Das falsche Gold

31.5.2021. Selbst Weltgeister sind nicht unbedingt friedliche Menschen. Der bayerische Märchenkönig Ludwig II. (1845 – 1886) sagte bei der ersten Begegnung zu Richard Wagner, „Von jetzt an werden Sie keine finanziellen Sorgen mehr haben.“ Wagner war dafür genau die richtige Adresse. Er bekam eine monatliche Vergütung  und seine besten Werke, Tristan und Meistersinger, wurden zum ersten Mal im Münchner Nationaltheater gezeigt, mit den beiden in der Königsloge. Dann geriet Richard in einen Machtrausch. Er mischte sich in die Politik ein, veröffentlichte anonyme Zeitungskommentare gegen die Ministen Pfordten und Pfistermeister („Pfo und Pfi“). Schließlich zahlte ihm die königliche Kassenverwaltung einen geforderten hohen Geldbetrag nur in kleinen Münzen aus, die von rumpelnden Pferdewagen abtransportiert werden mussten. Mit der Ehefrau Cosima seines Leibdirigenten Hans von Bülow rückte er immer enger zusammen, belog aber den König, es handelte sich nur um eine harmlose Bekanntschaft. Damit war das Maß voll, er musste sofort die Stadt verlassen. Der Zuschauerraum des Münchner Prinzregentheaters ist eine Kopie des  gleichen Orts im Bayreuther Festspielhaus, wo er dann  seine Werke vollendete.

Das lockte berühmte und auch sehr reiche Leute an. Friedrich Nietzsche (1844 – 1900) schrieb verächtliche Kommentare über das Publikum, das nach seiner Meinung wenig Interesse hatte, aber gern gesehen werden wollte. Anders ist es auch in München nicht, wo die Festkleidung der Premierenbesucher noch  breiter ist als die Sitzplätze. Der enthemmten Habgier und der Jagd nach einem verfluchten goldenen Ring hat Wagner in seinem vierteiligen Zentralwerk vom „Nibelungenring“ ein Denkmal gesetzt, das bis zum Weltuntergang geht. Voller Symbole und Naturerscheinungen, vertieft durch eine gewaltige Musik.

Wagners Wirkung war immer eine ganz besondere. Adolf Hitler (1889 – 1945) tauchte jedes Jahr persönlich in Oberfranken auf und wohnte im Haus  des verstorbenen Sohnes Siegfried. Nach dem Kriegsende und einer sechsjährigen Pause übernahm Enkel Wieland Wagner (5.1.17 -17.10.66) die Leitung, von 1951 bis zu seinem frühen Tod. Schon die erste Vorstellung, Parsifal, war eine Sensation. Ohne naturalistisches Gerümpel herrschten auf der Bühne magische Dekorationen aus Licht, eine spannende Personenregie und die besten Musiker der Welt. Diese Qualität wurde bis heute niemals übertroffen.

Warum das so kam, hat keinen Platz in diesem kurzen, überschaubaren Text. Was am Ende bleibt, ist nicht das viele Geld. Das landet auf der ganzen Welt und wird dort ausgegeben. Was bleibt, ist die innere Kraft der Werke, das Mysterium. So nennt man ein Geheimnis, das sich nicht auflösen lässt. Spurensuche kann sehr spannend sein, jeder Kriminalfilm lebt davon. Aber die Magie ist etwas ganz Anderes. Ein universales Phänomen, das eine Bildersprache verwendet, die sehr alt ist, überflutet von optischen, sprachlichen und akustischen Signalen. Sie umzusetzen für das Publikum, gelingt nicht immer.

1951, vor siebzig Jahren, wurde auch die erste vollständige Parsifal-Aufnahme mitgeshnitten. Die akustische Qualität ist digital von allen Störungen befreit worden. Vor Allem der Beginn, das 14 Minuten lange Vorspiel, ist ein unvergessliches Dokument, das auch diejenigen begeistert, die  keine Experten sind:

https://www.youtube.com/watch?v=EWXNUADhMzo

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