Sheherazade

18.2.2016. Der persische König Schahrayâ wurde von seiner Frau mit einem Sklaven betrogen. Danach heiratete er jeden Tag eine neue Frau und ließ sie aus Rachsucht am nächsten Tag hinrichten. Bis er auf Sherazade traf, die ihm jede Nacht eine neue phantasiegvolle Geschichte erzählte. Nach 1001 Nächten war er so fasziniert von ihr, dass er sie heiratete.

Die vollständige Fassung dieser alten orientalischen Märchen belegt ein ganzes Brett  im Bücherrregal, aber in gekürzter Form sind sie auf der ganzen Welt bekannt. Eine geradezu überschäumende Phantasie schafft eine eigene Welt von Schlangenbeschwörern, mächtigen Geistern, Wunderlampen und Fliegenden Teppichen, die es in dieser Form vorher nicht gab. Nichts davon entspricht der Wirklichkeit, aber die Sprache ist so klar und leicht verständlich, als ob es sich um Tatsachenberichte handelte.

Die materielle, sichtbare Realität ist nur ein Teil der Wirklichkeit. Darüber hinaus gibt es Formen der Bewusstseinserweiterung, die einerseits mit künstlichen Zusatzstoffen in Verbindung gebracht werden, aber nicht die Hauptsache ersetzen: Das Lernen, Erkennen und Wissen.

Vor achtzig Jahren wurden in Hitlerdeutschland massiv alle verfolgt, die nicht seiner Meinung folgten. Einer davon war der Schriftsteller Erich Kästner. Am 10. Mai 1933 musste er in Berlin mit ansehen, wie auch seine Bücher mit große Propaganda-Getöse auf einem öffentlichen Scheiterhaufen in Flammen aufgingen. Er erhielt Schreibverbot, war aber nicht vergessen. Im Jahr 1943 wollte die deutsche Filmwirtschaft mit Hollywood gleichziehen, mit dem aufwändigen Kostümfilm „Münchhausen“, der sogar in Farbe gedreht wurde, mit Hans Albers in der Titelrolle. Und das Drehbuch schrieb, mit Zustimmung des Regimes – Erich Kästner, allerdings unter dem Pseudonym Gottfried Bürger Für das große Prestigeprojekt hielt man ihn also als bestens geeignet.

Unabhängig von jeder wechselhaften Tagespolitik und auch der Realität ist die Phantasie also eine übergreifende Dimension, die tiefer eindringt in die mächtigen unsichtbaren Welten, die uns umgeben, die Handlungen steuern und die Gedanken vertiefen. Das Jahr schreitet voran. Gesichter ziehen vorbei. Gedanken. Gespräche. Signale der Außenwelt. Die fließende Zeit, die in persönlicher Wahrnehmung sich verlangsamt und beschleunigt. Nach vielen Jahren  scheint alles schneller abzulaufen, weil das Gedächtnis voller Erinnerungen ist, die plötzlich auftauchen, sich mit anderen Eindrücken verbinden und neue Wge öffnen.

Der russische Komponist Rimsky-Korsakow schuf eine farbenprächtige musikalische Umsetzung des „Sheherazade“-Themas. Hier kann man das hören und träumen:

https://www.youtube.com/watch?v=iB85fg53Zt8