Der unsichtbare Dritte

16.8.2021. Der beste Film von Alfred Hitchcock beginnt damit, dass er im dichten Menschengedränge einer Bushaltestelle in New York wartet. Er will einsteigen, aber die Tür schlägt direkt vor seiner Nase zu. Den Fahrer sieht man nicht, aber dieses Motiv durchzieht das ganze Meisterwerk von 1959: „Der unsichtbare Dritte“. Das schnelle Tempo wird 136 Minuten ohne Schwächen durchgehalten, ständig passiert Unerwartetes, mit einem riesigen Aufwand inszeniert, der sich aber niemals in den Vordergrund schiebt. Irene Sharaff hat für die Hauptdarstellerin Eva Marie Saint hoch elegante Kostüme  geschaffen. In einem hässlichen Hotelzimmer fällt es darum besonders auf, dass sie ein kostbares Abendkleid mit handgestickten roten Rosen trägt. Nur ein einziges Mal. Dazu, in einer freien Drehpause,  wollte die Schauspielerin Kaffee aus einem billigen Platikbecher trinken. Hitchcock nahm ihr den sofort weg und übergab ihr eine edle Porzellantasse mit den Worten: „Daraus trinkt man,  in einem solchen Kleid!“

Der ganze Film wimmelt von solchen, messerscharf beobachteten Kleinigkeiten. Es sind derart viele, dass man sich auf kurze Beispiele beschränken muss. Auf der Flucht vor einer Gangsterbande rasen die Blondine Eve Kendall und ihr Zufallsbegleiter Roger Thornhill (Cary Grant) von New York aus quer durch die USA, bis zum Nationaldenkmal Mount Rushmore in South Dakota. In nordwestlicher Richtung. Deshalb ist auch der unauffällige Originaltitel des Films „North by Northwest“ eigentlich nur eine Richtungsangabe. Doch unterwegs jagen sich Hitchcocks Ideen bis in schwindelerregende Höhen. Ständig muss der harmlose Werbungsexperte Thornhill erleben, dass es bereits viele Spuren von ihm gibt, auch mit seinem richtigen Namen. Gangster jagen ihm deshalb hinterher. Sie halten ihn für einen Mann, der George Kaplan heißt. Unter der Leitung ihres vornehmen Bosses Van Damm (James Mason) gerät ihr Opfer von einer Gefahr in die nächste.

Die Auflösung präsentiert Hitchcock erst kurz vor dem Schluss, ausgerechnet im Motorenlärm eines Flugplatzes. Er hielt solche Aufklärungen für langweilig, wollte dem Zuschauer  aber sämtliche offenen Fragen beantworten, in äußerst raffinierter Form. Thornhill ist nur ein erfundener Lockvogel des Geheimdienstes CIA, und die Bande seines Feindes sind Spione, die in eine Falle gelockt werden sollen. Danach bekommt der unschuldige Thornhill nicht einmal ein Lob vom Staat, sondern er darf nur die Blondine, auch eine Geheimagentin, heiraten. Von einer finanziellen Entschädigung ist gar nicht die Rede, obwohl amerikanische Gerichte auch in den letzten Jahren solche Strafzahlungen, in erheblicher Höhe  angeordnet haben.

Vor Jahren sagte mir ein Bekannter, „Diese Leute stehen über den Gesetzen und müssen sich nicht darum kümmern.“ Das ist ein schwerer Irrtum. Man muss nur mit einer Suchmaschine etwas herumblättern, dann fällt einem ständig die Wahrheit vor die Füße. Auch Staatsbeamte, ihre Mitarbeiter und Auftragsfirmen müssen sich an alle Gesetze halten. Das deutsche Bundeskriminalamt (BKA)  hat ein neues BKA-Gesetz geplant, aber es verstößt massiv gegen  die Verfassung. Die Klagen von angesehen Juristen dagegen werden in Karlsruhe geprüft.  Es besteht kein Zweifel daran, dass sie berechtigt sind und das gesamte Pragraphenwerk, auch seine vielen anderen angehängten Rechtsvorschriften, eine genaue Überprüfung nicht lückenlos bestehen können. Auch die Sonderfälle sind als fragwürdig zu bewerten. Ich habe schon oft hier darauf hingewiesen, mit vielen Beispielen aus dem gesamten Alltag der großen Staaten, auch im ausländischen Bereich. Es gibt  viel Korrekturbedarf.  Gespräche in der Vergangenheit bestätigen das.

Hitchcock hat in seinem Meisterwerk eine derartige Kritk völlig unterlassen, aber keineswegs  vergessen. Die fehlenden Antworten gibt er zum Beispiel beim „Mann, der zu viel wusste.“ Diesen Stoff hat er sogar zwei Mal verfilmt, die verbesserte Fassung ist von 1956,  enstand also bereits drei Jahre vor dem „Unsichtbaren Dritten“. Natürlich ist auch diese spannende Handlung frei erfunden, aber das hat es in sich: Der Zahnarzt Dr. McKenna (James Stewart) und seine Ehefrau Jo (Doris Day) machen Urlaub in Marokko und sehen dann sofort verdächtige Dinge.  Höhepunkt ist der Zusammenbruch eines falschen Arabers, der sein Gesicht mit fetter schwarzer Schuhcreme verdunkelt hat und sterbend vor den beiden Urlaubern zusammenbricht. Vorher flüstert er ihnen Informationen zu,  über ein geplantes Attentat: In London soll in den nächsten Tagen ein wichtiger ausländischer Staatsmann getötet werden.

Die Urlauber brechen nach London auf und kommen dem ganzen Geheimnis auf die Spur: Chef der Verschwörer ist sogar  der offizielle Botschafter des Staates, der  einfach seinen eigenen Präsidenten ermorden lassen will. Die Täter treffen sich ausgerechnet in einer alten englischen Kirche. Das kann nicht gut gehen. Dann entführen sie den kleinen Sohn des Zahnarztes. Versteckt wird er in einem Zimmer der berühmten Londoner Konzerthalle „Royal Albert Hall“. Seine Mutter singt deshalb laut den Schlager „Que sera“, damals ein echter Erfolgshit der Schauspielerin Doris Day. Der Junge hört sie sofort und wird befreit. Aber mitten im anschließenden, klassischen Konzert, in  der voll besetzten Musikhalle, bei einem laut knallenden Beckenschlag aus dem Orchester, soll der ahnungslose, anwesende  Botschafter unbemerkt erschossen werden. Die wachsame Mutter sieht jedoch den Täter und kreischt laut in die Musikhalle hinein. Daraufhin misslingt der geplante Anschlag, und auch die Kinobesucher können wieder entspannt nach Hause gehen.

Auch hier geht es also um Geheimdienste, aber diesmal bewertet Hitchcock sie eindeutig: Verbrecher und Mörder. Er liebte alle Arten von Verbrechen, nicht nur die privaten,  wie in seinen anderen Erfolgfilmen. Im Thriller „Topas“ von 1969 zeigt er die, natürlich erfundenen, hochpolitischen Vorfälle in Dänemark, Paris. Und sogar die gefährliche Kuba-Krise vom Oktober 1962, zum Teil durch Verwendung von echten Dokumentarfilmen. Die Kuba-Krise wurde gelöst durch ständige Telefonate und eine friedliche Eingung zwischen dem  amerikanischen und russischen Päsidenten. Im Film spielen Geheimdienste eine Hauptrolle, und ein Agent taucht sogar persönlich in Kuba auf, steht dort vor dem echten Präsidenten Fidel Castro, der tatsächlich auch gezeigt wird, als er eine kämpferische  politische Rede  vor seinen Anhängern hält. Natürlich wurde das historische Originaldokument einfach nur in die Spielfilm-Szene hineingeschnitten, es wirkt dabei völlig echt. Zum Schluss wird der vorher unbekannte Verräter entlarvt, ein Doppelagent in Paris, der dann Selbstmord begeht. Die letzte Szene zeigt eine leere Parkbank mitten in Paris, von der aus eine Tageszeitung im Wind davonfliegt, mit der Schlagzeile „Kuba-Krise beendet“.

Diese Krise hat 1962 tatsächlich die ganze Welt in Gefahr gebracht. Die Supermächte USA und Russland bedrohten sich gegenseitig, auch mit einsatzbereiten Atomwaffen, die ganze Großstädte auslöschen konnten.

Hitchcock hat daraus sein eigenes Spiel gemacht, wie immer. Wer dabei nur zuschaut, erlebt die ganze Wunderkiste der Hochspannung, aber kaum tricktechnische Rekorde, die es damals noch gar nicht gab. Unsterblich sind diese Filme deshalb, weil sie in die dunkelste Tiefe des menschlichen Innenlebens hineinleuchten. Nicht nur mit den Methoden des Surrealismus und der Tiefenpsychologie, aber das sind ihre stärksten Instrumente. Für alle anderen ist in diesem Artikel kein Platz, aber man kann sie auch erleben in dem Artikel „Hitchcocks Rebecca“, der hier vorgestern, am 14.8.21, erschienen ist:

https://luft.mind-panorama.de/hitchcocks-rebecca/ 

.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.