Brunetti in Venedig

8.10.2020. Zum letzten Mal war ich im September 1985 in Italien. Das ist jetzt 35 Jahre her, aber das Thema war schon vorher und nachher immer lebendig. Vom externen Campingplatz Cavallino konnte man mit kleinen Pendelschiffen direkt zum Markusplatz fahren. Allein schon das Panorama der Märchenstadt ist unvergesslich. Nur die spannenden Verfilmungen der Kriminalromane von Donna Leon zeigen ein schreckliches Venedig, das es in Wirklichkeit gar nicht gibt. Die Kriminalitätsrate ist dort sehr niedrig. Aber Donna Leon (Frau Löwe) hat in ihrer Phantasie grauenvolle Ereignisse einfach nach Venedig verlegt, die es, im restlichen Italien vermutlich tatsächlich gibt. Die schlimmsten Verbrecher findet Donnas kluger Commisario Brunetti immer in den besten Gesellschaftskreisen, wo natürlich auch sein ständig nörgelnder Chef verkehrt. Da sitzen die Bosse in eleganter Kleidung, mit ihren ahnungslosen Gästen auf einer edlen Sommerterrasse am exklusiven Canale Grande. Plötzlich ist Brunetti mittendrin. Er geht auf den Gastgeber zu und sagt nur, ganz ruhig, „Hiermit verhafte ich Sie wegen Mordes.“ Donna Leon hat verboten, dass ihre Bücher in Italien verkauft werden. Die Filme sind in den Hauptrollen, an Originalschauplätzen, nur mit deutschen Schauspielern besetzt, die perfekt, wie Italiener gekleidet und frisiert sind.

Hier kann man die Folge „Endstation Venedig“ vollständig sehen (90 Minuten) :

https://www.youtube.com/watch?v=PrA_WlI5LLc

In Venedig brach damals, spätabends direkt am Meer, ein überraschender, heftiger Sturm aus, der schon nach zehn Minuten vorbei war. Aber dann zeigte sich ein wolkenloser Nachthimmel, mit derart vielen hellen Sternen, dass man meinte, direkt im Universum zu sein. So etwas ist nicht möglich in Großstädten, wo ständig Autolichter, Fenster, Straßenlampen und andere Lichtquellen die Sterne matt verblassen lassen. Ein Zeichen unserer Zeit, wo die Technik auch gegen die Natur gerichtet ist, schon bei der Planung und Entwicklung großer Projekte.

In Italien wurde damals zu viel gestreikt. Die Unruhe stieg. Untersuchungsrichter Alberto dalla Chiesa wurde in Palermo erschossen. Genau so die Ermittler Giovanni Falcone und Paolo Borsellini. Nach ihrem Tod bekam der Flughafen ihre Namen, als ehrendes Gedenken für alle Reisenden. Von dort aus wurde auch ihre geplante Fahrtroute verraten. In Bologna sprengten Unbekannte den ganzen Bahnhof in die Luft. Im September 1980 kam es zu einem schweren Attentat auf das Münchner Oktoberfest. Die Verursacher wurden nie bekannt, aber es gab viele Verdächtige, Vermutungen, Spekulationen, mal ganz links in die politische Ecke gestellt, mal ganz rechts. Ohne konkretes Ergebnis. Einzeltäter konnten es nicht sein, alles war geplant und durchorganisiert. Auffälligkeiten gab es schon, aber Niemand konnte sie zu einem klaren Bild zusammensetzen.

Das wird in Zukunft nicht mehr geschehen, weil Computerprogramme alle Daten nicht nur sammeln, sondern auch einordnen und bewerten können. Aber das liegt nicht an der Technik. Es gibt einfach noch zu viele Wissenslücken. Bei der Zuordnung der Daten, beim Erkennen der Systematik und der darin versteckten Fehler.

Ich habe schon vor Jahren viele Zufallsgespräche erlebt, auch an lockeren Biertheken, wo einzelne Gäste Dienstgeheimnisse nicht für sich behalten konnten, sondern auch für neugierige, unbefugte Mithörer herumplauderten. Selbst eigene Ermittlungsfehler wurden davon nicht verschont, ohne dass die Redner es merkten, wie man Rückschlüsse aus Worten und Texten ziehen kann. Ich habe vor fünf Jahren einem vorher unbekannten, eleganten italienischen Ehepaar, das sehr freundlich war, Folgendes gesagt. Ich sah, dass am Nebentisch zwei sportliche junge Leibwächter saßen, auch noch, separat an einem zweiten Tisch, deren Chef, in einem schicken Büro-Sakko mit Krawatte. Beide Gesprächspartner trugen gute Kleidung in schwarzblauer Farbe. Das ist Lapislazuli, schon im alten Orient das Erkennungszeichen der mächtigen Herrscher und Magier,, auch in Italien heute ein Markenzeichen. Wir haben uns nur über Alltägliches unterhalten, sie waren dabei sehr höflich und aufmerksam. Dann habe ich ihm gesagt, was für einen Beruf er ausübt. Er antwortete gar nichts darauf, aber seine Begleiterin rief, „Das ist ja ganz erstaunlich, was Sie da sagen.“ Kein Kommentar. Ein paar Minuten später ging ich, da riefen sie freundlich, „Ciao“. Das heißt Tschüss oder Servus. Ich antwortete, „Arrivederci“. Das heißt: Wir sehen uns wieder. Das ist bis heute nicht geschehen, war aber voraussehbar.

Sie hatten überhaupt keinen Fehler gemacht, trotzdem bekamen die erwähnten Einzelheiten einen Sinn, wenn man sie richtig zusammensetzte, wie Mosaiksteine.

Das ist zum Beispiel ein ständiger Fehler der jetzigen Fälle, wenn man, trotz kleiner Auffälligkeiten keine Lösung findet. Und kein System, in dem Einzeltäter nur Marionetten sind, austauschbar, aber an einer wiederkehrenden Handschrift erkennbar. Dazu gibt es in diesem Blog bereits sehr viele Artikel, aber man findet sie ganz schnell, rechts auf dieser Seite. Und unter diesem Text.

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