Wachet auf, ruft uns die Stimme

10.8.2020. „Wachet auf, ruft uns die Stimme“. das ist einer der besten Einfälle von Johann Sebastian Bach, über den ein anderer großer Komponist sagte, „Man sollte ihn nicht Bach nennen, sondern Ozean.“ Diesen späteren Komponisten verglich Albert Schweitzer mit Bach und nannte die Beiden „Alpha und Omega der Musik“. Also Anfang und Ende des Klangs. Natürlich ist damit nicht ein akustisches Erlebnis in einer überfüllten Sportarena gemeint. Auch nicht die Motorengeräusche auf der Autobahn.

Bach schuf mit den begrenzten Mitteln der Barockzeit Kathedralen der Meditation. Ob er nun für eine große Kirchenorgel schrieb oder für ein fünfköpfiges Streichorchester, er tauchte tief hinein in unbekannte Welten. Dabei sind seine Noten glasklar miteinander verbunden. Dazu ergänzte er noch den Kontrapunkt, eine zweite Melodie, die gleichzeitig mit der Hauptstimme zu hören war.

In einer späteren Epoche war das ein Vorbild. In der großen Besetzung der „Meistersinger“-Ouvertüre hört man sogar noch einen dritten Kontrapunkt. Es erklingt das trockene Beckmesser-Scherzo, dazu gleichzeitig das pompös aufgeblasene Meistersinger-Thema und auch noch das hymnische Preislied vom mittelalterlichen Paradiesgarten. Die Sehnsucht nach einem glücklichen Ort, der schon früh nach der Erschaffung der Welt verloren ging und dann zur unerfüllbaren Sehnsucht wurde, wenn man sie nicht selbst noch enmal aufbaut. Die Sängerin Anja Silja nannte ihr Erinnerungsbuch „Die Sehnsucht nach dem Unerreichbaren“. Sie berichtet, dass dieser Gedanke ihr ganzes Leben begleitet hat. Und sie konnte damit umgehen. Als Achtzigjährige lebt sie heute in Berlin, hat aber bereits 1960, als Zwanzigjährige, mit großen Rollen Welterfolge gehabt. Ihre bedeutende Kollegin Martha Mödl stand offen im Münchner Telefonbuch. Ostern 2000 kam es zu einem gar nicht geplanten, einstündigen Gespräch, als sie merkte, dass sie dabei Fragen beantworten konnte, die ihr in einem Pressegespräch noch nie jemand gestellt hatte. Als sie am 17.12.2001 starb, kamen zur Trauerfeier am Münchner Ostfriedhof seltene Gäste aus besseren Zeiten. Auch Festspielleiter Wolfgang Wagner war dabei, ganz diskret.

In der Musik von Bach dominieren die Themen von Vergänglichkeit, Hoffnung und Gelassenheit. In dem anfangs erwähnte Stück ist vom Weckruf die Rede. Damit sind keine programmierten Klingeltöne gemeint oder der gleichzeitige Beginn eines Arbeitstags für alle Mitarbeiter einer großen Firma.

Sondern das Nachdenken, die Kräftigung des Bewusstseins. Das Dämpfen von Nebensachen. Die Meditation. Konzentration. Neuordnung von Aufgaben, die es wert sind.

Benjamin Righetti spielt mit feinem Gespür für diese starken Einflüsse Bachs Orgelvorspiel „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ :

https://www.youtube.com/watch?v=vJdI1bhd_3U

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