Zhang Yimou, Die rote Laterne

30.8.2020. Im Jahr 1991 schuf der chinesische Regisseur Zhang Yimou den Film „Die rote Laterne“. Die Handlung spielt in einem alten Palast in Peking, dessen Besitzer mehrere Frauen hat. Wenn er sie sehen will, brennt vor ihrer Wohnungstür eine rote Laterne. Der Film setzt oft auf graue Nebel und Winterstimmungen. Das macht jedes Farbsignal umso auffälliger. Traditionelle Musik und Kleidung sorgen für die Überraschung, dass am Ende plötzlich ein Plattenspieler die Stimme der ermordeten Opernsängerin hören lässt. Sie war die Ehefrau Nummer Drei. Vorher glaubte man wegen der kostbaren Ausstattung, Alles spielte sich in einem längst vergangenen Jahrhundert ab. Aber es ist 1920, genau vor hundert Jahren. Nur das Denken ist hart, steinalt, unmenschlich und will keine Veränderungen. Der mächtige Herr des Gebäudes wird nur einmal gezeigt, ganz kurz von hinten. Aber er beherrscht allein diese ganze kleine Welt. Als er erfährt, dass die Opernsängerin ihn mit einem Hausarzt betrügt, lässt er sie sofort vom Hauspersonal umbringen.

Das bekommt sogar die nächste Ehefrau mit- (Gong Li). Schon bei ihrer Ankunft als Nachfolgerin wird sie nur als „Ehefrau Nummer Vier“ angesprochen. Sie verliert beim schockierten Anblick der Ermordeten schlagartig die Sprache. Eine Dienerin sagt nur, „Die neue Herrin ist krank. Sie ist verrückt.“ Damit endet der Film. Alles geht so weiter wie vorher.

Bei der Erstaufführung des Meisterwerks war die Volksrepublik China schon 42 Jahre alt. Der Gründer Mao Ze Dong hatte schon als Jugendlicher seinen traditionellen langen Haarzopf abgeschnitten, um ein deutliches Startzeichen für die kommenden radikalen Veränderungen zu setzen, die er auf einem „Langen Marsch“ durchsetzte. Adelige und reiche Großgrundbesitzer wurden nach seinem Sieg vor laufenden Kameras durch Volksgerichte zum Tode verurteilt, vorher beschimpft und erniedrigt.

Zhang Yimou musste sein Kino-Projekt von der staatlichen Zensur prüfen lassen, bekam aber eine Genehmigung für die ungekürzte Gesamtfassung (125 Minuten). Der Grund ist offensichtlich: Hier wird die alte Vergangenheit nicht romantisch verklärt, sondern vernichtend kritisiert.

Es ist kein grober Propagandafilm, um ein jubelndes Massenpublikum aufzuheizen. Die klaren, ruhigen Bilder sind leicht verständlich, ziehen aber alle Register der überwältigenden Filmkunst. Starke Naturfarben in jeder Jahreszeit. Helles Licht mit unmerklich wechselnden Schatten. Sparsame, aber klare Dialoge. Die Musik von Zhao Jiping verwendet fast nur traditionelle chinesiche Klassik. Erst nach den letzten Bildern werden im Abspann europäische Instrumente der Wiener Klassik eingesetzt, die hier als heftige, lebhafte Klangfarbe eine Brücke schlagen zu unserem vorletzten Jahrhundert, als die rücksichtslose Massenproduktion in den Fabriken auch den Zorn von Karl Marx erregte. Die späteren Folgen, vor Allem für Russland und China, sind bekannt.

Hier kann man den vollständigen Film sehen:

https://www.youtube.com/watch?v=0BVKEaXhWak

.