Sigmund Freunds Traumdeutung

2.6.2019. Freuds wichtigstes Werk ist die „Traumdeutung“, veröffentlicht im Jahr 1900. Hier stellt er seine Erkenntnisse umfassend vor, beginnend mit dem lückenhaften Verständnis dieser Methode in früheren Jahrhunderten. Lange glaubte man, dass Traumbilder auf kommende böse Ereignisse hindeuten, also Voraussagen sind, die aber selten zutrafen.

Freud entwickelte einen völlig anderen Standpunkt. Weil das Gehirn im Schlafzustand weiter arbeitet, entstehen aus aktuellen Problemen und Tageseindrücke die Traumbilder. Sie entfesseln eine scheinbar chaotische Handlung, die man aber wie eine Fremdsprache lesen kann, wenn man die Vokabeln und die Grammatik kennt.

Vor allem bei psychischen Erkrankungen ließ Freud sich von seinen Besuchern gern ihre Träume erzählen. Manchmal hörte er dann, „Ach, das ist nicht so wichtig“, ermunterte aber gerade an solchen Stellen die Mitteilung weiterer Details. Denn die Verdrängung unangenehmer Erlebnisse ( Traumata ) führt zur Bildung eines harten Schutzschildes und ist trotzdem der direkte Zugang zu den tieferen Ursachen.

Meine eigenen Träume sind oft lebhaft, bunt, fotorealistisch in den Details und eignen sich gut für die von Freud oft geforderte Selbstanalyse, die er als unverzichtbare Voraussetzung für alle seine Nachfolger verlangte. Hier nur ein alltägliches Beispiel: Mit einem alten Freund habe ich früher oft Ausflüge durch das Münchner Umland gemacht, vom Ammersee bis zu den Königsschlössern. Er freute sich natürlich nebenbei über die finanzielle Beteiligung an den Unkosten. Privat lernte er auch viele Jahre lang ausdauernd Spanisch, aber in diesem Land waren wir niemals gemeinsam. Nach dreißig Jahren wechselnder Gemeinsamkeit verstärkten sich leider Zerfall- und Krisensymptome. Und dann folgte der eine Traum, der die Tagesrealität völlig verfremdete und gleichzeitig erklärte: Wir waren mit seinem Auto zum ersten Mal in Spanien unterwegs, in einer typischen, sonnendurchfluteten Landschaft. Alle zweihundert Meter standen am Straßenrand viele Autotankstellen. Er wollte zu Jeder hin. Ich protestierte, „Wir können doch nicht ständig tanken.“ Da hielt er an und war auf einmal fort. Nur noch sein leeres Auto stand verlassen da. Und dann wurde ich wach. Diese einfachen Traumbilder zu deuten, war nicht schwer: Es gab vorher schon wiederkehrende Spannungen, Streit in der Realität, und die gemeinsamen Treffen war auch längst keine Freude mehr. Mittlerweile, nach einem besonders hässlichen Zwischenfall vor einem Jahr, sprechen wir sogar kein Wort mehr miteinander.

Die Traumdeutung ist also ein starkes Mittel, um Störungen zu erkennen, zu entschlüsseln, ihre Ursachen zu finden und vielleicht sogar rechtzeitig zu beseitigen. Schlimme Alpträume folgen logischerweise bei negativen Erlebnissen, aber sie verkünden nicht die Zukunft, sondern entfesseln bereits eine reinigende Kraft in der Psyche und beschleunigen die Verarbeitung und die endgültige Auflösung im Alltag.

Den riesigen Speicher für Störungen bezeichnete Freud als das „Unterbewusstsein“. Es ist natürlich unsichtbar, aber ein schlafender Vulkan, der bei dummen Menschen schwere Fehler und Auffälligkeiten auslöst.

Das Alles zu bändigen, nannte Freud „Sublimation“, die Veredelung der Instinkte und Fehlentwicklungen. Das kann man lernen. Am besten nicht durch die Lektüre der unübersehbaren Sekundärliteratur mit ihren Falschbewertungen durch bezahlte Fachleute. Die Originaltexte des Entdeckers sind von einer verblüffenden Klarheit, überfordern aber auch eine Mehrheit seiner Nachfolger. Für sie gilt: „Vorsicht, Arzt ! “ Ein solches Schild stand vor dem Haus des Chirurgen Julius Hackethal ( 1921 – 1997 ). Es gilt noch immer.