Boris Godunows Untergang

28.3.2021. Alte Geschichten enthalten manchmal Hinweise, die erst in der Gegenwart verstanden werden. Sie sind trotzdem sehr bekannt, weil etwas datrin versteckt ist, was an keine Zeit gebunden ist. Die russische Nationaloper ist Mussorgskys „Boris Godunow“. Als alleinherrschender Zar regierte Boris tatsächlich nur von 1598 – 1605. Alexander Puschkin hat aus der wilden Geschichte ein Theaterdrama gemacht, und Mussorgsky überhöhte es mit seiner genialen Kraft. Es war auch die Lieblingsoper des Diktators Josef Stalin (1878 – 1953), der zu den Revolutionären gehörten, deren Vorgänger am 17.7.1918 den letzten russischen Zaren Nikolaj II. im Keller eines Hauses in Jekaterinburg erschossen, mit seiner ganzen Familie.

Was macht die Geschichte von Boris so unvergesslich? Mussorgsky (1839 – 1881) hat sie eingebettet in große russisches Panoramabilder Man sieht die prunkvolle Krönung zum Zaren. Dann folgt eine einsame Klosterzelle. Ein Mönch schreibt an einer Chronik. Sie unterstellt, dass Boris den Sohn des letzten Zaren ermorden ließ. Im Raum ist nur ein junger Mönch anwesend, der das hört. Von Machtgier besessen, nimmt er den Namen des Ermordeten an: Dimitri. Als falscher Dimitri zieht er mit seinen Anhängern nach Moskau, um dort die Macht an sich zu reißen. Damit endet die Oper, aber die Handlung deutet vorher an, dass ein ganz anderer, der Fürst Schuisky der Nachfolger wird. Schuisky ist immer in nächster Nähe von Boris. Beide hassen sich, und Boris muss sich von ihm die bösen Gerüchte über seine Schuld an der Ermordnung des jungen Zarensohnes anhören. Aber der falsche Dimitri ist schon unterwegs, in einem Wirtshaus auf dem Lande, dessen versoffene Atmosphäre sehr plastisch und deutlich ausgebreitet wird. Zum Schluss stirbt Boris, weil er die Anschuldigungen nicht mehr erträgt. Dimitri tritt auf in einem Triumphzug, um die Macht zu übernehmen.

Der Stoff ist oft verfilmt worden. Vera Strojewa schuf 1954 eine Fassung im expressiven Stil von Sergej Eisenstein, mit Außenaufnahmen und weiten Landschaften. Andere Aufführungen missglückten, aber das Moskauer Bolshoi-Theater hatte jahrzehntelang eine exemplarische Muster-Inszenierung auf dem Spielplan, die auch begeistert. Das Werk hat eine klare Handlung, aber der Inhalt spielt sich ab in den labyrinthischen Dschungeln des Unterbewusstseins. Der Komponist verwendet große Chöre im Stil der russisch-orthodoxen Kirchenmusik, die sehr eindringlich ist. Im Orchester hört man den Großen Gong für wichtige Ereignisse. Ein Volkslied-Ton mit gefühlvollen Melodien dominiert, aber man hört auch schrille, dämonische Klänge, wie sie damals völlig neuartig waren.

Weil das Gesamtergebnis so stark war, hat es seitdem nicht mehr losgelassen. Zur Weihnachtspremiere 1982 am Stadttheater Münster waren sämtliche Solisten im Einsatz. Die aufwändige Ausstattung war eine Leihgabe von Karajans Osterfestspielen, und von den über zwanzig umjubelten Aufführungen habe ich keine Einzige verpasst. Als einmal ausverkauft war, haben Mitarbeiter mich in die leere Regie-Kabine geschmuggelt, drei der Solisten gehörten zum persönlichen Bekanntenkreis.

Wenn eine solche Wirkung auftritt, bleibt sie nicht nur im Gedächtnis, sondern schiebt sich in das Unterbewusstsein. Jahrzehntelang habe ich keine Aufführung mehr davon gesehen, aber es ist wie bei Richard Wagner: Mit 21 Jahren kannte ich seine Hauptwerke auswendig. Danach habe ich auch ihre Tiefenwirkung erforscht und bin ihnen immer wieder in unterschiedlichen Städten begegnet,. Oft war das völlig langweilig, weil die Deutung der Noten und des Textes viele Berufs-Profis überfordert. Die zehn Hauptwerke sind eine Fundgrube, eine grenzenlose Schatzkammer, aber ich bin oft in der ersten Pause gegangen. Die geographischen Orte, wo das stattfand, sind völlig unwichtig. Es sind Zufallsverbindungen, die man nicht braucht. Das strahlende Licht kommt nur von innen. Es ist die höchste Stufe der Erkenntnis. Erklärt habe ich das oft, hier im Kapitel „Die Deutung der Symbole“, direkt unter diesem Text zu finden, mit bisher 55 Artikeln.

Was hat Boris den Tod gebracht? Kein Mensch, sondern die alte Geschichte über ihn, als Mörder des jungen, rechtmäßigen Zahrensohnes. Das Grücht erfüllt die Phantasie des machtbesessenen „falschen Dimitri“. Und sie steht in der Chronik des Klostermönchs Pimen, der zuletzte als Ankläger im Zarenpalast auftaucht und dort vor den Anwesenden seine Anklage Boris ins Gesicht sagt. Danach stirbt der Zar, verzweifelt.

Jetzt könnte man über die Weltordnung nachdenken, die jeden Verstoße gegen ihre Gesetze bestraft. Aber das Thema wurde schon oft behandelt, im Thema „Der Dekalog“, mit bisher 139 Artikeln. Hier sieht man die vollständige Boris-Aufführung des Moskauer Bolshoi-Theaters von 1978 (162 Minuten):

https://www.youtube.com/watch?v=cfz7IJtzijs

.