Beethovens letzte Sinfonie

5.12.2020. Beethovens letzte, die neunte Sinfonie ist ein viel bewundertes Endzeit-Werk. Zum ersten Mal lässt er hier einen großen Chor auftreten, mit der berühmten Melodie, „Freude, schöner Götterfunken.“ Vorher spielt das Orchester drei Sätze. Der erste kommt wie aus dem Nichts, vor dem Anfang aller Zeiten (Misterioso). Der zweite ist ein Scherzo, also tänzerisch, rhythmisch. Der dritte ist ein großer, langsamer emotionaler Liebesgesang, ohne laute Melodien. Dann kommen sekundenlang nur, chaotische, wirre Klänge, bis der Bass-Solist laut ruft: „O Freunde, nicht diese Töne! Sondern lasst uns angenehmere anstimmen!“ Dann singen alle, „Freude, schöner Götterfunken.“

Das ist die richtige Freude-Musik zum zweiten Advent, morgen, an dem auch die schon angekündigten Verwandten-Besuche viel Freude bringen, so wie am zweiten Weihnachtstag, Samstag, 26.12.2020, wenn man endlich wieder die große Vorfreude auf den Alltag genießen kann, ohne Verwandte.

Die letzte Beethoven-Sinfonie wurde oft zu besonders festlichen Anlässen aufgeführt. Richard Wagner leitete sie persönlich, gleich nach der Grundsteinlegung seines Festspielhauses am 22.5.1872. Meisterdirigent Wilhelm Furtwängler eröffnete damit, 1951 die ersten Nachkriegsfestspiele. Danach kehrte er niemals mehr zum Grünen Hügel zurück. Er war auch der letzte Dirigent dort, im anschwellenden Grauen des Zweiten Weltkriegs, mit der Komödie der „Meistersinger“.

Beethoven sprengt in seinem abschließenden Werk alle vorherigen Grenzen der Tradition. Er entwickelt eine ganz eigene, kraftvolle Klangsprache, als ob er die Seiten eines geheimnisvollen alten Buchs neu aufschlägt. Der erste Satz, Misterioso, hat überhaupt keine Melodien, er wirkt wie das kosmische Zeichen aus einer anderen Welt, von einem fernen Planeten. Der zweite Satz ist grotesk, verworren, so wie das menschliche Leben. Der dritte ist ein großer, tief empfundener Hymnus an die Liebe, das Weiterleben. Und dann kommt die Steigerung. Zum Schluss singt der große Chor, „Brüder, über dem Sternenzelt muss ein lieber Vater wohnen !“ Dazu funkeln und glitzern die Violinen wie ein silberner Sternenregen. Beethoven fand hier eine ganz neue Form der dramatischen Steigerung, durch eine vierteilige Idee. Vom Anfang der Welt, den ersten, nervös zuckenden Lebewesen, dem Eros als Anreger des menschlichen Fortschritts und dem großen Chor-Finale, mit zahlreichen Stimmen und Jubelrufen. Richard Wagner sah diese Idee in vier Abschnitten als Fundament seiner eigenen Meisterwerke an und schrieb schon in seinen frühen Pariser Hunger-Jahren immer wieder darüber, zum Beispiel 1841 entstand „Eine Pilgerfahrt zu Beethoven.“

Eine besonders gelungene Aufführung der Neunten Sinfonie gibt es mit dem temperamentvollen Neapolitaner Riccardo Muti und dem berühmten Chicago Symphony Orchestra. Sie fand statt am 18.9.2014 in Chicago, kostenlos, bei freiem Zutritt, finanziell großzügig unterstützt von der Zell Miller Foundation in Chicago, die große Musikprojekte in den USA unterstützt. Denn der amerikanische Staat zahlt nur vergleichsweise wenig für Kultur. Das ist Sache der Superreichen. Auch die Zell Miller Foundation ist eine amerikanische Stiftung, mit einem riesigen Privatvermögen. Hier finanziert sie dieses große Konzert mit berühmten Musikstars, zum Gedenken an den früh verstorbenen Charlie, den Sohn von Zell Miller, der an diesem Tag 19 Jahre alt geworden wäre.

Sein erst vor zwei Jahren, im Alter von 76 Jahren verstorbener Vater, Zell Miller, war von 1991 bis 1999 der Gouverneur des Bundesstaats Georgia, ein sehr bekannter Finanzinvestor und Politiker. Er hatte mit Groß-Immobilien ein riesiges Privatvermögen aufgebaut. 

Alle Berichte über Zell Miller bestätigen seine gewaltigen Erfolge als Privatunternehmer. https://en.wikipedia.org/wiki/Zell_Miller . Aber er war dabei ungewöhnlich menschlich und spendete riesige Summen für Kultur, auch für die Musiktheater. Es war sicher kein Zufall, dass er das gerade beschriebene Beethoven- Konzert ausgewählt hat, und man sieht ihn auch einmal, kurz im Publikum sitzen. Die neunte Sinfonie passt genau zu ihm.

Er war genau das Gegenteil von Chicagos berüchtigtem Finsterling Al Capone (1899 – 1947), dem zwar niemals einer seiner vielen Morde nachgewiesen werden konnte. Aber US-Präsident Roosevelt persönlich erledigte den Fall. Nach dem „Valentinstag-Massaker“ am 14.2.1929, schickte er dem stadtbekannten Auftraggeber nicht die Polizei, sondern die ganz genaue und rasch erfolgreiche Steuerfahndung. Erst danach landete Capone im Gefängnis, trotz hoch bezahlter Anwälte.

Zu Beginn dieser Beethoven-Aufzeichnung sieht man eine schriftliche, kurze persönliche Widmung an den verstorbenen Charlie, mit einer bunten Kinderzeichnung. Wikipedia: „An der Beerdigung von Zen Miller nahmen drei ehemalige US-Präsidenten teil: Bill ClintonJimmy Carter und George W. Bush .“

Hier kann man das Konzert miterleben:

https://www.youtube.com/watch?v=rOjHhS5MtvA

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