Blau mit gelben Punkten

Iwan Pawlow (1849 – 1936) wurde berühmt durch Reflexe. Wenn er einem hungrigen Hund ein Stück Fleisch zeigte, wurden die Speicheldrüsen aktiv. Also nicht erst beim Fressen, sondern schon vorher lief  dem Tier das Wasser im Maul zusammen.  Daraus entwickelte der Forscher eine große Erziehungstheorie, die auch oft missbraucht wurde. Um menschliches Verhalten zu manipulieren, wurden einfach nur Klänge oder Bilder eingeschaltet, die wie Tier-Dressuren im Zirkus funktionierten. An der kalifornischen Elite-Universität Stanford wurden 1971 dafür zwei kleine Gruppen von Testpersonen ausgesucht. Die eine bestand aus Schauspielern, die an lange Stromkabel angeschlossen waren, aber nicht eingeschaltet wurden. Die zweite Gruppe waren freiwillige Studenten. Professoren mit weißen Kitteln befahlen ihnen, die wirkungslosen Stromschalter zu aktivieren. Daraufhin krümmten sich die Schauspieler und schrien, wegen vorgetäuschter, also gar nicht vorhandener Schmerzen. Trotzdem erhöhten die Testpersonen, also die Studenten, den angeblichen Starkstrom noch mehr, ohne Mitleid, nur weil es ihnen von den leitenden Professoren so befohlen wurde. Der ganze Versuch wurde dann abgebrochen, aber nicht vergessen.

Solche Methoden sind auf den ersten Blick harmloser, wenn die Werbung eigentlich nur ganz sauberes  Geld verdienen will. Damals wurde mehreren Hausfrauen ein einziges Waschpulver vorgesetzt, aber in drei verschienenen Packungen. Das Ergebnis: Die gelbe Packung war zu scharf und richtete schwere Schäden an. die blaue war zu schwach und wirkungslos. Nur die dritte, blau mit gelben Punkten, war hervorragend, fehlerfrei. Von solchen Tests und Täuschungen lernte die Verpackungsindustrie, alle denkbaren Waren noch besser zu verkaufen, viel teurer und mit  mehr Einzelstücken. Das war vor fünfzig Jahren eine große Welle, auf der Jeder mitgeschwommen ist, der etwas anzubieten hatte, auch wenn die Qualität überhaupt nichts wert war.

Natürlich wird das mittlerweile durchschaut. Jeder Test funktioniert nur so lange, bis die Methoden erkennbar werden. Deshalb hat auch das Werbefernsehen große Probleme, und manche Privatsender schalten die zum Verwechseln ähnlichen, aber  störenden Unterbrechungen sogar ab, wenn der Kunde einfach dafür nur eine Monatsgebühr zahlt.

Künstliche Sensationen sind langweilig, wenn sie übertrieben werden. Die Digitalisierung  von Kinofilmen ist damit beschädigt worden, auch die Wirkung der Bilder. Richard Wagner schrieb vor fast zweihundert Jahren, nach dem Anschauen von Meyerbeers aufwändiger Ausstattugs-Oper „Der Prophet“: „Der Effekt ist eine Wirkung ohne Ursache.“ Also leer und wertlos.  Der große Komponist hatte ganz andere Methoden, zwar auch Schau-Effekte, aber mit Tiefenwirkung.

Er fand sie in der Natur,  in alten Abenteuergeschichten, dem Formulieren dazu passender Texte mit großer Sprachkraft und einer überwältigenden Musik. Am 3.12.20 schrieb ich: „Das Polarlicht bekommt man nur im hohen Norden zu sehen, in der Einsamkeit. Zum Beispiel auf den Lofoten, einer Inselgruppe vor der Küste Nordnorwegens, bestehend aus etwa 80 Inseln, 300 km nördlich des Polarkreises im Atlantik. Seit circa 6000 Jahren ist das Gebiet der Lofoten bevölkert.  Während der Wikingerzeit bildeten sich mehrere Siedlungen, mit Häuptlingshöfen. Das Polarlicht hat seine Farbe vor Allem durch Sauerstoffmoleküle, leuchtend grüne, schimmernde Farbtöne, eindringlich wie Neon und die Phantasie anregend, als direkte Gefühls-Reflexe. So wie der ungestörte Blick auf die vier Ur-Elemente: Das Wasser der großen Ozeane. Das Feuer eines Sonnenuntergangs. Der Erdboden unberührter Naturlandschaften. Die weite Luft unter dem Himmel, mit dem lebensnotwendigen Sauerstoff. Solche starken Eindrücke sind nicht vorauszuplanen. sie wirken unmittelbar, direkt, mit starken Empfindungen und lösen Gedankenströme aus.“

Auch das klingt wieder so einfach, aber man sieht es nur selten. Kaum zu glauben, aber ein ungelöstes Hauptproblem der Gegenwart ist solche Technik, die grenzenlos übertrieben wird. Datenspeicher werden immer größer, aber auch unübersichtlicher, schwerer auszuwerten und zu beurteilen, wenn es dafür keine maßgeschneiderten Methoden gibt. Solche Arbeitsabläufe fehlen auch immer noch in Firmen, die auf der ganzen Welt aktiv sind. Die Gesetze der Ökonomie sind zeitlos, ihre Fudamente ändern sich nicht, aber sie müssen erweitert werden, ohne Müll zu produzieren. Das gilt auch für die Arbeit der großen Staaten. Dafür reicht immer, als Türöffner, das Wort Ungerechtigkeit. Mit den Büchern dazu kann man Wolkenkratzer füllen, aber in der Wirklichkeit  hilft nur zielgerichtetes Handeln, das sich nicht von Nebensachen bremsen lässt, dabei auch aufmerksam hinter die Überfülle von Gesetzes-Pragraphen blickt, die gar nicht angewendet werden. Man kann viele Jahre damit verbringen, die Wissenslücken zu finden, schaut aber trotzdem in erstaunte Gesichter. Das lässt sich fast abschaffen, wenn die Reflexe der Maschinen  intelligenter werden. Bei Iwan Pawlow waren das noch Fleischstücke, und schon lief seinen Hunden das Wasser im Maul zusammen. Zwei Jahrhunderte später reicht das nicht, auch nicht die bekannten Tests der Werbeindustrie. Andere Wege werden hier laufend beschrieben.

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