Selig im Licht

9.9.2019 Wenn es im September draußen früher dunkler wird, dämpfen manche Wirtshäuser sogar noch das Licht. Das soll gemütlich sein, weil es die normalen Altersfalten in den Gesichtern der anderen Besuchern vertuscht. Früher gab es sogar schummerige Kontaktlokale, damit Keiner genau sah, mit wem er es zu tun hatte. Das Internet hat da ganz andere Möglichkeiten geschaffen, und wer dann mit Jemand spricht, will nebenbei auch noch die Speisenkarte lesen können.

Das natürliche Herbstlicht zeigt das welkende Laub auf rotgelb gefärbten Wegen. Der Fortgang in der Natur wird jetzt nicht mehr abgelenkt von tausend Sommerbildern und dem Zeitvertreib an überfüllten Badestränden. Die „Entschleunigung“ wirkt auf die Wahrnehmung, die bessere Konzentration auf das Wesentliche, mit Lesen und Gesprächen.

Der griechische Philosoph Epiktet schrieb: „Nichts gehört dir wirklich, außer dem, was du selbst bist.“ „Werde endlich ein Mann und bekenne dich zu dem, was du bist.“

Leicht zu verstehen, aber die Wenigsten leben danach.

Die südfranzösischen Katharer lebten vom 12. bis zum 14. Jahrhundert. So wie der ägyptische Pharao Echnaton nur die Energie der Sonne (Aton) als einzigen Gott anerkannte, glaubten die Katharer an die Kraft des Lichts, aber nicht an die strengen Dogmen der katholischen Kirche. Als „Ketzer“ wurden sie verteufelt und militärisch angegriffen. Dann rief Papst Innozenz III. im Jahr 1209 zu einem eigenen Kreuzzug gegen sie auf. Die letzten Rebellen wurden auf ihrer Festung Montségur so kange belagert, bis sie aufgaben und dann sofort vor den Mauern auf Scheiterhaufen verbrannt.

Sie waren das Vorbild für die Tempelritter in Wolfram von Eschenbachs Roman „Parzival“, der auch die Idee des Gralskelchs einführte, in dem sich bei einem feierlichen Ritual das Blut des Gekreuzigten in roten Wein verwandelt. Das hat sogar die katholische Kirche als Tradition bewahrt, in der Eucharistie (Wandlung des Materiellen in eine geistige Dimension).

Der letzte Satz in Richard Wagners „Parsifal“ heißt „Selig im Licht.“ Das Meisterwerk greift die beiden gerade genannten literarischen und historischen frühen Quellen auf und vertieft den umfangreichen Stoff mit einer gewaltigen Musik.

Dirigent der Uraufführung war Hermann Levi. Richard und seine Ehefrau Cosima versuchten während der Probenzeit immer wieder, ihn zu überreden, sich von seinem jüdischen Glauben loszusagen und Christ zu werden. Levi lehnte das ab. Sogar als in der Villa Wahnfried ein anonymer Brief einging, mit Vorwürfen gegen den Dirigenten, las Wagner das Machwerk geschmackloserweise seinen Tischgästen laut vor. Levi verließ schweigend den Raum, aber er wurde nicht abgelöst. Nur in der letzten Viertelstunde der Uraufführung trat Wagner ihm schweigend zur Seite, ließ sich zum ersten Mal in seinem Musiktheater den Dirigentenstab selbst übergeben und vollendete damit die erste Aufführung seines letzten Werks.

Weil der Komponist früher pauschal abfällige Bemerkungen über die Juden gemacht hatte, rätselt man bis heute, warum das so geschah. Ein Münchner Musikexperte sagte mir kürzlich, „Das war ein Befehl von König Ludwig II.“ Doch der Märchenkönig hat sich niemals in Besetzungsfragen eingemischt.

Wagner hat einen Wunsch erfüllt, aber darüber oder dagegen nicht diskutiert und auch keinen Namen genannt. Er hat es auch nicht schriftlich hinterlassen. Die Antwort ist nicht geheim, aber sie wird hier nur deshalb nicht genannt, weil danach eine völlig überflüssige Unruhe entstehen würde, die auch der Komponist nicht gewollt hätte.

Jeder kann selbst darauf kommen und die Suchmaschinen des Internets benutzen. Zur Annäherung nur der Hinweis, dass Wagners letzte drei Werke ein Tryptichon sind. Wie bei einem dreiflügeligen Altar erkennt man links „Tristan“, in dessen umfangreichem Text das Wort Gott kein einziges Mal erwähnt wird, der aber tief durchdrungen ist von den Ideen des Buddhismus. Im Schlussgesang heißt es unter Anderem „Seht ihr’s Freunde – seht ihr’s nicht?“ Ja, was denn? Mittelteil des Tryptichons sind die realistischen „Meistersinger“, mit einer Überfülle von Anspielungen an die Kunst der Handwerker. Und der letzte Teil dieser drei gewaltigen Schlusswerke, „Parsifal“, gibt auch viele Antworten zu einem einzigen großen Thema.

Im Grundstein seines Festspielhauses ließ der Komponist einen handschriftliche Zettel einmauern: „Hier schließ ich ein Geheimnis ein… So lange es der Welt sich zeigt, wird es der Welt nicht offenbar.“

Was der Welt sich jedes Jahr offen zeigt, sind die Aufführungen der Werke. Aber das Geheimnis zeigt sich dabei nicht. Doch darüber kann man offen reden. Niemand hätte etwas dagegen oder wäre verärgert.

Die persönliche „Offenbarung“ eines Erlebnisses ist eine plötzliche Erkenntnis oder die Lösung für komplizierte Situationen. So etwas ist überhaupt nicht im materiellen Bereich sichtbar wie eine Theater-Aufführung, sondern nur die gedankliche Wirkung des Erlebten. Nicht die Masse der zahlenden Zuschauer erlebt das, sondern betrachtet stundenlang nur die sichtbaren Bilder. „Offenbar“, also auch innerlich erkennbar, wird aus dem Gesehenen nur dann eine mächtige Idee, wenn die Bilder eine starke innere Energie haben. Symbolbilder gab es in der menschlichen Frühzeit schon, bevor die abstrakte Wortsprache entstand. Das Pentagramm (Fünfeck) zum Beispiel hat immer eine einzelne Spitze. Wenn sie nach unten zeigt, weist sie hin auf den Abgrund, das Reich der Finsternis, in das der „Lichtgott“ Luzifer hinabgestürzt wurde, weil er den göttlichen Gesetzen nicht gehorchen wollte und deshalb als „gefallener Engel“ das Reich Satans beherrschte und aktiv regiert. Zeigt jedoch die Spitze des Pentagramms nach oben, sieht man den Himmel, der den Planeten Erde umgibt und weiß dank der Naturwissenschaften, dass dahinter das riesige Universum existiert. Dessen Mechanik versuchte der angesehene Physiker Albert Einstein zu erforschen, die Gesetze, nach denen Alles funktioniert. Aber selbst dieser große Forscher war von dieser Aufgabe überfordert.

Wer hat sich dieses System ausgedacht, dessen Störung oder vorsätzliche Verletzung Katastrophen auslöst ? Die Antwort hat zwar einen klaren Namen, aber nicht einen Einzigen. Die antiken Griechen nannten ihn Zeus, die Römer Jupiter. Für die Indianer war es „Manitou“. Die Germanen sprachen von Wotan. Martin Luther verwendete in seiner berühmten Bibel-Übersetzung das Wort „Gott“. Er vermied das hebräische Wort „Jehova“ oder „Jahwe“, weil er die Juden nicht mochte Solche Ungenauigkeiten waren ihm sonst fremd. Es gelang ihm sogar, eine eigene, noch heute unübertroffene Übersetzungs-Sprache zu verwenden, die sogar in Sprichwörtern überliefert ist, zum Beispiel „Herzenslust. Lockvogel. Plappern.“

Sehr nahe der Ausstrahlung Richard Wagner war Anton Bruckner, der ihn auch bei den Bauarbeiten für das Festspielhaus besucht, dort im verregneten Schlamm in voller Länge ausrutschte und deshalb peinlich verlegen in Wahnfried auftauchte. 1883 komponierte Bruckner seine Siebte Sinfonie und nannte den zweiten Satz: „Trauermusik zum Tod des hochseligen Meisters.“ Dabei erlebt man jedoch nicht eine abgrundtiefe Verzweiflung, sondern eine lichtdurchflutete Hymne an die Ewigkeit: „Selig im Licht“. Hier kann man das hören:

https://www.youtube.com/watch?v=Znaac5QFNxY