Am Ende der Welt

30.11.2020. An der Himmelsrichtung liegt es nicht. Es ist egal, ob arme Länder im Norden oder Süden liegen. Wichtig war früher, ob sie in einer abgelegenen Gegend lagen, dann war Alles nämlich noch schwieriger. Heute gibt es überall schnelle Verbindungen, im Straßenverkehr und im Internet. Lieferfirmen sind rasch und zuverlässig, weil die Konkurrenz sehr stark ist. Externe Spezialfirmen messen die Lieferzeiten und vergleichen die Unternehmen. Eine schlechte Rangfolge kann sich Niemand leisten, auch keine negative Kundenbewertung. So findet automatisch eine Bestenauslese statt, bei den Mitarbeitern, den Arbeitsmethoden, den verkauften Waren und den finanziellen Gewinnen, die auch das Privatleben der Mitarbeiter steuern.

Meine Eltern waren Arbeiter, vor hundert Jahren. Sie lernten sich in der Großstadt Köln am Rhein kennen, als sie auch noch bemerkten, dass sie aus dem gleichen Ort an der holländischen Grenze stammten, dort sogar unbekannte Nachbarn in einer Entfernung von nur dreihundert Metern waren, in einem großen Wohngebiet, aber am langweiligen Stadtrand. Als die Kollegen von ihrer Hochzeit 1939 erfuhren, sagten sie, „Das ist doch am Ende der Welt!“ Aber es gab keinen Grund mehr, in Köln zu bleiben, weil der große Krieg bereits vor der Tür stand und die Großstadt später auch eine gute Zielscheibe für Kriegsbomben war. In der Kleinstadt wurde das Elternhaus meiner Mutter total zerstört. Er meinte manchmal zu Ihr, „Du hattest überhaupt nichts, als wir heirateten.“ Aber sie war geschäftlich eine Naturbegabung. !956 wurde unser altes Wohnhaus abgerissen, gleich daneben entstand ein Neubau, mit zwei Mietwohnung im Obergeschoss und zwei Verkaufsläden im Erdgeschoss. Den einen übernahmen meine Eltern selbst, bis zur Rente. Nebenan war ein großer Garten. Für das Alles mussten eigene Grundstücke in der Nachbarschaft verkauft werden, außerdem waren Baukredite notwendig, die jahrelang, pünktlich monatlich abzubezahlen waren. Liquides, stets flüssiges Bargeld war deshalb knapp. Trotzdem war das materielle Alltagsleben nicht schlecht. Auf dem Gymnasium gab es neun lange Jahre die Öffnung der Welt des Geistes, mit Naturwissenschaften, Musik und Literatur. Mittags war die Schule vorbei, und dann konnte man mit dem Fahrrad viel unternehmen.

Betriebswirtschaft war an der Schule kein Thema. Deshalb hatte ich wenig Ahnung von den Ursachen der Probleme. Gerissene Geschäftemacher beherrschten die Kleinstadt und erbeuteten Gewinne für ihre privaten Taschen, nicht so schlimm wie im Wilden Westen, aber unauffällig, mit schleichenden Wirkungen. Als das ganze Stadtzentrum abgerissen und erneuert wurde, bekamen wir dort 1972 ein Haus, das uns längst gehörte, aber von Verwandten genutzt wurden, ohne dass sie dafür Miete zahlten.

Und dann ging es los. Meine Eltern hatten eine Antenne für Unrecht, aber sie waren machtlos gegen die Halunken und Raubritter, die mit raffinierten juristischen Tricks arbeiteten. Ein Knebelvertrag ist zum Beispiel ein Kreditvertrag, der gleichzeitig zu exklusiven Lieferverpflichtungen zugunsten einer einzigen Firma zwingt, die dann jahrelang den alleinigen Nutzen hat. Das ist sittenwidrig, unwirksam und verboten. Doch als 22jähriger wusste ich das nicht, und es wurde schamlos ausgenutzt, weil beste Kontakte zu Behörden bestanden, die Probleme machen konnten, auch bei diskreter Barzahlung an die zuständigen Sachbearbeiter.

Doch beruflich hatte ich meistens, über dreißig Jahre lang, mit der Betreuung der firmeneigenen Groß-Immobilien zu tun. Dabei habe ich alle Tricks und Machenschaften kennengelernt, aber sie nicht geduldet. Feindseligkeiten sind da ganz natürlich, auch versteckte Drohungen und die ständigen Zeitungsberichte über solche Fälle. Der Erkenntnisgewinn ist dabei unbezahlbar, und die dreistesten Täuschungsversuche sind nicht mehr möglich. Denn es gibt elektronische Aufklärungsmethoden, die selbst bei der Polizei und den Gerichten noch nicht zum Alltag gehören. Auch mein Bekanntenkreis weiß das genau, schon seit vielen Jahren. Doch Albert Einstein schrieb schon vor hundert Jahren: „Zwei Dinge gelten als unendlich: Das Universum und die menschliche Dummheit. Bei Letzterem bin ich mir ganz sicher.“ Dem bleibt nichts hinzuzufügen.

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