Septembermorgen

2.9.2019. Am 6. Oktober ist das Erntedankfest. Aber umgangssprachlich gilt der ganze September als Beginn der Erntezeit. Herbstbeginn ist der 23. September, aber Viele denken, dass der Sommer mit dem August endet. Sogar das Oktoberfest beginnt schon im September, wegen der unberechenbaren Witterung.

Als ich erst ein paar Monate in München war, lag im Briefkasten eine Karte mit dem Gedicht „Septembermorgen“ von Eduard Mörike. Der gesamte Text war mit einer alten Schreibmaschine getippt, deren Buchstaben Fehler hatten und am Ende auch namentlich unterschrieben. Zwei Wochen später kam der Katalog eines erotischen Versandhauses. Ein Absender war diesmal nicht dabei, aber die Anschrift hatte die gleichen maschinenschriftlichen Fehler wie das Mörike-Gedicht. Es war also die gleiche Person, die unerkannt überraschen wollte, aber nicht daran gedacht hatte, dass das Schriftbild der Schreibmachine das Rätsel löste. Das war dann eine peinliche Überraschung, aber nicht für den Empfänger!

Solche Fehler sind alltäglich, aber wer sich tarnen und verstecken will, denkt, dass er dabei unsichtbar bleibt. Mir war es immer eine große Freude, kleine Auffälligkeiten zu entdecken und damit sogar auch große Geheimnisse zu enträtseln. Das ergibt oft unbeabsichtigten großen Ärger, und sogar vermeintlich gute Freunde zeigten dabei ihr wahres Gesicht als Lügner und Betrüger. In großen Firmen kann ein derartiges Management schwerste Schäden anrichten und wehrt sich mit allen Mitteln gegen berechtigte Kritiker. In Zukunft wird das jedoch immer schwieriger, denn gerade die anschwellende Flut von gespeicherten Dateien kann in Verbindung mit Spezialcomputern für Erkenntnisse sorgen, die den Verursachern gar nicht klar sind.

Interessant dabei ist, dass der Herbst als Erntezeit auch dafür sorgt, dass die kürzeren Tage für Lektüre und Gespräche sorgen, die vorher aufgeschoben wurden. Man kann also dann die im Lauf eines Jahres oder Lebens gesammelten Informationen noch stärker verarbeiten und auswerten, wenn man will. Gewarnt sei dabei vor Analysten, die einem solche Arbeit abnehmen wollen, gegen Bezahlung natürlich. Das sind oft Spezialisten für ein beschränktes Wissensgebiet, die mangels Allgemeinbildung wichtige Zusammenhänge übersehen oder gar nicht erkennen. In der Politik oder in den Zeitungsredaktionen sind solche Kommentatoren sehr beliebt, und sie schreiben in einer klaren, knappen Sprache, deren Ergebnisse aber völlig falsch sein können und zu kostspieligen Fehlentscheidungen führen, die bei der Fortentwicklung ganzer Staaten lang anhaltenden Schaden anrichten oder sogar Kriege und Krisen auslösen.

Berühmt ist die Farbenpracht des Indian Summer in Nordamerika, wenn verschiedene Baumarten ein ganzes Meer an Laub-Farben erzeugen. Das ist auch ein Hinweis darauf, dass mit dem bevorstehenden Winter nicht das Ende eines Lebenslaufs bevorsteht, sondern nur eine Unterbrechung bis zum Frühjahr. In der Denkweise des Buddhismus wird der Mensch so oft wiedergeboren, bis er seine schlimmsten Fehler erkannt hat und davon gereinigt wird. Zum Schluss folgt nicht der Tod, sondern im Nirwana löst sich jede einzelne Energie auf und vereinigt sich mit dem Kosmos und dessen Kraft zur Fortentwicklung.

„Das ist der Herbst – der bricht dir noch das Herz !“ So beginnt ein Gedicht von Friedrich Nietzsche. Aber der Herbst macht da gar nichts. Es war das Innenleben des Autors, nach Enttäuschungen im Freundeskreis und dem Streit mit Richard Wagner, der an Nietzsches Arzt einen Brief schrieb, den ihm Nietzsche nicht verziehen hat. Aber die Projektion des Innenlebens auf Naturerscheinungen war immer ein fester Bestandteil großer Literatur.

Das eindringlichste Herbstgedicht stammt von Rainer Maria Rilke: „Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß. Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren, und auf den Fluren lass die Winde los. Befiehl den letzten Früchten, reif zu sein. Gib ihnen noch zwei südlichere Tage und jage die volle Süße in den schweren Wein. Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben und auf den Alleen unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.“

Frank Sinatra hat vor über fünfzig Jahren ein ganzes Album mit Septemberliedern aufgenommen. Sie gelten nicht nur der Jahreszeit, sondern sind auch ein Lebensrückblick, von der Jugend bis ins Alter. Beim ersten Anhören der folgenden Aufnahme war sie sofort verständlich, und die schwelgende Musik steigerte diesen Eindruck noch: „It was a very good year“ :

http://www.youtube.com/watch?v=TeDfgUvyKHk