Das Ende des bayerischen Märchenkönigs

26.2.2021. Zu den häufigsten Themen gehören zur Zeit die staatlichen Verbote, zur Versammlungsfreiheit, zur Schließung aller Gaststätten und noch mehr. Oft kommt bei den Diskussionen gar nichts heraus, aber Klarheit schaffen manchmal Vergleiche, sogar Einzelfälle. Am 13.6.1883, beging der bayerische Märchenkönig Ludwig II. Selbstmord, vor seinem Schloss Berg am Starnberger See. Gar nicht weit entfernt, in Seeshaupt am gleichen See, befand sich zufällig seine Seelenfreundin, Kaiserin Elisabeth aus Wien. Sie schrieb danach ein Gedicht, in dem sie seinen Nachfolger, den Prinzregenten Luitpolt heftig kritisierte. Über den zweitägigen Transport des gefangenen Königs gibt es Dokumente, die ich gestern nur zufällig fand. Hier kann man sie nachlesen:

http://www.kulturpfad-ludwig2.de/seeshaupt-gasthof-post/

Die Behandlung durch seine Begleiter war abstoßend. Angeblich gab es sogar konkrete Rettungspläne, wie man in dem gerade genannten Bericht erfährt. Aber sie scheiterten. Was war passsiert? Ludwig war von einer starken Bauwut besessen, errichtete ein Märchenschloss nach dem anderen: Linderhof. Neuschwanstein. Herrenchiemsee. Das kostete Riesensummen, und die Münchner Staatsregierung wollte ihn endlich loswerden. Abgesetzt hatte man in Bayern aber, vorher noch keinen einzigen Herrscher. Also suchte man nach einer billigen Ausrede. Nach einer dicken Lüge. Ludwig war ein Sonderling, mit ein paar harmlosen, seltsamen Angewohnheiten. Deshalb bekam der Psychiater Bernhard Gudden den Auftrag, ihn für wahnsinnig zu erklären. Gudden sprach kein einziges Mal mit ihm, notierte aber das Geschwätz seiner Mitarbeiter. Daraus bastelte der Doktor sich ein richtiges Märchen zusammen. Sein falsches Gutachten wurde von der bayerischen Staatsregierung dankbar angenommen. Ludwig wurde sofort abgesetzt und auf dem Schloss Neuschwanstein verhaftet. Am nächsten Tag lockte er Gudden zu einem Spaziergang an den See hinaus, und versuchte, über das flache Wasser zu fliehen. Gudden wollte ihn festhalten, dabei ertrank er, anschließend auch Ludwig, angeblich an einem Herzschlag wegen nervlicher Überlastung. Bis heute lassen seine Wittelsbacher Nachfahren den Sarg nicht öffnen, so dass die Gerüchteküche immer mehr kochte.

Hier wurde ein Fehler nach dem anderen gemacht. Absichtlich. Kein seltener Einzelfall, sondern schon im 19. Jahrundert ein Lieblingsthema, auch in den Kriminalromanen von William Wilkie Collins (1824 – 1889). „Die Frau in Weiß“ handelt von einer Dame, die nachts auf Friedhöfen herumirrt. In Wirklichkeit ist sie eine reiche Erbin, die von der habgierigen Verwandtschaft mit Gerüchten aus dem Weg geschafft werden soll, mit falschen ärztlichen Gutachten.

Auch in Deutschland gab es in den letzten Jahren ähnliche Fälle. Im genau dokumentierten Fall Kachelmann wurden haarsträubende Fehler begangen. Der Nürnberger Gustl Mollath hat vom bayerischen Staat mittlerweile eine hohe, sehsstellige Entschädigungszahlung erstritten. Die Mehrheit der Mitwisser hatte vorher einfach den Mund gehalten oder mitgemacht.

Trotzdem sind auch die jetzigen Verbots-Diskussionen nur unklar. Die medizinische Begründung ist richtig. Aber das Drumherum und viele andere Aktivitäten enthalten Fehler, die ausgenutzt werden. Die Zukunft können nicht nur bessere Informationen sein, sondern auch ihre Realisierung. Auch dabei kann man aus der Vergangenheit lernen, jeden Tag.

Aus dem Leben des bayerischen Märchenkönigs Ludwig II. hat schon 1955 Helmut Käutner einen spannenden, sehr sorgfältigen Farbfilm gemacht. Die Wagnermusik dirgierte Herbert von Karajan, sehr temperamentvoll. Hier kann man den Film volständig sehen (70 Minuten) :

https://www.youtube.com/watch?v=LwN7aGY0BQM

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