Der Barbier von Sevilla

13.11.2020. Gioacchino Rossini (1792 – 1868) hat Viel komponiert, aber jeder Musikfreund kennt seinen „Barbier von Sevilla“. Er läuft einem immer wieder über den Weg. Leider auch zum Einschlafen, wenn die Mitwirkenden kein Gespür dafür haben. Im Jahr 1970 war ich bei der Bundeswehr in Bad Segeberg, und der Samstag gehörte meist dem nahen Hamburg. Die Staatsoper dort verkaufte an Soldaten preiswerte Sonderkarten, und schon war man drin. Einmal schlich ich nur draußen vor den Schaukästen herum, da näherte sich eine unbekannte junge Dame mit der Frage, „Möchten Sie den Barbier sehen?“ „Natürlich.“ Da drückte sie mir eine Freikarte in die Hand. Drinnen gab es kostenlos die Generalprobe, genauso besetzt wie die noch bevorstehende Premiere mit aufgedonnertem, gut zahlenden Publikum. Regie führte Harry Meyen, damals bekannt als zeitweiliger Lebensgefährte des Filmstars Romy Schneider. Er macht wirklich etwas Gutes daraus.

Ein helles Bühnenbild mit südlicher Mittelmeer-Atmosphäre. Spanische Kostüme. Temperamentvolle Sänger. Und dann läuft das Stück von selbst. Im Publikum saßen nur Alltagsmenschen in Straßenkleidung. Auch angenehm, wenn es nur eine „Generalprobe“ ist. Die letzte und wichtigste, bevor die Öffentlichkeit es zu sehen bekommt. Das Stück kannte ich damals noch gar nicht so genau, aber die Vorstellung war spannend und elektrisierte. Vorher war die Stadt Hamburg immer eine Reise wert. Der Ozeanhafen lag gar nicht am Meer, sondern weit weg davon. Aber im Hafen wurden die Schiffe ein- und ausgeladen. Da konnte man zuschauen, in einem Panorama-Restaurant an den Landebrücken von Sankt Pauli, wenn sie ganz nahe vorbeifuhren, Richtung Ozean. Ein Grund für Träume und Sehnsucht nach der großen, weiten Welt, die man damals nur aus Filmen kannte. Und die Kaserne lag kilometerweit vor der Stadt Bad Segeberg.

Tagsüber war es dort körperlich sehr anstrengend. Abends war gar nichts los. Wir nannten den Ort, „Stadt der drei Meere. Tagsüber ein Häusermeer. Abends ein Lichtermeer. Nach zehn Uhr – gar nichts mehr.“ Damals habe ich mein erstes Bier getrunken. Mit den anderen Soldaten. Die Stimmung stieg dabei unaufhaltsam, und am nächsten Morgen wollte sich Niemand mehr daran erinnern, was dann später Alles noch passierte. Im Februar 1970 ging es für drei Monate sogar bis zum Südpol, nach Bayern, zur Kampftruppenschule I , dem „Lager Hammelburg“, nicht weit von Würzburg. Und von dort ging es, wieder an einem freien Samstag, in das verschneite Bayreuth. Ohne Festspielrummel. Nur wenige Spaziergänger. Aber am Grab Richard Wagners kamen die stärksten Gedanken. Drei Jahre vorher hatte ich seine Welt entdeckt, ein Universum aus Worten, Bildern und Klängen. Und abends ging es damals mit dem letzten Zug zurück, zur Kaserne in Hammelburg, die oben auf einem kleinen Berg lag. Kein Stadtbus fuhr spätabends mehr. Also musste man zu Fuß hinauf. Menschlich war dort eine angenehme Atmosphäre. Bei den ungewohnten körperlichen Belastungen half man sich gegenseitig. Ganz anders als später, im beruflichen Konkurrenzkampf, wo schlechte Charaktere, Lügner und Schleimer mit ihren Freunden oft die Macht an sich rissen und unverschämt das Betriebsklima beschädigten, den Haupt-Motivator für wirtschaftliche Erfolge und verdiente, gute Gewinne. Da ich nicht hinterhältig bin, war es für die verbündeten Freunde eine raffinierte Zielscheibe, um zu zeigen, wozu sie fähig waren.

Aber das Lachen verlernte man trotzdem nicht. Auch nicht die Lebensfreude. Dazu gehört die Gewöhnung an das Abschalten. Dabei kann ich, auch in einer überfüllten Straßenbahn die optischen und akustischen Außengeräusche bewusst ausblenden. Sie sind zwar da, aber die Meditation ist stärker. Das Verschwinden der Nebensachen. Die Konzentration auf das Wichtige. Dabei erlernt man ganz alte Methoden, die in Indien und China das Denken der Erwachsenen durchdringen und ausfüllen können. Im Mittelpunkt von Europa liegt ein einzelner Ort, eine überschaubare Stadt mit zur Zeit 75.000 Einwohnern. Der Dichter Jean Paul schrieb, „Es ist eine schöne Stadt. Wenn nur die Einwohner nicht wären.“ Er lebte und arbeitete dort, in seiner eigenen Gedankenwelt. Und er hatte keineswegs Recht. Auf der ganzen Welt leben die Bewohner nach den gleichen Regeln. Oder beachten sie einfach nicht. Richard Wagner (1813 – 1883) war ein Geschenk für die wichtigsten Hörer der Welt, aber nicht für eine einzelne Stadt.

Er fuhr viele Winter durch ganz Italien, weil dort das Wetter angenehmer war. Aber die meisten Kollegen, die Komponisten dort mochte er gar nicht, weil er sie für oberflächlich hielt. Seinen Zeitgenossen Giuseppe Verdi (1813 – 1901), der mit ihm sogar das Geburtsjahr 1813 teilte, hat er niemals treffen wollen, obwohl auch der ihn bewunderte. Nur dessen Landsmann Giacchino Rossini (1792 – 1868) traf er gern persönlich, im März 1860 in Paris. Wagner schrieb darüber sogar einen gut gelaunten, ausführlichen Bericht, in dem er auch behauptete, Rossini könne nur dann komponieren, wenn er vorher drei gebratene Hähnchen gegessen habe.

Rossinis bekanntestes Werk, „Der Barbier von Sevilla“ wurde 1819 zum ersten Mal in Wien aufgeführt. Am 7.5.1824 war dort auch die Uraufführung von Beethovens neunter Sinfonie, aber Rossinis „Barbier“ war schon fünf Jahre lang ein bekannter Publikumsliebling. Beethovens letztes Werk begleitete Richard Wagners Leben immer, der es auch als Vorbild sah für seine Idee, ein großes Orchester mit dem Klang menschlicher Stimmen zu erweitern. Die Grundsteinlegung seines eigenen Festspielhauses am 22.5.1872 feierte Wagner im Markgräflichen Opernhaus, mit einer Aufführung von Beethovens neunter Sinfonie. Auch die Nachkriegseröffnung der Festspiele, im Jahr 1951, durch den genialen Wieland Wagner, begann auf der Bühne mit einer damals aufgezeichneten, lebhaften Aufführung dieser Beethoven-Sinfonie, hellwach geleitet vom berühmten Wilhelm Furtwängler, der sich damit zum letzten Mal in Bayreuth zeigte. Der Chor sang, wie immer, „Brüder, über dem Sternenzelt muss ein lieber Vater wohnen. Alle Menschen werden Brüder!“ Und diese Idee gilt noch immer. Sie lebt in allen zehn Wagnerwerken und wurde darin, immer vielschichtiger gestaltet.

Zum 200. Geburtstag von Rossinis musikalischer Komödie „Barbier von Sevilla“ entstand im Februar 2016, passend, in Sevillas Teatro de Maestranza, eine sehr gelungene Aufzeichnung. Musikalisch hervorragend besetzt. Die einzelnen, spielfreudigen Sänger waren nicht zu übertreffen. Der Dirigent brachte genau die federnden, amüsanten Klänge, die man dabei eigentlich sowieso erwartet. Und die Regie entwickelte ständig gute, unaufdringliche Einfälle, aus dem Libretto. Hier kann man das vollständig anschauen:

https://www.youtube.com/watch?v=QMWFijOxn_w

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