urlaub zu Hause war deshalb einmal sehr beliebt. Ausflüge mit dem Fahrrad und Treffen an voll gelaufenen Baggerseen verschafften auch viel Abwechslung. Der einzige Unterschied sind nur die Interessen. Körperliche Arbeit gibt es überall. Die Arbeitsämter haben viele Angebote dafür. Doch das Einräumen und Füllen von Supermarkt-Regalen nachts oder das Abreißen von Kinokarten bringen nicht viel und kosten viel Zeit. Mit dem Ende der Grundschule, mit vierzehn Jahren, beginnen oft anstrengende Lehrjahre, die nach vielen Jahren gehorsamer Schufterei nur mit kleinen Renten belohnt werden. Beim späteren Rückblick blieben trostlose Jahre, Ruhebänke am Marktplatz Mit der anschwellenden Zahl von Maschinen, Fabriken, Fahrzeugen und der abstürzenden Zahl von staatlichen Alleinherrschern, privaten Millionenerben, Steuerdieben, Faulpelzen wurde die Gesamtbelastung geringer. Was noch übrig blieb, landete in massenhaften Billigflügen nach Alaska oder in exotischen Geldverstecken. Dazu kamen ganz neue Methoden des Zeitvertreibs. Ein Überangebot an Fernsehprogrammen, die immer langweiliger und austauschbarer wurden. Die Massenherstellung von Bistros und fettigen Popcorn-Buden. Gehirnerneuerungen mit immer kleinerem Wortschatz, nachlassendem Kurzzeitgedächtnis und einem Dauerlächeln, Dauernicken, das sich selbst nach dreistündigem Leerlauf einfach fortsetzte.

Auf jedem Jahrmarkt gibt es ein Spiegelkabinett mit fleckenlosen Glasscheiben und schmalen Gängen, die plötzlich zu Ende sind, aber bei einem zweiten Versuch neue Sackgassen nur kurz öffnen. Unterwegs blockieren ständig Galerien von leicht gekrümmten Zerrspiegeln, in denen der Betrachter doppelt so dick oder drei Mal so hässlich aussieht. Aus anderen Gängen lachen oder grunzen unsichtbare Stimmen. Im Wiener Prater gibt es eine Geisterbahn, bei der man am Ende sogar schon den gemütlichen Außenbereich erkennt, bis aus einer lichtlosen Nische ein Student mit Totenmaske und Teufelshörnern noch für Unruhe sorgt.

Künstliche Alpträume und die lebendigen Fratzen der Realität haben Eines gemeinsam: Übertroffen werden sie von feinen Spinnennetzen, die gar nicht so schnell erkennbar sind, aber von Meisterhänden ausgebrütet wurden. Das sind Arbeitsabläufe in Firmen, Geschäftsbeziehungen, Verwandtenbesuche zu Weihnachten oder Fernreisen in überfüllte Hotelanlagen, wo die Gäste sich für wenig Geld vierzehn Tage lang den geheizten Swimmingpool anschauen können, aber nicht das Meer und die Sitten der Bevölkerung. Das Lächeln der Mitarbeiter wird elektronisch erzeugt. Die Reisekosten genauso abgerechnet.

Wertvoller sind Naturerscheinungen, an denen Niemand herumgebastelt hat: Zum Beispiel Zuverlässigkeit und Durchblick, die immer seltener werden und deshalb auch immer kostbarer. Man kann sie nicht in Plastiktüten füllen und wegwerfen. Trotzdem findet man sie immer weniger, genauso wie Ehrlichkeit, Offenheit und Glaubwürdgkeit. Solche seltenen Raritäten werden manchmal verwechselt mit teuren Antiquitäten, sind aber unbezahlbar. Das merkt man erst, wenn man zu oft mit Falschgeld und Billigtrödel abgespeist wird. Falsche Perücken und unbezahlte Luxusautos gibt es nicht nur im Kino. Man findet sie überall.

Alpträume haben einen schlechten Ruf. Dabei sind sie wachsame Wächter und Reiniger für die häufigsten Grenzgebiete: Belastungen, Sorgen, Dauerstress verstecken sich in Alpträumen und verarbeiten dort die Auslöser, also Übertriebenheiten. Überreaktionen. Ein belastender Bildersalat sendet Schlüsselsignale. Wenn das Gedächtnis dann nicht auf Tauchstation geht, lassen sich die Bilder ordnen und mit anderen Details verknüpfen, die wie Brücken funktioniern, an deren Ende sich Türen öffnen. Der Zugang zu lange vergeblich gesuchten Schatzkammern oder in andere Grenzbereiche, die den Rahmen der dumpfen Kleinteiligkeit und Ahnungslosigkeit erweitern.

Alpträume sind das Thema der Symphonie Phantastique. Hector Berlioz hat für die einzelnen Sätze folgende Namen gefunden: Wilde Träume. Ein Ball. Szene auf dem Land. Marsch zum Schafott. Walpurgisnacht :

https://www.youtube.com/watch?v=Wuexd74-3H0

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