Am Ende des Karnevals

15.2.2021. Der heutige Rosenmontag hatte schon in den letzten Jahren Kratzer und Altersrisse. Die Freizeit veränderte sich, auch alte Gewohnheiten. Im Jahr 1988 erlebte ich den Rosenmontag in München zum ersten Mal. Keine großen Faschings-Umzüge auf den Straßen, aber ausgelassene Stimmung in den Lokalen, rund um die Uhr, weil es keinr Sperrstunde gab. Auch wenig Streit und Belästigungen, weil die Primitiven ihre eigenen Treffpunkte hatten. Man traf vertraute Stammgäste, und beim ersten Mal dauerte das sogar vier Tage und Nächte. Ein einziges Mal. Zu Hause legte man sich nur tagsüber hin, um dann wieder nach draußen zu gehen. Es gab spontane Cliquen, an die man sich einfach anschloss. Heute undenkbar.

Entweder war, schon letztes Jahr, die gute Laune von Karnevalsvereinen streng organisiert oder man traf zu viele unangenehme Zeitgenossen, die finanziell frech abzocken wollten und ihren eigenen, bequemen Spass-Vorteil suchten. Die jetzige Pause ist durchaus heilsam, um auf ganz andere Ideen zu kommen und sich auf das zu beschränken, was einen besseren Wert hat. Nicht materiell, sondern in der ganzen Lebensart. Das betrifft alle Bereiche, bis zu den großen staatlichen Dimensionen, den beruflichen und persönlichen Elementen. Wer viel Zeit und Geld verschwendet hat, ist arm dran. Die anderen denken nach. Denn bequeme Lösungen gibt es nicht. Auch nicht mit falschen Freunden und krummen Dingern. Das wurde immer auffälliger. Früher war das auch nicht Alles perfekt und störungsfrei, aber man hatte mehr Spass beim Feiern. Nicht im billigen Gelächter über andere, sondern weil die Abwechslung dazu gehört. So wie auch der Urlaub, der aber immer mehr mit Zeitverschwendung und Albernheiten verschwendet wurde. Um die Langeweile zu vertreiben. Kulturelle Ereignisse steigerten sich sogar mit wertlosen Tiefpunkten, auch Musik wurde oft immer langweiliger. Selbst jüngere Leute, aus dem Ausland sagten, „Die heutigen Schlager will ich gar nicht mehr hören.“ Auch die Einnahmen der Kinos stürzten ab. Immer weniger Bücher wurden gekauft, stattdessen auf Smartphones herumgespielt, zum Teil mit bösartigen Ideen. Erstaunlicherweise gab es dazu relativ wenige Ermittlungen, weil die leicht feststellbaren Vorfälle immer mehr wurden. Oder die Gleichgültigkeit.

Es ist so viel beschädigt worden, dass der Müll aufgeräumt werden muss. Ohne künstlichen Druck, sondern weil die Folgen immer deutlicher werden. Arbeitslose, Geringverdiener bekommen immer weniger Angebote, und das Gesamtangebot wird kleiner. Wenn Minderheiten sich daran bereichern, fällt das dann noch mehr auf. In einer ähnlichen Situation brach 1914 der Erste Weltkrieg aus. Danach gab es aber noch mehr Ungerechtigkeiten, Radikaliät verrbreitete sich, und 1939 kam dann schon der Zweite Weltkrieg. Wenn man die wichtigsten Veränderungen dazwischen in Zahlen klar macht, ergibt sich daraus eine schwarze Logik. Es war voraussehbar.

Heute kann man genau so rechnen, mit den gleichen Methoden, aber vor Allem mit der Verarbeitung und Auswertung von großen Datenmengen. Nur die Zeiträume der Veränderungen sind länger geworden. Schon ab 1968 gab es mehr Unruhe, aber zunächst unauffälliger, auch beim staatlichen Umgang damit. Mit Computern hat das zunächst gar nichts zu tun, aber vor zwanzig Jahren wurde das Internet zum weit verbreiteteten Massenphänomen. Für bessere Arbeitsabläufe, aber auch für schwere Gesetzesbrüche. Einzelfälle wurden dabei immer mit lauten Paukenschlägen hochgespielt, aber ganze Staaten gerieten in die Schieflage abwärts, ohne dass die Alarmglocken läuteten. Denn an der Oberfläche kräuselte sich das Wasser zunächst nur bei schlechtem Wetter. Andere große Themen gingen einfach unter oder wurden nicht beachtet. Jetzt, im kommenden März, dürfen einige Läden wieder öffnen, aber die Gesamtwirtschaft ist in Gefahr, weil legale, dringend benötigte Einnahmen fehlen. Das wirkt sich aus, auf die Stabilität der Arbeitplätze und der Gehälter. Ausgerechnet da kommen Einige auf ganz dumme Ideen. Mit jeder Suchmaschine findet man die Stichwörter „Open Lux“ und „Wirecard“, die hier schon öfter kommentiert wurden. Die Vorfälle sind schlimm genug, aber dahinter steckt auch eine Denkweise, die gar nicht neu ist: Wer schlau ist, darf Alles. Aber er darf sich nicht erwischen lassen.

Wie das funktioniert, war schon seit Jahrzehnten ein Schlagzeilen-Thema, aber die Alarmanlagen waren viel zu schwach. Damit ist keine übetriebene Überwachung gemeint, die viele Falschmeldungen erzeugt und das Klima belastet, sondern die Wahrnehmung von Auffälligkeiten, mit ganz anderen, wirksamen Methoden. Dazu gehören die Bewertungsmethoden, die Schwerpunkte und der Verzicht auf Nebensachen, die wie schwere Bremsklötze wirken. In vielen Gerichtsverhadlungen ist feststellbar, das hier Wissenslücken bestehen und Ablenkungsmanöver Erfolg haben. Das gilt nicht pauschal, aber ist ein Teil der realen Lebenerfahrungen. Die Medien und alle Betroffenen können das verbessen, aber nicht durch noch mehr Daten, sondern durch deren optimale Auswertung.

Schon 1967 sangen die „Seekers“: „The Carnival is over“ (Der Karneval ist vorbei). Damals allerdings noch nicht:

https://www.youtube.com/watch?v=z4ZipKdI1sY

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