Tiritomba

29.8.2019. „Tiritomba“ ist ein altes süditalienisches Lied. Die Bedeutung des Titels konnte mir bisher auch kein Einheimischer erklären, aber man kommt von selbst darauf. „Tomba“ ist das Grab, und „Tirili“ der Gesang der Vögel. Also ein Grablied, mit einer eindringlichen Melodie. Aber kein Trauerlied. Der Gesang der Vögel ist ein Zeichen des Lebens, das im Frühling neu erwacht.

Das kann man auch an einem anderen Ort erleben. Im Februar 1970 war ich zum ersten Mal im tief verschneiten Bayreuth. Keine Touristenmassen. Auf der Grabplatte von Richard Wagner lag eine dicke Schneeschicht. Es war ganz still, also hat niemand die wortlose Ruhe dort gestört. Alle Äußerlichkeiten, auch dieses Orts, spielten jetzt keine Rolle mehr, und man konnte in Verbindung treten mit der gedanklichen Wirkung des größten Musikdramatikers aller Zeiten, dessen Werke ich schon damals auswendig kannte. Und dann sang in einem kahlen, blattlosen Strauch ganz nahe, aber unsichtbar ein Vogel. Ein Naturlaut ohne Instrumente, aber auch eine Form von Musik. Diese Szene ist unauslöschlich im Gedächtnis gespeichert, stärker als viele andere Erlebnisse im Lauf der vergehenden Jahre.

Auf dem Oktoberfest ist heute, am zweiten Sonntag, der „Italienertag“. Vor allem aus dem reicheren Norden reisen junge Männer gruppenweise und sparsam in Wohnmobilen an, um das Bier literweisebis zum Abwinken zu genießen. Viele ihrer Landsleute südlich von Neapel leben zwar bereits hier seit Jahrzehnten, aber sie sind sich fremd geworden, Mit einem Freund aus der armen Basilicata habe ich vor sieben Jahren erlebt, dass er zwar in seiner Heimatsprache begrüßt wurde, aber zu den nördlichen Besuchern nur sagte, „Ich bin Türke und verstehe kein Deutsch.“ Die Gründe dafür lagen nicht in diesen kurzen, ungeplanten Zufallsbegegnungen, sondern in der immer noch vorhandenen Entfremdung zwischen den beiden großen Landesteilen.

Zu Gesicht bekommt man in München vor Allem Mitarbeiter in den vielen Pizzerien, wo gut gekocht und preiswert verkauft wird. Man macht dabei unterschiedliche Erfahrungen, aber die schlechten Eindrücke überwiegen auf keinen Fall. Zum Beispiel wenn ein Kellner versehentlich zu viel kassiert hat. Bei einer kurzen Beschwerde wird das nicht nur sofort berichtigt, sondern der Gast bekommt auch einen Schnaps oder einen kleinen Rotwein „auf Kosten des Hauses.“ Der Spender muss sich dabei gar nicht selbst zeigen, aber allen Mitarbeitern ist dieser höfliche Brauch bekannt. Dann kommt der Gast auch gern wieder, selbst wenn starke Konkurrenz in der Nähe ist.

Der Ton macht die Musik ! Wenn man dafür ein Gespür hat, versteht man nicht nur, warum das sehr bekannte Grablied „Tiritomba“ in keiner Weise ein depressives Tauerlied ist, sondern das Leben feiert. So wie auch die anderen Lieder aus dieser Region, die „Canzoni Napoletani“, die eindringlichen Lieder aus Neapel, in den das weite Panorama des sonnendurchfluteten Landes zu klingen beginnt. Ein Spiegel der menschlichen Seele.

Die Musik ist nur eine von vielen Ausdrucksformen der Wahrnehmung und des Verstandes, der im Nachdenken über alltägliche Abläufe auch Auffälligkeiten findet, die auf Störungen und unbeachtete Fehler innerhalb eines ganzen Systems hinweisen, das über lange Zeiträume überhaupt nicht geändert wurde. Das kann die Spitzenpolitik sein. Aber noch schmerzhafter sind die Verletzungen der ökonomischen Universalgesetze, die für Viele wie eine kaum verständliche Fremdsprache wirken, aber auch in eine ganz einfache Alltagssprache übersetzt werden können. Teure Wirtschaftsexperten, Bilanzgutachter und Beraterfirmen (Consulting) produzieren eine exklusive Verwirungssprache, die manchmal absichtlich gar nicht verstanden werden will, weil sonst anschließend wertvoll, nutzlose Auftragsleistungen erst gar nicht bestellt werden. Dabei lassen sich selbst komplizierte Fälle oft rasch durch die Methoden der Statistik mit ähnlichen Krisenherden vergleichen, dann nachprüfbar bewerten und lösen. Der unvermeidliche Übergang zur wirklichen Normalität verläuft dann, wegen starker interner Widerstände, nicht immer spannungsfrei, sorgt aber für langfristige Stabilität und die verdienten guten Gewinne, an denen auch denjenigen ein spürbarer Anteil zusteht, die aus eigener Kraft noch nicht dazu in der Lage sind.

Nachdem Garibaldi 1860 Nord- und Süditalien politisch vereinigt hatte, emigrierten südlich vom landwirtschaftlich geprägten Mezzogiorne viele Großgrundbesitzer nach Nordeuropa. Ihr Land überließen sie einzelnen Pächtern, die sich bald eng zusammenschlossen und von den körperlich arbeitenden Bauern regelmäßig Abgaben verlangten. Weigerte sich jemand, dabei mitzumachen, wurde das Problem mit Gewalt gelöst.

Schon Anfang des 19. Jahrhunderts wanderten viele arme Süditaliener aus in einen anderen Kontinent. In New York, dem wichtigsten Anlegepunkt für Einwanderer, gründeten sie „Little Italy“, einen Stadtteil, der fast nur von Landsleuten bewohnt war. Francis Ford Coppola hat in seiner berühmten Kino-Trilogie „Der Pate“ das Thema ausführlich gestaltet. Am Ende des ersten Teils wird der Sohn des Mafiachefs Don Vito Corleone von einem Killerkommando erschossen. Daraufhin ruft ruft der Alte die Leiter der anderen vier New Yorker Familien zusammen. Er verzichtet auf Rache und fordert sie auf, gemeinsam miteinander zu leben. Der zweite Teil des Films berichtet, wie sein Sohn Michael Corleone die Geschäfte auf andere Teile Amerikas erweitert. Das steigert sich im letzten Teil, der vor allem ein unvergessliches Finale hat. Nach einem Besuch von Mascagnis „Cavalleria Rusticana“ in der Oper von Palermo schießt ein falscher Priester vegeblich auf Don Michael. In der letzten Szene sieht man den alten Mann allein in der Mittagshitze in seinem Hof sitzen. Zu Mascagnis leidenschaftlicher Musik zeigt Regisseur Coppola noch einmal die wichtigsten Ereignisse seines Lebens. Dann stirbt er an einem plötzlichen Herzschlag. Der Stuhl kippt um. Seine Epoche ist zu Ende gegangen, für ihn selbst ohne jede Gewalt.

Außer in den Volksliedern der ganzen Welt war die philosophische Dimension des Todes auch immer ein großes Thema der Musik. In Wagners „Tristan und Isolde“ endet das Werk mit dem hymnischen „Liebestod“, der im Text die buddhistische Denkweise der Auflösung des vergänglichen Lebens im Kosmos und im ungeheuren Weltall ausdrückt.

Die berühmte Nürnberger Sängerin Martha Mödl ( 1912 – 2001 ) war 1951 der erste Superstar im „Neuen Bayreuth“ von Wieland Wagner. Sie lebte in Grünwald und stand offen im Münchner Telefonbuch. Ein Jahr vor ihrem Tod habe ich sie spontan angerufen und mich höflich vorgestellt. Für das anschließende Gespräch hat sie sich über eine Stunde Zeit genommen

Die Trauerfeier für sie habe ich im Dezember 2001 in der Aussegnungshalle des Münchner Ostfriedhofs erlebt, in Gegenwart zahreicher Persönlichkeiten aus der Musikwelt, auch Wolfgang Wagner war anwesend. Ganz zum Schluss wurde ihre historische Aufzeichnung des „Liebestods“ gespielt. Hier kann man das hören:

https://www.youtube.com/watch?v=FtjLqottc10