Tiritomba, zweiter Teil

17.8.2020. Manche Volkslieder sind sehr alt. „Greensleeves“ (Grüne Ärmel) wird schon beim englischen Renaissance-Dichter William Shakespeare erwähnt. Die einfache Melodie berührt jeden Hörer und ist auf der ganzen Welt bekannt. Andere Lieder klingen zwar auch einfach und alt, sind aber erst hundert Jahre alt. Selbst Einheimische wissen nicht immer, was „Tiritomba“ bedeutet. Die erste Hälfte („Tiri“) imitiert ein Vogelgezwitscher. „Tomba“ bedeutet „Grab“. Es ist also ein Grablied, zur Erinnerung an einen Verstorbenen. Die Melodie des ersten Teils ist heiter, die zweite klingt melancholisch. Auf YouTube gibt es viele Filmaufzeichnungen. Die meisten spielen das Stück viel zu schnell, fast hört sich das wie Schadenfreude an. Dabei wird an Aufwand nicht gespart. Manchmal sieht man ein großes Mandolinenorchester mit Akkordeons und Kinderchor. Eine einfache Bühne auf Volksfesten im Sommer reicht auch. Außer Straßenmusikanten haben viele bedeutende Sänger die Musik aufgezeichnet. Sie stammt aus Neapel, da ist natürlich auch Roberto Murolo dabei.

Bevor Rom wieder Haupstadt wurde, gab es das Königreich Neapel (1861 – 1946). Dort öffnet sich eine ganz eigene Welt. „Das ist nicht mehr Europa.“ Solche Stimmen meinen den Charakter der Stadt, das äußere und das innere Leben, die einmalige Architektur, das Leben auf offener Straße und auch die Fremdartigkeit der Einzelbilder, die manchmal an Afrika und den arabischen Orient aus 1001 Nacht erinnern.

Im Herbst 1983 war ich zum ersten- und letzten Mal drei Tage in Neapel. Das Hotel lag direkt an der Schiffsanlegestelle nach Capri. Stadteinwärts erlebte man die Mergellina, das Armenviertel, wo in engen alten Bauten ganze Familien eng zusammenrücken müssen. Auf der Haupteinkaufstraße mit dem passenden Namen „Via Roma“ wurde viel Trödel im Straßenverkauf angeboten. Billige Fälschungen von Luxusmarken wie Armani. Bettelnde Kinder, die manchmal absichtlich mitleiderregend zugerichtet waren. Luxuswaren gab es in der Einkaufspassage der Galleria Vittorio Emanuele II. Dort steht auch das besuchenswerte Opernhaus San Carlo. Allerdings war damals keine Spielsaison. In einer nahen Pizzeria wurden tatsächlich aufgewärmte Spaghetti aus dem Kühlschrank serviert, mit einer fast kalten, kaum gewürzten Ölsauce. Früh ging es zurück zum Hotel. Auf einem kleinen Vespa-Motorroller, das trotz der abendlichen Dunkelheit keine eingeschalteten Scheinwerfer hatte, gab es einen etwa zehnjährigen Beifahrer, der auf dem Gepäcksitz stand und sich nur am Rücken des Fahrers festhielt. Am Straßenrand parkte ein Auto, durch dessen Windschutzcheibe Jemand auf den Fahrer geschossen hatte. Ganz in der Nähe gab es kein Laternenlicht. Ein junger Mann brach gerade eine Autotür auf. Morgens um sieben Uhr wackelten tatsächlich die Wände. Putzfrauen liefen schreiend durch den Flur nach draußen. Im Nachbarort Pozzuoli hatte es gerade ein Erdbeben gegeben. Wir wollten damals eigentlich noch die archäologischen Ausgrabungen in Pompeji besuchen, sind dann aber sofort abgereist.

Heute hat sich der damalige Eindruck völlig verändert. Das liegt an den Informationen, die für Jeden zugänglich sind. Man weiß viel mehr über das Innenleben dieser Stadt, die Hintergründe und die Ursachen der Versäumnisse, die einfach nicht bearbeitet wurden.

1983 – das ist jetzt 37 Jahre her. Die Welt wurde seitdem immer unruhiger und hektischer, immer mehr von Dummheiten und Belanglosigkeiten überflutet. Doch an manchen Punkten ist die Bewegung einfach stehen geblieben. Eigentlich darf das gar nicht sein, aber es ist jetzt eine gute Aufgabe für die nachwachsenden, jüngeren Generationen. Leider sind ausgerechnet in den überfüllte Großstädten der vorhandenen Kontinente Viele zu bequem dafür, hängen herum, vertrödeln die Zeit mit Schnickschnack und Belästigungen, rühren aber keine Hand für den Abbau der weltweiten Probleme, die Jeder bequem kennenlernen kann. Aber selbst zur Informationserweiterung reicht es nicht. Das leere Geplapper in Bistros und anderen Treffpunkten zur Zeitverschwendung wird lauter und frecher. Die Faulheit auch.

Dabei sind viele Probleme lösbar. Kürzlich sprach ich mit einem bescheidenen Menschen, der mit begrenzten finanziellen Mitteln sein Leben gestaltet. Das Klagen und Jammern wird auch für ihn, immer mehr zu einer neuen sportlichen Disziplin, mit Wettbewerbsgewinnen bei Höchstleistungen.

Auch das ist eine, aber nur eine Erklärung für den Zustand unserer Zeit, die viele Chancen bietet, aber nicht genug Interessenten und Mitmacher findet. Als Ende Märze sämtliche Lokale, Schulen, Opernhäuser und andere Treffpunkte wegen der Corona-Krise ganz schlossen, waren tagelang danach noch grinsende Gesichter in den Straßenbahnen unterwegs, die sich daraus einen Spass machten.

In den Tagesnachrichten wird viel schäumende Hysterie verbreitet. Aber Eines bleibt sicher: Wer sich innerlich nicht umstellt, wird es immer schwerer haben. Laufende staatliche Reisewarnungen für beliebte Urlaubsgebiete sorgen für Enttäuschungen. Aber war es vorher überhaupt notwendig, so viel zu verreisen? Zu Beginn meiner Münchner Zeit war ich oft, auch werktags, bis in den frühen Morgen in der rastlosen Freizeitgesellschaft unterwegs. Es gab zwar nicht so viele neue „Freunde“ wie bei Facebook, aber auf Beides kann ich schon lange verzichten. Die meisten Leute, die nach Aufmerksamkeit schreien, braucht man gar nicht.

Der Philosoph Ernst Jünger (1895 – 1998) hat in seinen letzten Lebensjahren Käfer gesammelt und dazu geistreiche Kommentare geschrieben. Vorher hat er, über ein Jahrhundert, die unterschiedlichsten Aktivitäten als Denker entwickelt.

Auch seine Bilanz kann nur bestätigen, ws Albert Einstein erkannte: „Wir stehen auf den Schultern von Riesen, die vor uns waren.“

Kein Grund zur Weltfremdheit. Im Gegenteil.

Im Spass hat kürzlich ein alter Freund zu mir gesagt, „Du solltest Regierungsberater werden.“ Daraus wird wohl gar nichts – aber auch wenn man solche Aufgaben ernst nimmt und sie nicht zum scheinheiligen Herumtrödeln missbraucht, müssen sie nicht einmal viel Zeit kosten. Denn die Zukunft wird nicht von riesigen Datenmengen blockiert, wenn der Blick auf das Wichtigste schnell genug ist.

Das Wichtigste ist manchmal sehr einfach. Schon ein Blick auf statistische Veränderungen führt direkt zur Ursachenforschung und Problemlösung. Dabei kann das Instrumentarium vorübergehend sogar viel größer werden, wenn es keine leeren Wasserköpfe erzeugt: Schwerfällige Bürokratien mit versteinerten Hierarchien, die sich selbst verwalten.

Damals fehlte dieses Wissen noch, beim letzten Besuch in Neapel. Sonst wäre erkennbar geworden, was dort auch heute noch an realistischer Aufbauarbeit möglich ist. Und warum es nicht geschieht.

„Tiritomba“, die Mischung aus Traurigkeit und Lebensfreude, ist nicht schwer zu singen. Von allen Kostproben war ausgerechnet eine Version des Belgiers Helmut Lotti empfehlenswert, natürlich im Originaldialekt, mit Mandolinenorchester und Chor:

https://www.youtube.com/watch?v=dQZMOAyL-8E

.