Atlanta und Dallas

26.8.2020. Unbekannte Besucher in überfüllten Großstadtstraßen kann man sich nicht einzeln merken. Diese Regel kennt aber viele Ausnahmen. Am Palazzo Vecchio in Florenz reichte 1984 das kurze Nicken eines jungen Einheimischen, und schon saßen wir draußen vor dem nächsten Straßencafé und haben uns über seine Heimatstadt unterhalten. Diese Art der spontanen Kontaktaufnahme gehörte zu seinen Alltagsgewohnheiten. Sie funktioniert überall, solange keine Belästiger dabei sind, die dummes Zeug loswerden wollen.

In einer Premierenfeier der Bayerishen Staatsoper vor zehn Jahren stand ich zufällig neben dem bekannten finnischen Bassisten Matti Salminen. Er grinste nur freundlich. Dann habe ich ihn an eine Filmaufzeichnung aus Savonlinna erinnert, wo er eine Hauptrolle sang. „Ach, das ist aber schon lange her!“ Über die Erinnerung freute er sich, und dann waren andere Gäste dran.

Solche Treffen gibt es zwangsläufig am Arbeitsplatz, aber heute sollen die Trauerweiden allein im Wind stehen. Die wertvollsten persönlichen Begegnungen dauern mittlerweile schon dreißig Jahre. Die meisten sind glücklicherweise befristet. Wenn Verrückte nicht loslassen wollen, muss man ihnen aus dem Weg gehen oder sie in ihrem Revier bekannt machen. Das aufdringliche Stalking ist eine Straftat, aber die überlastete Polizei schaltet manchmal auf Durchzug, obwohl solche Fälle unbedingt in die Hände von Spezialisten gehören, die alle Eigenarten prüfen und richtig einordnen können. Manchmal reicht ein Musterprozess mit saftigen Strafen und Entschädigungszahlungen.

Zwei jedoch besonders angenehme Zufälle sind berichtenswert, auch weil darin typische Ablaufmuster sich wiederholen.

1978 trank ich im westfälischen Münster abend ein paar Bier mit einem unbekannten jungen Mann, der in eine derart überschwängliche Stimmung geriet, dass er die persönlichsten Einzelheiten aus seinem Leben loswerden wollte. Fotos seiner Familie in Atlanta, seine jubelnden Schwestern mit Doktorhüten, bei der Feier ihres akademischen Studienabschlusses. Atlanta ist die Hauptstadt des US-Bundesstaats Georgia. Dort spielt der Roman „Vom Winde verweht“, und 1939 fand die festliche Hollywood-Filmpremiere dort auch statt. Die Buchautorin Margaret Mitchell wurde zehn Jahre später von einem Auto überfahren, von einem betrunkenen Taxifahrer. Trotzdem darf man anmerken, dass sie nicht nur Bewunderer hatte. Ihr Welterfolg handelt vom Kampf gegen die Sklaverei im Bürgerkrieg. Diese Ereignisse im Kriegsschauplatz Atlanta füllen das umfangreiche Buch, und der Süden hat den Krieg verloren. Mein farbiger Gesprächspartner war ein junger amerikanischer Armeesoldat. Unsere Themen damals rauschten schnell vorbei und waren schnell vergessen. Nur eine kurze Bemerkung ist noch da: Er hatte den Auftrag, private Gespräche seiner Kameraden weiterzumelden an ihre Vorgesetzten. Das gibt es in allen Armeen auf der ganzen Welt. Überraschend war es nicht. Ein paar Tage später tauchte er kurz noch einmal auf. Ich habe ihn dann, ohne jede Kritik, an seine Bemerkung erinnert. Er machte dazu ein ernstes Gesicht und ging sofort. Er hatte die veränderte Stimmung gespürt. Was er als lebenslustiger Mensch selbst wusste: Freunden muss man in jeder Sitution vertrauen. Diese Chance hatte er verspielt. Die Anderen waren ahnungslos. Und deshalb war er bei ihnen beliebt.

Die zweite Geschichte kam etwas wuchtiger daher. Vor ein paar Jahren saß ich vor einem Münchner Straßencafé. Ein Herr in einem sehr guten grauen Anzug grüßte und setzte sich dazu. Sonst war er völlig unauffällig. Bis auf die beiden handgefertigten Cowboystiefel an seinen Füßen. Er kannte das alte Märchen von Cinderella (Aschenputtel), hörte sich aber gern eine Kurzfassung davon an: Aschenputtel wird von ihrer bösen Stiefmutter und deren drei Töchtern zu Hause wie eine Putzfrau behandelt und verspottet. Eine Nachts bekommt sie Besuch von einer Zauberfee, ein gutes Ballkleid und zwei silberne Schuhe. Damit durfte sie einen Festball auf dem nahen Traumschloss eines Märchenprinzen besuchen, musste aber vor Mitternacht wieder gehen. Der Prinz verliebte sich sofort in die Unbekannte, aber eine Minute vor Mitternacht rannte sie fort und verlor dabei auf der Treppe einen ihrer Silberschuhe. Der Prinz ließ im ganzen Land nach dem zweiten Schuh suchen. So fand er auch Cinderella wieder und heiratete sie.

Zu meinem amerikanischen Gesprächspartner sagte ich damals anschließend, „Sie tragen zwei teure, handgefertigte Cowboystiefel. Sie sind Mister „Two Shoes“. So nennt man in Amerika die Polizeidetektive. Außerdem sind solche Stiefel ein Marknzeichen von Texas. Wahrscheinlich arbeiten Sie in der Hauptstadt Dallas.“ Er war vollkommen überrascht, „Unsere Filiale ist in Berlin.“ Er blieb sehr freundlich, ging dann aber bald fort. Bei der Varabschiedung sagte er, „You are a very intelligent Man.“ Komplimente sind mir grundsätzlich egal. Aber das war wie die Auszeichnung von einem Professor, bei dem man jahrelang studiert hat.

Über Dallas hätte ich gern noch mit ihm geredet. Aber dafür gibt es genug andere Informationsmöglichkeiten. Wikipedia weiß fast Alles, und den Rest muss man nicht unbedingt wissen.

Die zwei geschilderten Zufallstreffen sind nichts Besonderes. Aber es gibt viele andere Kleinigkeiten mit Tiefgang, jeden Tag. Und manchmal sind es Zeichen aus einer Welt, die man gar nicht näher kennt. Oder deshalb unbeachtet links liegen lässt, weil es eine Überfülle ganz anderer wichtiger Themen gibt. Und vor allem ungelöste Probleme, um die sich Keiner kümmert.

In diesem Blog sind seit Januar 2015 insgesamt 438 Artikel erschienen. Sie sollen auch unterhaltsam sein. Das Gesamtziel ist aber immer die offene, nachprüfbare Information, der Verzicht auf dumme, charakterlose Hinterhältigkeiten und eine Auswahl von Lösungsmöglichkeiten, die nicht nur einzelne Zeitgenossen etwas angeht, sondern manchmal sogar berühmte, alte Staaten belastet. Viele Schlüssel findet man in der Vergangenheit, aber sie sind nichts für den faulen, bequemen Schaukelstuhl. Ein Einzelner kann dabei fast nichts bewirken. Aber Jeder, der aufwacht und seine Veränderungssmöglichkeiten erkennt.

Den mühsamen Kampf der europäischen Einwanderer in Nordamerika vor hundert Jahren zeigt Sergione Leones Kinofilm „Es war einmal in Amerika“, mit der eindringlichen Musik von Ennio Morricone:

https://www.youtube.com/watch?v=_APmVdXm4Xw

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