Charade

9.9.2021. „Charade“ (Silbenrätsel) von 1963 ist ein erstklassiger Erfolgfilm von Stanley Donen, für den er tief in die Trickkiste von Alfred Hitchcock gegriffen hat. Das Ergebnis sieht so aus, als ob Jemand alle Schmuckstücke und Kostbarkeiten des Originals in eine große Truhe gepackt hätte. Wer sich  die Einzelheiten anschaut, sieht auch das verwirrende Muster des Silbenrätsels (Charade), das nur dann echt ist, wenn Alles zusammenpasst, ohne das Vorbild zu kopieren oder auszuplündern: Die Hochspannung, die Überraschungen, Identitätswechsel und die Rätsel, die am Ende sauber aufgelöst werden.

Eine Inhaltsangabe kann man sich sparen, weil es genug frei zugängliche Informationen dazu gibt. In Paris wird fieberhaft nach 250.000 Dollar gesucht. Der Besitzer ist aus einem Zug gefallen, und seine Witwe Regina Lampert (Audrey Hepburn) wird von drei brutalen Gangstern erpresst, das Vermögen endlich herauszurücken. Sie weiß davon gar nichts, aber die Schnitzeljagd geht durch ganz Paris und löst sich  auf, als kleine Luftnummer: „Immer wieder wird von den Beteiligten der Inhalt der Tasche, die der Tote zuletzt bei sich hatte, erfolglos durchsucht. Jeder misstraut jedem, und einer nach dem anderen werden die früheren Kriegskameraden auf mysteriöse Weise ermordet. Endlich jedoch haben die Überlebenden  fast gleichzeitig die entscheidende Idee: Das verschwundene Vermögen steckt in den Briefmarken auf dem kleinen Briefumschlag, der sich zuletzt in Lamperts Tasche befand.“ (Zitat Wikipedia)

So etwas liebte auch Hitchcock. Seine kompliziertesten Kriminalfälle werden durch belanglose Banalitäten oder Irrtümer  verursacht. Unschuldige geraten in schwersten Verdacht, werden aber am Ende gerettet, als hätte ein Engel sie beschützt. Erstaunlich dabei ist auch hier der Realismus, der sich mit der turbulenten Geschichte und den bunten Herbstbildern aus Paris lückenlos ergänzt. Natürlich ist Alles frei erfunden, die phantastischen Einzelheiten übertreffen die Grenzen von jedem Dokumentarfilm. Die Wucht der Eindrücke kommt aus der Komposition, in  der so viele Noten ein ganz großes Klangbild ergeben. Damit sind die Schauplätze und Dialoge gemeint, denn es gibt nur einen musikalischen Höhepunkt: Drei Minuten lang begleitet ein Chor die  hellen Lichter und die romantische Schiffsfahrt von Audrey Hepburn und Cary Grant auf der Seine:

https://www.youtube.com/watch?v=FRh6l_5YbLs

Nach längeren Pausen kann man sich diesen Film immer wieder anschauen. Das war die beste Zeit: Die Goldenen Jahre der „Traumfabrik Hollywood“. Als „Charade“ noch ganz neu war, habe ich das in einem Kleinstadt-Kino gesehen, das noch einen großen, roten Samt-Vorhang vor der Leinwand hatte. Der Film  weckt auch die Sehnsucht nach einer Zeit, die längst vorbei ist. Und belebt eine Energie, die es zwar damals auch gab, aber ganz andere Gesichter hatte. Vergleicht man das, gibt es ein ganz neues Bild. Noch besser und farbenprächtiger als der Film.  Und so kann es auch bei anderen Themen sein.

Schaut man sich gut erhaltene, alte Fotos an, wirken sie so, als wären sie erst gestern entstanden. Wer sich nach dreißig langen Jahren wieder erkennt, freut sich darüber. Daraus ergibt sich sofort ein Gespräch, das lange dauern kann. Handelt es sich bei dem Fundstück um Musik, kann sie wieder lebendig werden. Und im besten Fall erlebt man das, immer wieder. Dann sind auch die besten Lautsprecher austauschbar. Denn das Gedächtnis hat viel Platz. Und mehr noch das Unterbewusstsein, in dem auch viele Schatten gespeichert sind. Die Schaltzentrale der Gedanken, im Herbst und im Winter.

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