Alltag am Dreikönigstag

6.1.2021. Mit dem Dreikönigstag endet die Zeit der Festtage, vorerst. In Deutschland ist der 6. Januar nur noch ein gesetzlicher Feiertag in Bayern, Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt, überall sonst nur noch ein normaler Arbeitstag. Im November gab es es die dunklen Trauerfeste. Im Dezember begann der Winter, aber nur im Kalender. Dazu kamen mehrere Lichterfeste. Zum Jahreswechsel leuchtete noch einmal die ganze Welt auf. Morgen ist der Alltag endgültig wieder da. Normalerweise auch beruflich. Aber diesmal sind sämtliche Gemeinschaftstreffpunkte geschlossen, und die Mitarbeiter machen nur noch Kurzarbeit, mit einem niedrigeren Monatseinkommen, was besonders wieder die Ärmeren trifft. Aber auch berühmte Künstler bekommen nur dann eine Gage oder ein Gehalt, wenn sie tatsächlich auf der Bühne im Einsatz sind. Da schrumpfen jetzt Sparguthaben, Freizeitmöglichkeiten.

Auch das entfällt sowieso, wenn Gemeinschafts-Treffpunkte betroffen sind. Das wird auch überwacht, und wer auffällt, muss so viel Geld zahlen, dass er sich einfach immer mehr einschränkt. Für harte Staatsformen ist das eine ideale Situation. Die Straßendemonstranten weisen oft darauf hin, aber sie bewirken nichts.

Ein Grundrecht wie die „Versammlungsfreiheit“ ist außer Kraft gesetzt. Andere Grundrechte sind dabei auch betroffen. Eingeschränkte Rechte gab es bis 1990 nur im Osten, in der DDR. Wer das Land verlassen wollte, wurde dabei gezielt beschossen. Zäune und Mauern riegelten Alles ab. Innerhalb dieser Grenzen wurde auch Jeder überwacht. Dafür sorgte die „Staatssicherheit“, die Stasi. Sie ist offiziell längst aufgelöst. Man hat ihre Leiter damals nicht bestraft, aber sie waren vorher auch schon im Westen.

Jetzt sind sie auch ein Teil der großen „Wiedervereinigung“. Damals gab es Jubel über die Ossis, sie bekamen Bargeld und Geschenke. In München habe ich sie überwiegend als sympathisch erlebt, war kurz nach der Wende, zwei Jahre lang mit einem echten Sachsen befreundet, der seine beliebten Dialekt auch gar nicht versteckte. Das war auch kein einziges Mal ein Thema zwischen uns. Wir haben uns oft gegenseitig besucht und mit seinem Auto Ausflüge gemacht, bis in das Voralpenland, wo das Hochgebirge den Horizont ausfüllt.

Die höchsten Gipfel über dem realen Alltag. Ein bitteres Schicksal hatte er bereits hinter sich. Sein Vater war Halb-Italiener und ein amerikanischer General. Mit seiner deutschen Ehefrau zog er früh um nach Boston und blieb dort. Sein Sohn blieb zurück und sollte in Sachsen Russisch lernen, aber er weigerte sich, weil er nach Amerika wollte. Aber das ging schon gar nicht mehr, wegen der eingezäunten Grenzen. Nach seiner Weigerung wurde er dann überhaupt nicht mehr gefördert, sondern landete als einfacher Arbeiter im Straßenbau, wo er harten Beton bearbeitete, den seine Erzieher im Kopf hatten. Nach dem Fall der Berliner Mauer war er schon vierzig Jahre alt und blieb dann auch bei der gewohnten Arbeit.

Seine tiefe Verbitterung war deutlich zu spüren, aber er fügte sich, so wie vorher auch. Es war ein angenehmer Mensch, aber die Großstadt hat viele Lichter, und wir haben uns längst aus den Augen verloren. Seine Peiniger wurden damals allerdings in vergleichbaren, gut bezahlten Arbeitsplätzen wieder aufgenommen. Staatsdichter Bertolt Brecht schrieb, aber schon kurz nach den überstandenen Schrecken des Zweiten Weltkriegs: „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“ Er meinte Hitlers Freunde, wurde aber für seine Leistungen in der DDR gefeiert.

Gesamtdeutschland erlebte, nach dem Fall der Berliner Mauer ein deutlich verändertes Denken, aber nicht immer zum Positiven hin. Zur Zeit sitzen alle wieder im gleichen Boot, was die Verbote im Alltag betrifft. Meine Bekannten aus Bierlokalen, die fließend thüringisch sprachen, habe ich schon seit Monaten nicht mehr gesehen. Und die Anderen gehen auch ihre eigenen Wege. Wenn man mit Ossis redete, steckte ihnen entweder noch der Schrecken von damals tief in den Knochen, der sie direkt betraf. Oder sie sagten, „Eigentlich ging es uns damals doch gar nicht schlecht.“ Ja, aber nur, wenn man auf der richtigen Seite mitmachte. Angela Merkel ist schon seit fünfzehn Jahren Bundeskanzlerin. Sie spricht nur wenig über die alten Zeiten, und Niemand fragt sie danach. Sie hat sich vor fünf Jahren energisch für viele Wirtschafts- Flüchtlinge aus fernen Ländern eingesetzt, obwohl unsere Verfassung nur politisch Verfolgte schützt. Als FDJ-Abteilungsleiterin hat sie sich aber nicht für Flüchtlinge eingesetzt.

Das wäre ja alles Schnee von gestern, aber sie tritt immer noch nicht zurück, wie viele Andere auch. Alle haben aber jetzt viel Zeit zum Nachdenken, vor Allem über den tieferen Sinn des heutigen Dreikönigstags, als ein ganz neues Denken immer stärker die ganze Welt veränderte, seit über zweitausend Jahren. Man kann die Vergangenheit erst dann wirklich abhaken, wenn sie positive Signale für die Zukunft setzt. Und das meinte auch DDR-Staatsdichterin Christa Wolf, als sie schrieb, „Die Vergangenheit ist nicht vorbei. Sie hat noch nicht einmal begonnen.“ Doch! Wenn man daraus lernt. Einen anderen Weg gibt es gar nicht.

Gustav Mahler hat 1911, in seinem Todesjahr, alte chinesische Gedichte vertont. Text-Auszug: „Herbstnebel wallen bläulich überm See. Vom Reif bezogen stehen alle Gräser. Man meint, ein Künstler habe Staub aus Jade über die feinen Blüten ausgestreut. Der süße Duft der Blumen ist verflogen. Bald werden die verwelkten, goldenen Blätter der Lotusblüten auf dem Wasser ziehen.“

Der heute Tag begann grau und nebelig. Nichts Besonderes im Januar, auch nicht im Frühling und Herbst. Die Nebel verschwinden, und es kommt eine neue Klarheit. Ein Datum dafür gibt es nicht, aber die Vorzeichen sind da.