Im Herbst am Buddenturm

11.6,2021. Im westfälischen Münster gibt es einen Buddenturm. Das Wort bedeutet Tonne, Bottich oder Bütte. Der Buddenturm ist weit über die Stadtgrenzen bekannt. Gegenüber ist die historische Altstadt mit vielen Lokalen. Tagsüber sieht man in dem kleinen, angrenzenden Park viele Familien auf den weißen Holzbänken, nachts gehen dort schlaflose Stadtbewohner herum. Man kann mit ihnen reden und den Rest des Abends gemeinsam verbringen. Der Polizeibericht warnt vor Kriminellen dort, aber wer die Augen aufmacht, bleibt auch davon verschont. Sechs Jahre lange habe ich, in dreihundert Metern Entfernung,  gewohnt, bis zum Umzug nach München am 27.9.87. Die letzten Wochen vergingen bereits in Aufbruchsstimung, aber zwischendurch tauchte immer wieder der Buddenturm auf.

Ein Denkmal besonderer Art, so erscheint es erst heute. Früher gehörte der Turm einfach zum Stadtbild, man ging oft daran vorbei. Aber in den letzten Wochen wurde es damals immer lebendiger. Die Bereitschaft verstärkte sich, viele Leute noch einmal wiederzusehen. Nicht weit war das Stadttheater, wo ich viele Opern in guter Besetzung angeschaut habe. Für einen Umtrunk zum Abschied war meistens Zeit. Viele Traditionlokale ringsum waren noch gemütlich wie Wohnzimmer eingerichtet, nicht wie austauschbare, moderne Cocktail-Bistros. Außerdem ergaben sich Zufallsbekanntschaften von selbst, die manchmal jahrelang dauerten. Die rasche Überschaubarkeit der Orte verhinderte aufdringliche Belästigungen wie sie in München zum Alltag gehören. Die beruflichen Veränderungen waren nicht besonders groß. Zunächst machte ich weiter die Pläne für Berufskraftfahrer. Nach zwei Jahren kam die Organisation einer Hausverwaltung, und dann erweiterte sich der Immobilien-Bereich auf ganz München. Nicht unbedingt zum Vorteil, weil in dem Schauspiel nicht alle Rollen gut besetzt waren. Jetzt ist das jahrelang schon vorbei. Die Zeit der großen Ausflüge und Reisen auch. Aber gesteigert hat sich ein Schatz von Erfahrungen und Erinnerungen, der sich immer klarer bewerten lässt.

Am 9.11.20 habe ich einen anderen Bericht zum Buddenturm geschrieben:

https://luft.mind-panorama.de/am-buddenturm/

Auch zu diesem Thema gibt es zwei gute Formulierungen: „Die Vergangenheit ist nicht vorbei. Sie hat noch nicht einmal begonnen.“ Christa Wolf (1929 . 2011) war eine gefeierte Dicherin in der DDR. „Wir stehen auf den Schultern von Riesen, die vor uns waren.“ Der Physiker Albert Einstein (1879 – 1955) entdeckte die Relativitätstheorie, mit der ein ganz neues Zeitalter begann, ein direkter Vorläufer der elektronischen Denkmaschinen. Er war Zeitgenosse von Sigmund Freud (1856 – 1939), der das vorher unbekannte Universum der Psychoanalyse erforschte. Beide kannten sich und tauschten ein paar Briefe aus, fanden dabei aber keine größere Gemeinsamkeit und arbeiteten weiter in ihrer eigenen Welt. Sie haben die Menschen stärker gemacht, zwar nicht körperlich, aber gedanklich. Auch jetzt beginnt eine neue Welt, deren Formen noch im Nebel verschwinden, aber immer deutlicher sichtbar werden.

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