Stillgelegte Geisterbahnen

22.10.2019. Volksfeste sind wegen der Witterung etwas für den Sommer. Dann werden auch die Geisterbahnen stillgelegt, weil keine Besucher mehr kommen. Der Betrieb selbst eines so harmlosen Geschäfts erzeugt laufend Kosten für Energie, Miete, Steuern und Personal. Nur im riesigen Wiener Prater habe ich vor zehn Jahren erlebt, dass die Horrorbahn noch geöffnet war, vermutlich wegen Unterstützungs-Zahlungen der Stadt, weil sonst überhaupt keine Gäste mehr auf das Gelände gekommen wären.

Vor vielen Jahren habe ich einmal einen stundenlangen Spaziergang an der Isar gemacht, von der Flaucher-Brücke in Thalkirchen bis zur Waldwirtschaft in Großhesselohe. Dort gab es eine Schiffschaukel, die im Sommer sehr beliebt war. An dem Tag war natürlich alles still, welkendes Herbstlaub stapelte sich auf den Biertischen. Nur die alte Betreiberin, die uns im August angefeuert hatte, „Schaukelt, so lange ihr wollt“, war zufällig da und erinnerte sich genau an ihre wilden Gäste, die aber keine Gespenster suchten, sondern nur den Schwung hoch in die Luft nicht satt bekamen.

Das Leben besteht nicht nur aus Spaß, sondern hat viele Geisterbahnen, die nicht sofort erkennbar sind. Sie verursachen viel Ärger, werden aber trotzdem nicht stillgelegt, weil ein paar Leute gut daran verdienen. Kürzlich habe ich mit dem Manager eines großen Spielfilm-Studios gesprochen, der feststellte, dass seine Deutschland-Abteilung vollkommen neu organisiert werden muss. Da ich ihn vorher für einen Mitarbeiter der Münchner Bavaria-Film gehalten hatte, kam dann heraus, dass auch große amrikanische Studios wie Universal oder Warner Brothers auf dem Gelände Aufträge abwickeln. Da die ganze Branche in einer tiefen Krise steckt und selbst die lärmenden, auf sekundenschnellen Computern herumgeisternden Horrorfilme mangels Publikums-Nachfrage immer weniger in die Kasse bringen außer dem nacktem Entsetzen der Finanzinvestoren, stimmte er ohne lange nachzudenken zu, dass eine Neu-Ordnung vor allem die Personalkosten senken muss. Zu viele Mitarbeiter, zu viele hoffende und wenig verdienende Nachwuchskräfte, ständige technische Anschaffungen, die nach einem Jahr schon auf dem Schrottplatz landen und zu wenige attraktive Ideen. Das Gespräch beschränkte sich natürlich nicht nur auf die letzten drei Stichworte. Ich habe in anderen Artikeln ein paar Mal den bekannten Regisseur Wolfgang Petersen satirisch bearbeitet. Aber er hat jahrzehntelang eine eindrucksvolle Liste sehenswerter Zeugnisse seiner Kunst geschaffen, die mit unterschiedlichen und schwierigen Themen sehr souverän umgingen. Aber auch er ist in den unaufhaltsamen Trend geraten, dass nichts Wirklich Neues die einschlafenden Leute immer wenige aus den Sitzen reißt.

Andere Geisterbahnen findet man in jeder Firma, wo die temperamentvollen Mitarbeiter sich ihre Kollegen nicht freiwillig ausgesucht haben. Außerdem bei Gaststättenbesuchern mit schlechtem Benehmen. Nachbarn und Freunde, die jahrelang mit einem freundlichen Lächeln sich überall beliebt machten, aber plötzlich ihre zähneflatschende Wolfsfratze zur Schau tragen. Dagegen kann man sich wehren, aber viele Mitläufer und Spießgesellen sind gern dabei. Die Justiz hat wirksame Gesetze und schon ein paar Musterprozesse mit Strafen und Entschädigungszahlungen sorgen ganz schnell für kostspielige Abschreckung. Aber das Chaos aus Überlastung, Faulheit und Dummheit braucht auch Dirigenten, die solche Noten lesen können.

Die Security-Branche erlebt zur Zeit den reinen Horror. In den Sechzigern waren die uniformierten Schwarzen Sheriffs in den U-Bahnen manchmal auch ein Schrecken für auffällige Fahrgäste, die manchmal sofort verprügelt wurden. Das hat sich geändert. Die Uniformen sind freundlicher und das Benehmen auch. Doch ganz leise haben sich Riesenprobleme herangeschlichen. Es gibt zu viele Sicherheitsangebote und immer mehr Konkurrenz. Vor Jahren erzählte mir ein Wachmann, „Wenn ein guter Auftrag neu vergeben wird, führen die Chefs Krieg gegeneinander.“

Das lässt sich nur verhindern mit einem einwandfreien Ruf. Früher gab es unter den Mitarbeitern auch vorbestrafte Schläger und rausgeschmissene Polizisten, die kein Hausverbot hatten und sich bei ihren alten Kollegen mit Informationen aus dem Polizeicomputer bedienten, die es zwar nicht kostenlos gab, aber auch nützlich waren, um private Streitigkeiten zu überwachen und Verleumdungs-Material zu sammeln, das vor Gericht gar nicht verwendet werden darf, zum Beispiel Tat-Provokationen, mit denen man Menschen bei berechtigten Wutausbrüchen filmt, während die verkleideten Statisten unsichtbar bleiben. Außerdem muss jeder Saubär damit rechnen, mit einem handelsüblchen Smartphone selbst gefilmt zu werden, und selbst bei größeren Entfernungen sind Vergrößerungen so scharf, dass sie für eine Feststellung der Identität ausreichen.

Verantwortlich für ihre Leute sind natürlich die Chefs. Manchen sollte man schon wegen ihrer markanten Verkleidung keine Aufmerksamkeit schenken, aber sie bringen natürlich die ganze Firma in Gefahr. Und wenn man ernstzunehmende Kenner der Szene trifft, wird man eigentlich immer angenehm überrascht. Wer selbstbewusst ist, lässt sich nicht hochnäsig belehren, ist aber für gute Hinweise und Informationen ausgesprochen gesprächsbereit. Denn seriöse Großaufträge für Sportveranstaltungen oder die Sicherheit bekannter Politiker können über Nacht gekündigt werden, wenn auch Methoden angewendet werden, die strafbar sind: Zum Beispiel das Abhören von Privattelefonen, die heimliche Videoüberwachung von Privatwohnungen, Kontakte zu polizeibekannten Problembereichen, bezahlter Psychoterror und andere Übergriffe.

Wenn solche Geisterbahnen stillgelegt werden, kostet das nicht nur Arbeitsplätze und deren Gehälter, sondern Einträge im Strafregister oder in Prozessakten und eine ungewollte schlechte Eigenreklame in der gesamten gesprächigen Branche und deren Kundschaft.

Sogar Mitarbeiter sind nicht immer zur notwendigen Verschwiegenheit und zum Datenschutz aufgeklärt worden, weil die Führungsebene selbst ohne geprüfte Ausbildungsnachweise den Laden in Gang hält. Einfache Wachmänner wissen sehr wohl, was Dienstgeheimnisse in jeder Firma bedeuten und halten sich daran, können aber die Außenwirkung ihrer Einsätze oft gar nicht beurteilen. Mir hat mal einer im Privatgespräch ein Exponat aus einer Ausstellung angeboten, das ihm der Eigentümer aus Sympathie geschenkt habe. Ich sollte das für ihn deponieren, habe das natürlich abgelehnt, ihm aber die Meinung gesagt und die Bekanntschaft sofort beendet.

Ludwig Erhards erfolgreiche Ideen über die freie Markwirtschaft bedeuteten auch, dass Konkurrenz unbedingt notwendig ist, weil sie Qualität erzwingt, die nur bei Beachtung aller Gesetze auf Dauer auch berechtigte Gewinne erzeugt. Konkurrenz gibt es in vielen Branchen. Sie sorgt auch für möglichst niedrige Preise im Wettbewerb. Wer solche Prinzipien beachtet, braucht sich nicht darüber zu sorgen, dass die Geisterbahn plötzlich stillgelegt wird. Ich kenne einige kluge, nebenbei auch sehr sportliche Köpfe, die das sofort verstehen. Sie müssten sich ihren eigenen Laden aber auch selbst gründlich anschauen, denn dummes Gerede gibt es überall. Aber es darf mit der Realität nichts zu tun haben.