Zerstörte Idyllen

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6.2.2016. Heute schossen die Temperaturen von Minus zwei Grad hoch auf Plus zwölf Grad. Bei strahlendem Sonnenschein waren die kleinen Biergärten voll besetzt. Aber drinnen im  bayerischen Wirtshaus war es still und gemütlich. An den langen Holztisch setzten sich ältere Münchner dazu. Drei Männer und eine Frau. Und dann muss man damit rechnen, direkt etwas zu hören zu bekommen. „Du bist kein Münchner. Kannst du überhaupt lachen?“ Die Antwort hat ihnen gefallen, und nach dem Test war man mittendrin in der kleinen Runde, die sich sogar daran erfreute, dass ich sie nach der Bedeutung des Worts „Oachkatzlschwoaf“ fragte. Das ist ein Eichhörnchenschwanz.

An diesem Platz gibt es kaum Touristen. Es ist eine friedliche Insel mitten im labyrinthischen Großstadtdschungel. Aber nicht die einzige.

Gestern war da noch eine unscheinbare Glastür in einem breiten Gewerbekomplex, mitten  in der Stadt. Nur in der ersten Etage öffneten sich die Räume einer kleinen Pizzeria, die wie ein altes Opernrestaurant gestaltet war. Roter Samt auf den Bänken und an den Wänden. Goldgerahmte Photos von Stars wie Mario del Monaco und Franco Corelli, die vor fünfzig Jahren die klassischen Musikbühnen dominierten. Doch aus den Lautsprechern schallten alte Schlager der Sechziger Jahre. „Volare.“ „Buona Sera, Signorina“. „Torna Surriento“. Ein verstecktes Kleinod im hässlich gewordenen Großstadtdschungel mit seiner monotonen Schuhschachtel-Architektur, die auf originelle Individualität keinen Wert legt und deshalb selbst wertlos ist..

Die Zeit der Idyllen ist ringsum vorbei. Jeder Sturm setzt sich zusammen aus unterschiedlichen meteorologischen Elemente: Windgeschwindigkeit, Wolkenbildung, Luftfeuchtigkeit, Temperatur. Das lässt sich nicht verändern. Ein politischer Sturm jedoch lässt sich beeinflussen, wenn man die Ursachen erkennt und verändert. Den europäischen Spitzenpolitikern fehlt zur Zeit die Fähigkeit für langfristige Prognosen, Bereinigung von Fehlern, Transparenz und Ehrlichkeit statt nur dem täglichen leerem Gerede und hektischem Aktionismus, der zu viel trockenen Staub aufwirbelt.

Daraus entwickeln sich Tragödien  Nicht nur jetzt. Manche Beobachter reagieren mit Zorn, andere mit Resignation. Die Melancholie ist etwas ganz Anderes als die lähmende Depression. Melancholie ist die Traurigkeit, dass man am gegenwärtigen Zustand der Welt persönlich nichts ändern kann. Aber aus dieser nachtdunklen Energie wachsen manchmal neue, wirksame Ideen.

In Puccinis „Tosca“ gibt es dazu ein eindringliches Lied: „Vissi d’arte, vissi d’amore,“ (Ich lebte für die Kunst und lebte für die Liebe,)

Maria Callas singt „Vissi d’Arte“

https://www.youtube.com/watch?v=zXQvPwYYVBI

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