Unbewegliche Ozeane – Delphi

15.8.2020. Wenn Orte sich überhaupt nicht verändern, sind sie langweilig. Das kann auch am Betrachter liegen. Über Arbeitszeugnisse heisst es, dass sie mehr über den Verfasser verraten als über seinen Mitarbeiter. Das ist eine Lebenserfahrung. Deshalb sitzen oft die falschen Leute in wichtigen Führungspositionen, wo sie die Hebel so umschalten, dass immer mehr Probleme entstehen. Der Klebstoff sind alte Freunde, Schulkameraden oder lächelnde Schleimer. Dazu schlechte Berater und ängstliche Auftragsfirmen.

So rattert die Welt dahin. Wer gegen den Strom schwimmt, braucht viel Kraft und Ausdauer, um die Quelle zu erreichen. Dabei hilft der Blick auf sichtbare Erfolgsgeschichten und der Vergleich mit den angewandten Methoden.

Informationen gibt es wie Sand am Meer. Sie erzeugen eine dynamische Energie. Man braucht nur ein Glas Wasser in die Hand zu nehmen. Dann siehte man eine farblose, durchsichtige Flüssigkeit. Eigentlich sehr langweilig. Doch wenn man einzelne Tropfen unter ein Elektronenmikroskop legt, sieht man die Bewohner. Bakterien, die auch Gewässer von Schadstoffen befreien. Oder chemische Substanzen, die nur ein hochfeines Vergrößerungsglas erkennt. Erst dann können sie in ihre chemischen Elemente zerlegt und verwertet werden.

Die mittelalterliche „Tabula Smaragdina“ (Tafel aus Smaragd) hält fest: „Das Kleine ist wie das Große.“ Also entsprechen die Abläufe im winzigen Mikrokosmos den Gesetzen im riesigen Makrokosmos. Und dann wird es spannend.

Zum Makrokosmos gehören alle Einzelheiten der Welt und des Universums. Eine unvorstellbar große Menge, die man nur durch gedankliche Hilfskonstruktionen in den Griff bekommt. Dazu gab es in der Frühzeit die gemeinsamen Beobachtungen der Natur durch Gemeinschaften. Viel später folgten astronomische Geräte wie Fernrohre. Wer jeden Abend zur gleichen Zeit den Nachthimmel beobachtete, konnte an dem massiven Himmelsgewölbe Veränderungen feststellen. So entwickelte man die ersten zuverlässigen Kalender. Sternbilder wurden zu kleinen Gruppen zusammengefasst. Zum Beispiel: Widder. Löwe. Waage. Skorpion. Der ausgleichende Wassermann. Die unruhigen Fische als Beginn eines neuen Zeitalters, weil im Weltmeer auch die ersten Lebewesen auf der Erde entstanden. Auch typische Eigenschaften von Tieren wurden in die Sternkreiszeichen am Nachthimmel hineingelegt.

Immer mächtiger wurde dabei die Berufsgruppe der Zauberer, die aus den Sternen, aus Sonne und Mond, die Zukunft herauslesen konnten und sogar das Schicksal einzelner Menschen. Im „Orakel von Delphi“ wartete die Priesterin Pythia, eingehüllt in Kräuterdämpfe und Gerüche aus nahen Felsspalten, auf fragende Besucher aus der ganzen Welt. Als der angereiste König Krösus wissen wollte, ob er einen Krieg beginnen sollte, bekam er die Antwort, er werde ein großes Reich zerstören. Zu spät erkannte er, dass damit sein eigenes Reich gemeint war.

Die Zauberer, die Magier, wurden immer mächtiger, als Berater für Herrscher und für die Zukunft von ganzen Staaten. Sie hatten ihren Sitz in den Schatzhäusern von Athen, Korinth, Knidos, Siphos, Sikyon. Besonders wichtig war der Apollo-Tempel in Delphi. Er bestand zunächst aus geschnittenem Lorbeer, dann aus Bienenwachs und Bronze. Dazu gehörte auch ein Theater für fünftausend Zuschauer.

Das war kein lärmendes Massenspektakel für Sensationen, sondern Alles diente der Meditation und der Annäherung an das Mysterium. Also eine Abwendung von der materiellen Alltagsrealität und eine Konzentration auf die Zeichen Gottes, die für den Menschen erkennbar sind. Der Philosoph Epiktet (50 – 140 n. Chr.) schrieb: „Auf der Welt gehört dir gar nichts, außer dem, was du selbst bist.“ Wer neugierige Zeitgenossen erlebt, die gern Aufregung und Dummheiten verbreiten, kann sicher sein, dass sie nichts Ernstzunehmendes anzubieten haben. Eine Halbwahrheit ist eine Unwahrheit. Zeitverschwendung. Aber weit verbreitet. Das liegt nicht an den Themen, sondern am Zustand der Zuhörer. Alles, was wirklich existiert, hat einen derart hohen Platzbedarf, dass ständige Aufräumarbeiten notwendig sind. Mit einem Straßenbesen geht das nicht. Und Experte darf sich Jeder nennen. Aber das Ergebnis muss offen nachprüfbar sein.

Wer an „unbewegliche Ozeane“ glaubt, täuscht sich. Selbst am lichtlosen Boden der tiefsten Tiefsee leben exotische Tiere, die von Unterwasserkameras mit allen Farben und sichtbaren Details längst eingesammelt und archiviert worden sind.

Dazu kommen noch die Weltmeere der Erinnerung. Was im Gedächtnis gespeichert ist, lässt sich sogar von der Menge her schätzen. Doch es ist individuell ganz unterschiedlich. Wer keine Antennen hat für feine und schwer erkennbare Signale, sitzt auf riesigen Wissenslücken. Die beliebte Gruppenarbeit im mehrköpfigen Team mildert zwar das Problem, löst es aber nicht. Der elektronische Datenaustauch auch nicht. Eine Riesenmenge an Material kann sogar die Auswertung stören.

Im Gedächtnis verborgen sind auch die Abgründe des Unterbewusstseins. Zum Beispiel die schlechten Erfahrungen und Traumata, Alpträume, die ein Betroffener vergessen will und absichtlich „verdrängt“. Sie sind dann aber nicht spurlos verchwunden, sondern schlafen nur und warten auf Reflexe, die alte Leichen wieder auferstehen lassen. Geschieht das nicht, treten andere Störungen auf.

Trotzdem ist die Fortentwicklung, die Evolution, nicht zum Stillstand gekommen. Eisenbahnen, Flugzeuge. Was allein in den letzten hundert Jahren ganz neu aufgetaucht ist, hat vorher Jahrhunderte oder länger gedauert.

Eine berühmte Melodie von Johann Sebastian Bach heißt „Air“. Das ist die Luft. Aber auch der Geist. Der Atem der Welt.

https://www.youtube.com/watch?v=rrVDATvUitA

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