Die frühen Jahre

3.2.2021. Erinnerungen an die Kindheit werden manchmal verklärt. Oder Erwachsene sagen, „Habt ihr es aber noch gut!“ Sie meinen den Vergleich mit ihrem eigenen Beruf, die Kosten für den Alltag oder für das anstregende Privatleben. Dabei ist der Anfang viel schwerer, weil man noch große Wissenslücken hat, auf die Keiner vorbereitet ist. Spätestens mit der Grundschule lernt man zwar Lesen und Schreiben, aber die sonstige Qualität ist nicht immer erstklassig. Randalierende Mitschüler verschwanden erst auf dem Gymnasium, weil sie dann sofort Hausverbot bekamen. Eine vierköpfige Gruppe hat mir einmal, mit acht Jahren, auf dem Heimweg den Rodelschlitten weggenommen. Vom Vater setzte es dafür eine halbe Stunde lang Prügel. Aber das war nicht das Ende der Geschichte. Sobald man besser Bescheid wusste, konnte man im Voraus die Abläufe einkalkulieren und Vieles vermeiden. Dann schlossen sich die größten Wissenslücken immer mehr. Außerdem hatten die Schulen damals noch den Anspruch, eine große Universalbildung zu vermitteln, je breiter desto besser. Aber das war eine Illusion.

Zu viele Jahre wurden mit ausgewalzten, unwichtigen Nebensachen verschwendet. Mit einer toten Sprache wie Latein. Oder ausgefallenem Spezialwissen in Physik und Geographie, das später Niemend mehr brauchte. Selbst in minimaler Form fehlten dafür die zentralen Themen Jura und Betriebswirtschaft ganz. Das musste man erst an der Universität jahrelang studieren oder im Beruf sich selbst beibringen. Als Sachbearbeiter wurden wir zu Gerichts-Prozessen geschickt, deren Problematik man nur als ungeschulter Laie kannte. Aber die Anwälte und Richter waren manchmal noch schlechter vorbereitet. Eine Richterin mittleren Alters versteifte sich von vornherein darauf, dass unsere Partei im Unrecht war, obwohl dieser Eindruck falsch war. Dann versuchte sie uns Fehler nachzuweisen, während der Schuldige mit seinen Lügen und Mitarbeitern das Blaue vom Himmel herunter erzählen konnte. Manchmal schätzten dann auch Sachverständige den Fall falsch ein. Das war nicht die Regel, aber auch nicht selten.

Noch größer ist der offene Rahmen bei Arbeitsabläufen. Ältere Vorgesetzte haben manchmal keine Selbstzweifel mehr, sondern bestehen eisern auf ihren Gewohnheiten. „Das haben wir immer so gemacht!“. Aber falsch.

Wenn es dabei um Kleinigkeiten geht, ist das egal. Aber schlechte Betriebsergebnisse beschädigen die Qualität, die Einnahmen, die Gehälter und die Motivation. Eigentlich hört der Spass dann auf. Aber viel öfter passiert das Gegenteil. Alle Mitwisser und Mitschwimmer machen weiter und kämpfen gegen Reformen. Dabei helfen ihnen Beförderungen, unbegründete Leistungsprämien und hervorragende, falsche Beurteilungen. Der ganze Faschingszug klappert von Januar bis Dezember. Wenn es nur um privaten Spass geht, ist das in Ordnung. Aber es gibt auch Abteilungen, wo die Mitarbeiter sich in der Mittagspause nicht in die benachbarten Biergarten trauen, weil in den Fenstern neidische Kollegen zuschauen.

Und böses Geschwätz macht einen alten Sumpf noch klebriger. Die Auserwählten verbringen damit ihre Arbeitszeit, die anderen müssen selbst sehen, dass überhaupt noch Jemand arbeitet. Spricht man zufällig mit anderen Firmen, läuft dort das Gleiche ab.

Sand im Getriebe ist ganz natürlich, aber es darf nicht zu viel sein. Doch genau das hat sich in den letzten Jahren immer mehr gesteigert. In der westfälischen Provinz war das vor dreißig Jahren noch übetrschaubarer und gemütlicher. Danach, in München, kam das andere Extrem. Aber nicht ausnahmslos. Voller Freude denke ich an die Menschen zurück, die noch menschlich waren. Da gibt es auch ganze Kontinente voller Erinnerungen. Man muss sich das aber gezielt aussuchen, weil die Merkmale eindeutig sind. Aber sogar dann tauchen aufdringliche Belästiger auf, die sich einmischen. Albert Einstein sagte, „Die menschliche Dummheit ist größer als das ganze Universum.“ Er wird das wohl auch selbst erlebt haben, aber so radikal ist die Wirklichkeit oft auch nicht. Früher habe ich viele eigene Filme gemacht, mit begrenzten technischen Möglichkeiten. Aber sie spiegeln eine Art von Paradies, das es auch einmal tatsächlich gab. Kommt nur darauf an, wer dabei war.

In kurzer Form hat Frank Sinatra, schon vor sechzig Jahren, einen umfassenden, sehr klangvollen Rückblick auf sein Leben aufgenommen: „It was a very good Year“ :

https://www.youtube.com/watch?v=TeDfgUvyKHk