Abgerissene Stadtmauern und Wanderwege

3.10.2020. Bis in das 19 Jahrhundert waren dicke Stadtmauern oft der einzige Schutz gegen räuberische Angriffe und Überfälle. Dann begann man sie abzureißen, weil sie die freie Fortbewegung behinderten. In Wien schuf damit Kaiser Franz Joseph eine große, kreisförmige Ringstraße, die mit teuren Prachtbauten ausgefüllt wurde. Zum Beispiel des Rathaus oder die Staatsoper hatten plötzlich attraktive, feste Orientierungspunkte für Besucher. Als mehrspurige Durchgangstraßen auch für Fahrzeuge. Oder als Wanderwege. Im westfälische Münster ist das sogar eine kreisförmige, nicht asphaltierte Allee mit hohen, dichten Laubbäumen, auf der man das gesamte historische Stadtzentrum zu Fuss entdecken kann. Oder sehenswerte Ruhepunkte findet, wie den zentralen Prinzipalmarkt, die teuerste Lage der Stadt. Wer dort kein Eigentum hat, muss schwindelerregende Mieten bezahlen. Gleich um die Ecke ist der große Dom und das Universitätsviertel, das Stadttheater, die Stadtverwaltung und die Lambertikirche, in deren Nähe früher oft öffentliche Hinrichtungen stattfanden. Am Rathaus erinnert das ausgestellte, lange „Sendschwert“ des Henkers daran, dass auf dem Send, dem Jahrmarkt am Schloss, Niemand betrügen oder Gewalt anwenden sollte. Sonst landete er rasch vor dem Vollstrecker. Auch an der Promenade beginnt die große Wasserfläche des Sees, in den der kleine Fluss Aa mündet.

Am Ende des Sees hat man in den Achtziger Jahren ein sehenswertes Freilichtmuseum aufgebaut, für das Gelände einige typische westfälische Gebäude in der Region Stein für Stein abgebaut und im Museum zur Erinnerung an die Ahnen, die Alles aufgebaut hatten, wieder sorgfältig ein zweites Mal errichtet, Zum Beispiel die enge „Landschule Ringel“, mit Kreidetafel und kleinen Holzbänken., als unverfälschte Erinnerungen an die Vergangenheit, mit einer erhöht aufgebockten „Bockwindmühle“ aus Holz, einer Gruppe von Fachwerkhäusern, darunter ein breites Bauernhaus mit einer geräumigen Scheune, deren Decke ein „westfälische Himmel“ schmückt. Das sind luftgetrockneter Schinken und geräucherte Bratwürste. Zurück kommt man mit einem kleinen Ausflugsschiff, „Professor Landois“.

Das war der Gründer des städtischen Tierparks, den später eine große Bank für sich selbst einfach ganz abreißen ließ, um weit weg, noch hinter dem Freilichtmuseum, eine freie, große Ersatzfläche mit zu finanzieren, die der Architekt Harald Deilmann bebaute , als massive Tierwohnungen aus grauem Sichtbeton und flachen, rasch durchwanderbaren und nebensächlichen Grünflächen. Er wollte nach der totalen Kriegszerstörung des Stadtzentrums sogar den unersetzlichen zentralen Prinzipalmarkt abreissen lassen, um dort ganz Neues nach seinem Geschmack hinzusetzen, scheiterte aber am entschlossenen Widerstand der Bürger. Dafür bekam er ein eigenes Planungsbüro, direkt neben dem alten, seitdem ganz unveränderten historischen Rathaus. Der ganze Platz mit Kopfsteinpflaster steht natürlich unter Denkmalschutz, sogar insgesamt unter dem Dach des strengen Ensembleschutzes für jedes Detail. Aber Deilmann wurde erst einmal in der ganzen Region durch jubelnde Zeitungskritiken berühmt und hat sogar das neue Rathaus in meiner, 56 Kilometer entfernten Geburtsstadt gebaut. Ein Fremdkörper, mitten in der Stadt, ganz nah an den bisher unversehrten Grünflächen des Stadtparks, einfach nur ein unbeweglicher, breiter Klotz aus grauem Sichtbeton. Der lauschige Stadtpark, mit vielen diskreten Bäumen und Büschen hatte damals einen stillen Teich mit Springbrunnen, einem kleinen Tierpark, mit Rotfüchsen, bunten Papageien und einem einsamen, schwarzen Hängebauchschwein.

Am Ende der Wanderwege im Park liegt das Freibad, im Sommer eine beliebte Attraktion, schon für die kleinen Schulkinder. Nach der Abiturfeier in der Wohnung des Klassenlehrers fuhren wir geschlossen mit Fahrrädern zum nächtlichen, unbeleuchteten Freibad, kletterten über die drei Meter hohe Mauer und schwammen im großen Wasserbecken ein paar Runden. Danach, Anfang Juli, begann für die meisten Jungen der gesetzliche, militärische Grundwehrdienst. Extra weit weg von zu Hause, in Bad Segeberg bei Hamburg.

Sieben Monate später war ich zum ersten Mal in Bayern, drei Monate lang, in einer Kampftruppenschule bei Würzburg. Von dort ging es, im Februar 1970, an einem einzigen Samstag in das winterlich verschneite Bayreuth, wo ich allein, ohne andere Besucher, am Wagnergrab stand. Erst siebzehn Jahre später, am 27.9.1987, folgte der Umzug nach München. Und dann habe ich ganz Oberfranken immer besser kennengelernt, mehrmals im Jahr. Ohne Massentourismus, verwunschene Traumlandschaften mit alten Städten wie Nürnberg, Bamberg und Würzburg und deren historische Stadtzentren. Ab 1990 hatte ich die erste Videokamera, und es blieben viele eigene Filme und Fotos übrig, dazu ausführliche Reiseberichte. Der fränkische Dicher Jean Paul schrieb, „Die Erinnerung ist ein Paradie, aus dem wir nicht vertrieben werden können.“ Doch, das geht schon, denn es gibt ja nicht nur wolkenlose Sommertage, sondern auch verregnete Langeweile in „Bayerisch Sibirien“. Aber insgesamt unzerstörbar, in den weit offenen Schatzkammern der Gedanken.

Am heutigen Feiertag der deutschen Wiedervereinigung, bei dem die DDR-Leitung im Osten, sich nach vierzig Jahren selbst dazu entschloss, nur noch gemeinsam, in einem einzigen Staat zusammen zu leben. Trotzdem sind noch nicht alle alten Wunden verheilt. Die wichtige körperliche, materielle Einheit wartet geduldig noch auf ihr drittes Element: Die Gemeinsamkeit der Gedanken. Da hat sich Vieles zwar vermischt, aber noch nicht aufgelöst. Willy Brandt sagte damals: „Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört.“ Nein, das war auch am Anfang nicht so, danach hat sich Vieles geändert, auch geographisch gibt es keine Grenze mehr. Aber die vierzigjährige, völlig unterschiedliche Erziehung ist noch nicht restlos aus den Köpfen verschwunden. Doch es wächst längst eine ganz neue Generation heran, mit wichtigen Gemeinsamkeiten, Nachwachsende, die sich immer weniger an die alten Zeiten erinnern wpllen. Die ganz alten Leute sind mittlerweile über Siebzig, und auch die Jüngeren altern. Wir sagten als Schulkinder gern, „Gestern waren wir jung und schön, heute sind wir nur noch schön.“ Das ist das Beste, wenn damit nicht nur die Äußerlichkeiten gemeint sind, sondern auch das gesamte Innenleben.

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