Das Preislied 2004

9.10.2021. Kunst kommt von „Können“, nicht vom „Wollen“, denn sonst hieße es ja „Wunst“. Das kann man auch noch höflicher formulieren, aber vollautomatisch wachen dann die „Wunstlinge“ auf. Sie verdienen viel Geld und verteidigen das mit Zähnen und Klauen, also erbittert. Auch wenn nur wenige Eintrittskarten verkauft werden. Der Staat subventioniert das mit griffbereiten Steuergeldern, also gibt es auch kein Minus. Schreibt man dazu kritische Beiträge, brechen schlafende Vulkane aus. Vor über 20 Jahren sah ich in der Münchner Staatsoper eine märchenhafte Inszenierung von Humperdincks „Hänsel und Gretel.“ Auf den Programmzetteln stand als Vorwarnung, dass es sich um eine „Jugendvorstellung“ handelte. Das Publikum bestand vor Allem aus Schulklassen, die sich laut unterhielten. Vor Allem in der Sitzreihe vor mir. Einem sagte ich deutlich ins Ohr, „Wenn ihr kein Interesse daran habt, bleibt doch zu Hause.“ Das half sogar, aber dann begann der „Abendsegen, mit goldenen Engeln auf der Bühne und einer sehr bekannten Musik. Da gab es einen lauten Knall in der letzten Reihe. Angeblich war ein Zuschauer zusammengebrochen. Rettungskräfte transportierten ihn langsam nach draußen, knallten dabei laut gegen die einzelnenn Sitze. Heute denke ich, dass es inszeniert war, weil ich im Internet solche Aufführungen immer gelobt habe und die Meinung entstand, das müsse man mir heimzahlen. So ähnlich war das auch beim Besuch einer „Tristan“-Vorstellung, die immer mit ganzen leisen Klängen beginnt. Plötzlich riss ein junger Mann die Sreitentür auf und tuschelte mit dem Sitznachbarn links. Der stand polternd und rumpelnd auf. Ich sagte zu ihm, „Geht das nicht leiser?“ Als er weg war, kamen andere Zuschauer in der Pause, „Das war der Theaterarzt!“ Eine Dame sagte sogar, sie wäre seine Ehefrau, „Beim nächsten Mal lassen wir Sie einfach liegen.“ Tatsächlich darf der Theaterarzt sich gar nicht im Publikum aufhalten, sondern vor Allem hinter der Bühne, falls den wertvollen Sängern einmal etwas passiert.“ Auch das war also nur ein Spiel mit Statisten. Sie wissen auch, wer das leitet und wer die Aufträge dafür gibt, weiß der Einsatzleiter.

Aber solcher Quatsch ist nur Zeitverschwendung. Die menschliche Phantasie kommt noch auf ganz andere Ideen, deren Aufzählung hier überflüssig ist. Schlechte Erfahrungen kann man auch mit der Mehrheit im Publikum machen, die sich gar nicht für Musik interessiert, aber in den Pausen ihre Garderobe zeigt, als Lockmittel für „vermeintlich einsame“ ältere Herren, die man wie Weihnachtsgänse ausnehmen will. Oder mit zusammenphantasierten Rachekampagnen verfolgt.

Wem es sowieso zu eng oder zu heiß und teuer in der Oper ist, kann man man sich auch die Musikfilme daheim im Wohnzimmer anschauen. Deshalb gibt es hier leicht verständliche Erklärungen zu den Meisterwerken, verteilt auf zahlreiche Artikel, die aber immer ein Gesamtbild deutlicher machen, mit der Tiefenwirkung und den Fernverbindungen, bis an die Grenzen des Universums.

Bei den zehn bedeutenden Wagnerwerken fehlen jetzt nur noch „Tristan“ und „Meistersinger“, in einer Kurzfassung, die nicht an der Oberfläche bleibt.

„Tristan“ hat einen klaren Text und verzichtet auf lange Erklärungen. Dafür sprengt die ekstatische Musik alle damals bekannten Grenzen. Der Chor hat nur eine ganz kleine Nebenrolle. Es gibt nur fünf Hauptfiguren. Das Liebespaar, Tristan und Isolde, dazu ihre beiden Diener Kurwenal und Brangäne. Für Langweile sorgt König Marke. Er erwischt die beiden im nächtlichen Garten seines Schlosses und jammert dann, eine gefühlte Stunde lang, über ihre Gemeinheit und Untreue. Obwohl das auf der ganzen Welt passiert, jeden Tag. Besonders aufregend ist die große Liebes-Szene im zweiten Akt. Sogar die Worte fangen an, aus dem Takt zu geraten. Zum Beispiel: „Was mir dachte, was mir däuchte, löscht des Welten Graus welterlösend aus:“ Übersetzt: „Was ich mir dachte und einbildete, löschen die Phantasie und die Alpträume einfach aus. Damit werden wir vom Schmerz und der Traurigkeit der Welt befreit.“

Die Rätselsprache gehört immer zum Programm bei Wagner. Noch rätselhafter sind die sonstigen Sprachbilder der Symbolik, die er überreichlich verwendet. Hier gibt es 116 eigene Artikel, zur „Deutung der Symbole“ :

https://luft.mind-panorama.de/?s=deutung+der+symbole&x=13&y=8

Jetzt fehlen nur noch die „Meistersinger“ als überschaubare Erklärung. Die Handlung ist derart umfangreich, mit zahlreichen Seitenlinien und Anspielungen, dass man monatelang braucht, um tiefer in den Dschungel einzudringen, der dann aber viele exotische und paradiesische Überraschungen freigibt. Musikalisch öffnet Wagner eine Nürnberger Lebkuchen-Schatzkiste, eine Zaubertruhe, in der seine eigene Klangsprache dominiert. Aber deutlich sind die Hinweise auf die Methoden von Johann Sebastian Bach, im Vorspiel mit dem dreifachen Kontrapunkt, bei der Verlesung der strengen Regeln in der „Tabulatur“ und bei der Prügel-Fuge, die eine nächtliche Massen-Schlägerei begleitet. Höhepunkt ist das Preislied. Mit der biblischen Eva in einem mittelalterlichen Paradiesgarten. Das verlorene Paradies war auch die Idee der mittelalterlichen Kathedralen, deren Altar aus drei Teilen bestand, dem Tryptichon. Zu diesem Stichwort findet man hier 19 eigene Artikel:

https://luft.mind-panorama.de/?s=tryptichon&x=9&y=7

Das Preislied singt hier Ben Heppner, in New York 2004:

https://www.youtube.com/watch?v=LuON5QwY2pE
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