Venezianische Spiegel

20.5.2016. Tageszeitungen überfluten ständig mit Nichtigkeiten, die man sofort wieder vergisst. Viel stärker sind aufgeladene Orte, deren Kraft man sofort spürt. Alte Landschaften. Kunstvolle Gebäude. Oder Menschen, deren Äußeres zwar Hinweise gibt, die aber erst in der Sprache wirklich erkennbar sind. Zum Beispiel bei Zufallstreffen an Theken mit rauschendem Gelächter. Da spricht sich Viel herum, was im Stadtviertel so ringsum läuft, bei den Leuten, die man gar nicht persönlich kennt und die nicht wissen, dass sie längst für Andere ein Dauerthema sind. Manchmal reichen Stichwörter, um einen Wasserfall auszulösen. Oder  hinter eine Maske zu blicken. Geldverstecke in Panama. Manipulationen bei Auto-Abgasmessungen. Skandale im Weltfußballverband. Gesteuert von Krawattenträgern in schwarzen Maßanzügen. Doch das Internet merkt sich die kleinsten Spuren, vergleicht sie mit den Säulen der Gesetze, den Zeichen der Gerechtigkeit. Verkleidungen werden immer schneller durchschaut. Statisten und Marionettenspieler. Wie beim Blick in einen venezianischen Spiegel, hinter dem ein Betrachter alle Kaufhauskunden sieht, die vor ihm sind, während sie selbst nur in die blickdichte, täuschende Oberfläche des Spiegels schauen können. Fremde Menschen sind gesprächsbereit, findet man den richtigen Ton. Wie eine Orgel, die nach einem Tastendruck mächtige Klangwelten aufbaut. Wenn man sie spielen kann. Alles, was auffällt, öffnet neue Türen  Filmtechnik und Theatertricks täuschen raffiniert, sind aber erkennbar an logischen Rissen und stumpfsinnigen Wiederholungen. Schminke enthält vor allem Fett, viel mehr als glaubwürdig. Drehbücher langweilen nur noch, wenn sie die unvergessenen Meister vergeblich kopieren. Hitchcock, John Ford, Kubrick, Murnau und viele andere waren geniale Köpfe. Ihre späteren Nachfolger sind leichter durchschaubar. Ihre Handschrift ist rasch zu enträtseln und zu deuten.

Im Protz  berühmter Städte gibt es Angeber und reiche Blender, Zeitverschwender. Arme Menschen schauen genauer hin. Und manchmal, morgens, stehen in der Küche gebrauchte Gläser, die an den Abend vorher erinnern, der also doch kein Märchen war, kein flüchtiger Traum, sondern die Realität auf weit geschwungenen Flügeln.

Den Schwabinger Schelling-Salon gibt es schon seit 1872. Das Wirtshaus wurde immer wieder renoviert, aber an der historischen Ausstattung nichts verändert. Der noch unbekannte, junge Adolf Hitler war jahrelang Stammgast, bekam aber Lokalverbot, weil er mehrfach seine Zeche nicht bezahlt hatte. Auch heute noch gibt es dort kaum Touristen. Man kommt  leicht mit den Gästen ins Gespräch und staunt, was die Älteren so alles wissen, über gute alte Zeiten, die eigentlich ganz anders waren.

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Schelling-Salon

Lilian Harvey sang im Jahr 1931 „Das gibt’s nur einmal“. Hier ist der Filmausschnitt:

https://www.youtube.com/watch?v=IQ05lBwPlRk