Das Wunderland der Operette

21.3.21. In der Jugendzeit hört man das, was auch Andere hören. Kaufhäuser benutzen weiche Klangteppiche, um den Verkauf zu steigern. Auch Firmen, die mit freundlichen Texten die Kundschaft umschmeicheln. Leider klingt das nicht immer sehr gescheit. Wenn man sich selbst Komplimente macht, ist das langweilig. Noch schlimmer, wenn die kurzen Sprüche nicht stimmen. Das muss gar keine Verbote beschädigen. Aber Täuschungsmanöver sind unbeliebt und ein rasches Warnsignal, wenn man solche Kollegen oder Freundescliquen öfter als einmal trifft. Oft wollen sie als Lockvögel, durch auffällig angenehmes Benehmen und Äußeres neue Kunden finden. Aber sogar Einladungen zu einem Freibier kann man ablehnen. Dann fallen die Masken und verzerren sich wütend, bis zur Erkennbarkeit. In deren Firma folgen scharfe Vorwürfe und schlechte Beurteilungen, bis zum bitteren Ende. Selbst wenn die mitgeschleppte Farbpalette sehr bunt ist, hat sie überhaupt keine Wirkung mehr. Wenn das ein zentrales Geschäftsprinzip der ganzen Firma ist, hat sie gegen die gesamt Konkurrenz auch keine Chance mehr und geht unter. Das passiert sehr oft. Es handelt sich um persönliche Erfahrungen, deren Details aber ein Recht darauf haben, nicht überall bekannt zu werden. Geheim ist daran gar nichts und allen Beteiligten bestens bekannt, auch bei deren Freunden und viel größeren Kreisen, wenn es richtig hohe Wellen dabei gab. Alfred Hitchcock erzählte viele seine Arbeits-Prinzipien sogar gern weiter, an Journalisten. Zum Beispiel: „Ich werfe einen Stein in einen ganz stillen See und schaue zu, welche Kreise er dabei zieht.“ Das hat er oft gemacht, mit allen bekannten Schikanen seiner Methoden, die Welterfolge wurden und immer mehrere verdeckte Wahrnehmungsebenen hatten, die der Zufallsbesucher gar nicht erkannte.

Solche Falschbeurteilungen in Krimis und alle lückenhaften Bewertungen der Wirklichkeit können in der Realität böse Folgen haben. Bevor ich die labyrintische Welt der hochkonzentrierten Oper kennenlernte, gab es nur beliebte Schlager und leichte musikalische Kost. Aber im dominierenden Radio der Sechziger Jahre liefen auch viele Operetten,. Die Aufnahme-Studios in Köln am Rhein hatten Spitzenkräfte. Unvergesslich vor Allem der Dirigent Franz Marszalek (1900 – 1975). Er war ein Meister der Operette, die heute nur noch einen verblassenden Namen hat. Die Handlungen waren weltfremd, es ging um Liebesprobleme unter Grafen, Fürsten und Adligen ohne Arbeit. Heute ist das sehr genießbar, wenn man die Texte energisch kürzt.

Man könnte das schlecht reden und abwerten, als Flucht in eine heile Welt. Aber das ist kurzsichtig. Niemand glaubt als Konzertbesucher, dass plötzlich die größten Probleme der Welt sich in Luft aufgelöst haben. Es ist eine kurze Entspannung. Andere gehen dafür zu Fußballspielen oder machen einen Tagesausflug ins Gebirge. Aber Musik wirkt auf das Innenleben, wenn man sie mag.

Operetten gehörten immer seltener dabei, aber das gelang viele Jahre, natürlich in Österreich, wo die alten Grafen so viele Schlösser und Rittergüter hatten. In Bregenz am Bodensee gab es dafür Festspiele, direkt am Ufer. Dann tauchten dort leider die ganz ernsten Opernexperten auf. Sie wollten die höchsten Gipfel der langen Opern auf die kleine Seebühne bringen und damit noch mehr Geld verdienen. Das war oft sehr langweilig. Also sind die Gründer für immer abgehauen, nach Mörbisch am Neusiedler See. Ein großes, beliebtes Urlaubsgebiet im Sommer, 84 Kilometer südlich von der Operettenmetropole Wien. Ein Riesenerfolg. Die jährlichen Filmaufzeichnungen sind in vielen Fällen erhalten. Da wurden die alten Zeiten wieder lebendig, mit ihren Farbfehlern und Löchern im Strickmuster, den kitschigsten Uniformen aus der Kaiserzeit und seiner Märchenprinzessin Sissi (1837 – 1898). In Mörbisch machte man sich nicht lustig über sie, sondern gab den sentimentalen Geschichten Feuer und Schwung, im Rahmen ihrer Träume und Gedankengebäude, die lebhaft vorbeirollten.

Gemeinheiten und Intrigen gehörten natürlich auch dazu, wie im richtigen Leben. Aber hier waren sie nur wie Salz und Pfeffer, also Gewürze, die den Geschmack steigern. Und Teil einer Illusion, die wie Seifenblasen zerplatzten, wenn der Vorhang sich schloss. Die Musik erzählte auch traurige, wehmütige Geschichten, aber sie hatte, als Schwerpunkt und Kraftzentrum, die Spitzen der Lebensfreude im Visier. Tanz und Bewegung. Ihre Meister waren Franz Léhar, Imré Kalman und Johann Strauss, dazu auch Einzelne, die ihren Beitrag in Grenzen hielten und Eintagsfliegen. In Köln hat Franz Marszalek viele Gesamtaufnahmen hergestellt, aber die Texte dabei ganz weggelassen. Dann ist es ein reines Vergnügen, voll geistreicher Einfälle und unsterblicher Melodien.

Wenn man in Wien zum Prater geht, dem großen Verntaltungsgelände mit dem Riesenrad, sieht man kurz vorher einen Gedenkstein an Robert Stolz (1880 – 1975), der viele Operetten geschrieben hat. Auf dem Stein steht nur ein Satz: „Im Prater blühen wieder die Bäume“. Damit beginnt eines seiner bekanntesten Lieder. Gestern war Frühlingsanfang, aber das Lied setzt viele Erinnerungen in Bewegung. Besuche in der Stadt, von 1995 bis 2005. Da gab es draußen keine walzertanzenden Paare, sondern die Wirklichkeit. Die historischen Ereignisse, die oft von Kriegen begleitet wurden. Personen, die das gesamte Stadtbild aufgebaut haben. Vor zweitausend Jahren errichteten die Römer dort ein Militärlager, danach hörte die Unruhe gar nicht mehr auf. Glanz und Gloria wechselten ab mit Niederlagen. Die Kaiserbauten beherrschen die Altstadt, aber die Bevölkerung selbst ist ärmer geworden. Eine Beobachtung, die zutrifft auf der ganzen Welt.

Aber man muss sich nicht nur darauf beschränken. In Mörbisch inszenierte Hellmuth Lohner im Jahr 2005 Léhars „Lustige Witwe“, mit Margarita de Arellano und Martin Hausmann. Leider mit den langatmigen Texten, aber musikalisch sehr schwungvoll. Hier kann man das sehen:

https://www.youtube.com/watch?v=qfp5tn2n2xA

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